"Wir sitzen immer noch der Kriegspropaganda auf"

Interview12. November 2013, 23:44
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Die Fotos, die unser Bild der Kämpfe im Ersten Weltkrieg prägen, sind gestellte Aufnahmen, erklärt Anton Holzer - Alois Pumhösel befragte den Fotohistoriker

STANDARD: Geben die Fotos, die wir vom Ersten Weltkrieg haben, ein authentisches Bild wieder?

Anton Holzer: Nein. Wir haben - zumindest was die offiziellen Bilder betrifft - praktisch nur Propagandamaterial zur Verfügung. In allen kriegsführenden Ländern gab es Propaganda und Zensur. Insbesondere die Kampfbilder, die jetzt in Publikationen und Fernsehdokumentationen als authentisch präsentiert werden, zeigen großteils gestellte Kriegsszenen. Das wird aber kaum thematisiert.

STANDARD: Warum macht man keinen Unterschied?

Holzer: Es ist erstaunlich, dass die Frage der gestellten Bilder erst jetzt zum Vorschein kommt. Man sieht immer das, was man sehen will. Dass wir keine authentischen Bilder haben, passt nicht zu unseren Sehwünschen. Oft wird der Erste Weltkrieg in Bildern von Soldaten, die aus Schützengräben hervorstürmen, gezeigt. Unsere Vorstellung ist von einem Krieg geprägt, den man in Frankreich lokalisieren würde. Der Krieg sah aber in großen Teilen ganz anders aus. An der Ostfront, die für Österreich eine größere Rolle spielte, gab es kaum Stellungskriege.

STANDARD: Wie sind die Propagandafotos entstanden?

Holzer: Kampfszenen sind in der Regel bei Übungen hinter der Front nachgestellt worden. Für Filme ist auch später, in den 1920er-Jahren, sehr viel nachgestellt worden. Die quasidokumentarischen Aufnahmen aus der Nachkriegszeit gehen jetzt aber oft als dokumentarisches Material durch.

STANDARD: Die Manipulation ging also nach dem Krieg weiter?

Holzer: Ja. Unser Bild vom Ersten Weltkrieg stammt zu einem großen Teil aus der Zwischenkriegszeit, als versucht wurde, in den Krieg Sinn hineinzulegen. Man hat das Geschehen an der Westfront in den Vordergrund gerückt und versucht, ein sehr heroisches Bild zu zeichnen. Das gilt besonders für die Fotobände dieser Zeit. In den 1920er- und 30er-Jahren ist eine Bildauswahl getroffen worden, die bis jetzt immer wiederkehrt. Wir sitzen immer noch der Kriegspropaganda auf.

STANDARD: Geben uns die privaten Alben einen besseren Einblick?

Holzer: Es gibt viel privates Material. Es wird aber seltener verwendet, weil es nicht so spektakulär ist. Nur sehr wenige Bilder sind unmittelbar bei Kampfhandlungen entstanden. Fotografiert wurde oft erst nach den Schlachten.

STANDARD: Was thematisieren diese Schnappschüsse der Soldaten?

Holzer: Die privaten Fotografien sind viel weniger erforscht als der offizielle Korpus. Die einfachen Soldaten haben einen anderen Krieg fotografiert als die offiziellen Fotografen. Da sieht man viel Idylle, Abenteuerlust und Mannschaftsszenen. Alltag, Warten, auch Faszination an der Technik, etwa das Bedienen der großen Haubitzen, schlägt sich in den Bildern nieder, aber wenig Action.

STANDARD: Sie haben in Ihrer Forschung auch Schaulust und Gewaltdarstellungen thematisiert.

Holzer: An der Ost- und Südostfront gab es massive Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. Es gibt einerseits eine Verschleierung dieser Gewalttaten, gleichzeitig tauchen sie in privaten Fotoalben immer wieder auf. Karl Kraus hat diesen Aspekt des Voyeurismus in den Letzten Tagen der Menschheit thematisiert. Er sagte, das seien Bilder, die - oft entgegen den ursprünglichen Intentionen der Fotografen - die Täter überführen. Die Soldaten lassen sich fotografieren, während sie eine Gewalttat vollziehen. Man will dabei sein, gleichzeitig aber auch Abstand halten. Der Fotoapparat ist das Bindeglied. Man hält ihn vor die Augen, schützt sich. Aber gleichzeitig dokumentiert man die Tat für die Nachwelt.

STANDARD: Wann wurden Fotos im Krieg zum Propagandainstrument?

Holzer: Der Erste Weltkrieg lag in einer Umbruchphase. In den ersten Kriegsmonaten sind viel mehr Zeichnungen als Fotos in den Zeitungen zu finden. Man glaubte, mittels der Zeichnung näher an der Wirklichkeit zu sein. Im Lauf des Krieges hat sich dieses Verhältnis umgekehrt. Ab 1915/16 spielt Fotografie als Instrument der Berichterstattung eine große Rolle. Kaiser Karl erhielt etwa zwei Fotografen zur Seite gestellt, die jeden seiner Schritte dokumentierten. Ich habe einmal in einer einzigen Zeitungsausgabe 122 Kaiser-Karl-Bilder gezählt. Er hat sich als Medienkaiser inszeniert. Zu Kriegsende war Fotografie als Propagandamedium vollkommen etabliert.

STANDARD: Haben sich auch die Fotos selbst verändert?

Holzer: In ästhetischer Hinsicht gab es eine Zementierung. Die Propagandamaschinerie konnte keine Experimente brauchen. Eine Modernisierung kam erst nach dem Krieg. Im Krieg wandelten sich allerdings die Geschlechterrollen in der Fotografie. Die Männer waren an der Front, in vielen Fällen übernahmen die Frauen die Ateliers. Viele große Porträtfotografinnen der Zwischenkriegszeit haben während des Kriegs ihre Ausbildung gemacht.

STANDARD: Fotojournalismus im heutigen Sinn gab es also nicht?

Holzer: Genau. Es war der erste große Medienkrieg. Zum ersten Mal gab es eine breite Palette an Medien von Wochenschaufilmen bis zu Flugaufnahmen. In meinen Augen gibt es, überblickt man die Kriegsfotografie im 20. Jahrhundert, einen zentralen Einschnitt: das berühmte Bild des fallenden Soldaten von Robert Capa aus dem Jahr 1936. Er geht nah heran und suggeriert, dass er in der Gefahr ausgeharrt hat. Etwas, was die Fotografen des Ersten Weltkriegs in der Form nicht machen konnten. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 13.11.2013)


Anton Holzer (49) studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Philosophie in Innsbruck, Bologna und Wien. Der gebürtige Südtiroler arbeitet als Fotohistoriker, Publizist und Kurator in Wien (Zeitschrift "Fotogeschichte"). Er ist Herausgeber des Buches "Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern" (Präsentation: 26. 11., 19 Uhr, Wienbibliothek im Rathaus). Holzer ist Redner beim Symposion des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) zum Ersten Weltkrieg am 21. und 22. 11.

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www.ifk.ac.at

  • Fotograf im Schützengraben, veröffentlicht im Herbst 1917 in einer österreichischen Zeitung. Fotografie wurde zum wichtigen Propagandainstrument im Ersten Weltkrieg.
    foto: archiv holzer

    Fotograf im Schützengraben, veröffentlicht im Herbst 1917 in einer österreichischen Zeitung. Fotografie wurde zum wichtigen Propagandainstrument im Ersten Weltkrieg.

  • Anton Holzer: "Dass wir keine authentischen Bilder haben, passt nicht zu unseren Sehwünschen."
    foto: privat

    Anton Holzer: "Dass wir keine authentischen Bilder haben, passt nicht zu unseren Sehwünschen."

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