Trauriger Schmetterling, welke Primeln

12. November 2013, 17:29
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"Madama Butterfly" mit Neil Shicoff und Ana María Martínez an der Wiener Staatsoper. Plácido Domingo dirigierte

Wien - Zwei Startenöre in Puccinis Madama Butterfly: Damit kann kaum ein Besetzungsbüro eines großen Opernhauses aufwarten - schon weil Puccini für seine "tragedia giapponese" nur eine große Tenorpartie vorsah. Möglich wird dies aktuell aber an der Wiener Staatsoper, da es Plácido Domingo im Spätherbst seiner Karriere nicht nur in die Tiefe des Baritonfachs zieht, sondern auch in jene des Orchestergrabens: Der Spanier, der 1967 im Haus am Ring als Sänger debütierte, leitete wieder einmal das (routinierte) Wiener Staatsopernorchester.

Oben auf der Bühne stürzte parallel dazu ein (Ex-)Kollege Domingos die treugläubige Cio-Cio-San ins Unglück: Neil Shicoff. Seit mehr als drei Jahrzehnten an der Staatsoper zu hören, blieb der Pinkerton des Beinahe-Direktors bemüht: "Solide" und "respektabel" sind wohl keine Kategorien, die für den wundervollen Sängerschauspieler und fantastischen Tenor in der Vergangenheit seiner langen Karriere als erstrebenswert gegolten hatten - genauso wenig wie der matte Allerweltsapplaus, den Shicoff entgegennahm.

Mit Intensität und Animo werkte Domingo im Orchestergraben, er ist auch als Orchesterleiter ein Mann der Leidenschaft: Speziell im Orchestervorspiel des dritten Aufzugs konnte er dieser Ausdruck geben. Ausladend, eruptiv, malerisch sind seine Dirigierbewegungen, wenn auch nicht immer von letzter Präzision und Verständlichkeit. Leidenschaftlich und intensiv auch die junge Alisa Kolosova als Cio-Cio-Sans treue Dienerin Suzuki; nobel-reserviert, gentlemanlike der stimmlich etwas kleine Sharpless von Gabriel Bermúdez (beide absolvierten Rollendebüts). Das dritte Rollendebüt bestritt Ana María Martínez: Den sich unterordnenden, sich aufopfernden Charakter der Titeltragödin spiegelte sie einer eher gleichförmigen, dezenten, grenzkargen Art des Singens. Seltsamerweise blieb man aber trotzdem dran - weil es die Lateinamerikanerin mit großer Unbeirrbarkeit so durchzog und weil es auch zum einfachen, schlichten Demutscharakter der Cio-Cio-San passte.

Im Publikum reihenweise Gäste aus dem Heimatland Cio-Cio-Sans, die, umspült von Puccinis weichen Klängen und gelabt von der Wärme und Dunkelheit im Zuschauerraum, so synchron wie dezent einnickten und die Köpfe vornüber hängen ließen wie zu lange nicht mehr gegossene Primeln. Der heftige Applaus für Domingo und Martínez sollte sie aus ihren Träumen reißen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 13.11.2013) 

15., 19.11.

  • Tenor Neil Shicoff traf auf Dirigent Placido Domingo.
    foto: wiener staatsoper / michael pöhn

    Tenor Neil Shicoff traf auf Dirigent Placido Domingo.

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