Lebe tief und intensiv

12. November 2013, 17:33
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Der zum vierten Mal vergebene Literaturpreis Alpha geht an die in der Ukraine geborene Autorin Marjana Gaponenko

Wien - In seinem Buch Walden fordert der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau im Jahr 1854 die Leser auf, "wach zu werden". Und wieder mit Überlegung zu leben, damit sie nicht, wenn es ans Sterben gehe, plötzlich feststellen müssten, nicht gelebt zu haben. Es gelte, so Thoreau, tief zu leben - und intensiv.

Luka Lewadski, die Hauptfigur von Marjana Gaponenkos Roman Wer ist Martha? (Suhrkamp), für den die Autorin Montagabend mit dem Literaturpreis Alpha ausgezeichnet wurde, hat ihren Thoreau gelesen. So wie die 1981 in der Ukraine geborene Autorin, die ihrem Roman um den 96-jährigen pensionierten ukrainischen Ornithologen Lewadski ein Walden -Zitat voranstellt.

Besagter Lewadski begibt sich, der Arzt hat Krebs diagnostiziert, von Odessa nach Wien, um dort im Hotel Imperial sein Erspartes durchzubringen und sich an der Hotelbar dem Ende entgegenzutrinken. Oder einem neuen Leben? Und wer zum Teufel ist Martha? Jene gleichnamige Wandertaube etwa, mit der im Zoo von Cincinnati 1914, in Lewadskis Geburtsjahr also, das letzte Exemplar ihrer Gattung starb? Oder ist es doch ein Mädchen, das der Alte nicht vergaß, nicht vergessen konnte?

Die Antworten lässt die Autorin in ihrem bildstarken, subtil seine Motive verknüpfenden Roman offen.

Dass Gaponenko mit ihrem Buch über die letzten Dinge den mit 10.000 Euro dotierten Literaturpreis Alpha gewann, ist letztlich eine schlüssige Entscheidung der Jury (Josef Haslinger, Klaus Nüchtern und Gabi Madeja). Verkündet wurde sie im Zuge einer Gala im Studio 44, bei der auch die zwei anderen Finalisten Cordula Simon (mit ihrem Roman Der potemkinsche Hund, Picus) und Harald Darer (mit dem Roman Wer mit Hunden schläft, ebenfalls Picus) anwesend waren.

Literatur im Gemeindebau

Gesponsert wird der in Kooperation mit den Büchereien Wien vergebene Preis von den Casinos Austria, deren Vorstandsdirektor Dietmar Hoscher ein weiteres Literaturengagement des Unternehmens bekanntgab. Ab nächstem Jahr wird neben dem Literaturpreis Alpha auch die Reihe "Literatursalon im Rabenhof" gesponsert - nicht nur wegen seiner Herkunft aus dem Gemeindebau, meinte Dietmar Hoscher, sondern auch des Erfolgs des Literaturpreises Alpha wegen, der für belletristische Werke von Autoren mit österreichischem Pass oder Wohnsitz sowie für Werke mit engem Österreichbezug vergeben wird. Wobei Einreichende höchstens drei Werke veröffentlicht haben dürfen.

Verabschiedet wurde Montagabend auch der Jurypräsident Josef Haslinger, der den zum vierten Mal vergebenen Preis durchsetzen half. Ihm folgt kommendes Jahr der Autor Paulus Hochgatterer. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 13.11.2013)

  • Lässt ihren 96-jährigen Luka Lewadski ins Wiener Hotel Imperial übersiedeln: Marjana Gaponenko.
    foto: mathias bothor / suhrkamp verlag

    Lässt ihren 96-jährigen Luka Lewadski ins Wiener Hotel Imperial übersiedeln: Marjana Gaponenko.

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