Schwere Vorwürfe gegen Grazer Justizwache

12. November 2013, 18:01
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Die Staatsanwaltschaft hat wegen zwei bedenklicher Todesfälle in der Justizanstalt Graz-Karlau Ermittlungen aufgenommen

Graz/Wien - Innerhalb von nur wenigen Tagen starben in der Grazer Justizanstalt Karlau zwei Häftlinge. Beide Todesfälle sind höchst aufklärungswürdig. Ein 25-jähriger Mann soll auf der Krankenstation an einem Drogenmix (Substitutionsmittel und Medikamente) gestorben sein. Ein 40-jähriger Insasse beging Suizid. In einem E-Mail, das dem Standard vorliegt und das aus internen Gefängniskreisen stammt, wird der Justizwache unterlassene Hilfeleistung und "grob fahrlässige Tötung eines Schutzbefohlenen" vorgeworfen.

Der 40-Jährige soll sich in der Nacht von 7. auf 8. November in Einzelhaft erhängt haben, nachdem er sich bereits am Tag davor in einem videoüberwachten Raum selbst verletzt hatte. Er war mit dem Kopf gegen die Zellenwand gerannt. In beiden Fällen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Auch das Justizministerium hat eine "interne Evaluierung" eingeleitet, sagte am Dienstag Christian Timm von der Vollzugsdirektion im Ministerium zum Standard.

Timm relativierte dabei auch die Vorwürfe, die im Fall des mutmaßlichen Suizids laut wurden. Der Häftling sei schon länger "sehr auffällig in puncto Substanzmissbrauch" gewesen. Als man ihn "massiv alkoholisiert" in einer Mehr-Personen-Zelle angetroffen habe, sei er in einen videoüberwachten Raum gebracht worden. Dass der Mann ins Gefängnis geschmuggelten Alkohol konsumiert habe, hält Timm für unwahrscheinlich. Eher hätte er wohl aus Artikeln, "die Häftlinge ja normal kaufen dürfen" , also etwa Rasierwasser und Obst, selbst etwas angesetzt.

Während der Videoüberwachung soll der Mann mit dem Kopf gegen die Wand gerannt sein. Eine blutende Wunde sei versorgt worden, nach Abklingen der Alkoholisierung und nach dem Okay eines Psychiaters sei der Häftling in einen weiteren Isolationsraum überstellt worden - diesmal allerdings ohne Videokameras. Dort erhängte er sich mit einem Gürtel, der ihm zuvor wieder ausgehändigt worden sei, so Timm.

Man könne niemanden permanent mit Video überwachen, "sonst wirft man uns Menschenrechtsverletzungen vor", rechtfertigt Timm die Vorgehensweise. Dass bei dem Mann eine Depression vorgelegen habe, sei "erfunden", so Timm. Zudem sei der 40-Jährige schon bei Haftantritt wie jeder Häftling einem Suizidscreening unterzogen worden. Aber "durch alle Köpfe gehen tausend Probleme", räumt Timm ein. Und: "Durch die Haft werden die Probleme nicht weniger, sondern tendenziell eher mehr."

In der belastenden E-Mail heißt es, dass der Häftling in einer Zelle im Keller gestorben sei, die eigentlich nicht mehr für eine Unterbringung verwendet werden dürfe. Außerdem habe ein Sanitäter davor gewarnt, den verletzten Mann ohne Aufsicht zu lassen.

Ohne Hände erhängt

Hinter Gittern gibt es immer wieder bedenkliche Todesfälle. Im Juli 2005 erhängte sich in der Karlau ein Sexualstraftäter mit einem Elektrokabel. Letzteres war so merkwürdig um den Hals geschlungen, dass Fremdverschulden nicht ausgeschlossen werden konnte. Die Staatsanwaltschaft ließ aber letztlich den konkreten Mordverdacht gegen einen Mithäftling fallen.

Auch der Bombenattentäter Franz Fuchs setzte in einer Einzelzelle der Karlau seinem Leben ein Ende. Der Umstand, dass er es schaffte, sich ohne (die weggesprengten) Hände zu erhängen, nährt bis heute Mutmaßungen über Beihilfe. Doch die offizielle Untersuchung bestätigte, dass Fuchs Suizid beging. (cms, simo, DER STANDARD, 13.11.2013)

  • In der Justizanstalt Graz-Karlau laufen interne Ermittlungen, nachdem innerhalb weniger Tage zwei Häftlinge zu Tode kamen. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt.
    foto: der standard/robert newald

    In der Justizanstalt Graz-Karlau laufen interne Ermittlungen, nachdem innerhalb weniger Tage zwei Häftlinge zu Tode kamen. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt.

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