Europa verliert bei Energie den Anschluss

12. November 2013, 18:01
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Ob Öl, Gas oder Kohle - die Musik bei Energie spielt in den USA, nicht in Europa, sagt die Internationale Energieagentur in ihrer Vorschau

London/Wien - Europa - das war einmal der Energiekontinent. In der Industrialisierung, die im 19. Jahrhundert dank greifbarer, billiger Kohle in England und Deutschland ihren Ausgang nahm, könnten künftig andere Länder und Regionen vorpreschen - auf Kosten von Europa und Japan. Grund ist die Preisschere, die sich dank Förderung von Schiefergas zugunsten der USA auftut. Darauf weist die Internationale Energieagentur in ihrem am Dienstag in London vorgestellten World Energy Outlook 2013 hin.

Nach Angaben der IEA liegen die Gaspreise in den USA derzeit bei einem Drittel des europäischen und einem Fünftel des japanischen Preisniveaus. Dank Einsatzes der Fracking-Technologie, bei der mit Chemikalien, viel Wasser und hohem Druck Kohlenwasserstoffe aus festem Schiefergestein gelöst werden, mutierten die USA zu einem Gasexportland.

Die Energiekosten hätten zwar in den meisten Ländern nur einen geringen Einfluss auf die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit; in Branchen wie der Chemie-, Stahl-, Aluminium-, Zement-, Glas- und Papierindustrie seien sie jedoch spielentscheidend. Die Bedeutung dieser Industrien sei nicht zu unterschätzen, warnt die IEA: "Energieintensive Sektoren stehen weltweit für ein Fünftel der industriellen Wertschöpfung, für ein Viertel aller Industriearbeitsplätze und 70 Prozent des industriellen Energieverbrauchs." Auch beim Strom bezahlten Verbraucher in Europa, Japan und China mehr als doppelt so viel wie etwa Abnehmer in den USA.

"Kursänderung"

"Für Industrieunternehmen in Europa ist es aufgrund der Umwälzungen deutlich schwieriger geworden", sagte Thomas Fahnemann, Vorstandschef der auf medizinische Handschuhe, Transportbänder und Handläufe aus Kautschuk spezialisierten Semperit AG, dem Standard. Die USA hätten "eindeutig einen strategischen Vorteil". Es falle zunehmend schwer, Investitionen in Europa zu rechtfertigen. "Das ist nicht das Problem einzelner Staaten", sagte Fahnemann. "Wir brauchen eine europäische Lösung."

Laut IEA werden Produktion und Export energieintensiver Güter bis 2035 vor allem in den asiatischen Schwellenländern stark zunehmen. Die USA könnten ebenfalls Marktanteile gewinnen, wiewohl in bescheidenerem Umfang. "Im Gegensatz dazu werden die Europäische Union und Japan eine starke Abnahme ihrer Welthandelsanteile erleben - mit einem Verlust von insgesamt rund einem Drittel ihres jetzigen Anteils", stellt die IEA fest.

Um nicht Opfer der globalen Energiepreisschere zu werden, empfiehlt die Industriestaaten-Denkfabrik den Ausbau des weltweiten Gashandels und das Abrücken von ölpreisinduzierten Verträgen, wie sie europäische Länder mit Russland seit den späten 1960er-Jahren geschlossen haben.

Den erwarteten Anstieg der Energienachfrage um ein Drittel bis 2035 werden der Prognose zufolge hauptsächlich China, Indien und der Mittlere Osten bestreiten. China werde 2020 nicht nur die USA als weltgrößten Ölimporteur ablösen, sondern auch in puncto Ökostrom den Takt vorgeben. "Der Ausbau der erneuerbaren Energien in China bis zum Jahre 2035 wird größer ausfallen als der Ausbau in der Europäischen Union, USA und Japan zusammengenommen", sagt die IEA vorher.

Die Organisation wiederholt ihre Warnung, dass ohne radikale Kursänderung das Vorhaben, den Temperaturanstieg bei zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, Makulatur sei.

Ingmar Höbarth, Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds, spricht von einem "dramatischen Weckruf". Den Pfad weitergehen bedeute 20 Prozent mehr CO2 und 3,6 Grad Temperaturanstieg bis 2100, nachzulesen im World Energy Outlook 2013. (Günther Strobl, DER STANDARD, 13.11.2013)

  • Für 2035 sagt die IEA einen Ölpreis von 128 Dollar pro Barrel voraus.
    foto: ap/reyes

    Für 2035 sagt die IEA einen Ölpreis von 128 Dollar pro Barrel voraus.

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