Nach ganz Linz kommt ganz Graz: Wien wächst

12. November 2013, 17:00
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Das Wachstum um 180.000 Menschen hat die Stadt relativ gut gemeistert. Doch nun könnten weitere 300.000 Menschen kommen - und mit ihnen könnte es eng werden

Wien - Bis in die 1980er-Jahre verlor Wien an Einwohnern. Seitdem geht es aber wieder bergauf: Zwischen 2001 und 2011 zogen bis zu 180.000 Menschen nach Wien, also fast ganz Linz - immerhin Österreichs drittgrößte Stadt.

Für die kommenden 20 bis 30 Jahre kommt eine noch größere Herausforderung auf Wien zu: Laut Prognosen wird sich quasi ganz Graz - mit 300.000 Menschen Österreichs zweitgrößte Stadt - in Wien ansiedeln. Innerhalb der Grenzen der Bundeshauptstadt muss also die gesamte steirische Landeshauptstadt neu gebaut werden. Doch ist das überhaupt möglich?

Der Planungsdirektor der Stadt Wien, Thomas Madreiter, glaubt, dass es geht. Er sehe sich zwar mit einer "Ausnahmesituation" konfrontiert, von einer Krise könne man aber nicht reden, sagte er kürzlich im Rahmen einer Wohnbaukonferenz in Wien. Und stets weist er darauf hin, dass schon das Wachstum des vergangenen Jahrzehnts "weitgehend innerhalb der bestehenden Strukturen" passiert sei; die Stadt hat die Neuankömmlinge also förmlich "geschluckt".

Kaum noch Leerstand

Freilich nicht ohne Auswirkungen: Der Wiener Wohnungsleerstand, der noch vor zehn Jahren auf rund 80.000 Wohnungen beziffert worden war, ist mittlerweile auf das absolute Minimum geschrumpft, bestätigt Wohnbauforscher Wolfgang Förster im STANDARD-Gespräch. Und die Belagszahl hat sich ebenfalls erhöht - es leben also mehr Menschen auf derselben Fläche.

Gleichzeitig nahm die Zahl der Single-Haushalte stark zu, womit die Haushalte insgesamt immer kleiner werden. Im Schnitt leben nicht einmal mehr zwei Personen in einem Wiener Haushalt, Tendenz weiter sinkend. Der sogenannte "Witweneffekt" ist dabei natürlich auch ein Thema, in erster Linie macht Bauträgern aktuell aber die hohe Scheidungsrate am meisten zu schaffen: ÖSW-Vorstand Michael Pech berichtete, dass bei einem Bauprojekt im Lauf der eineinhalbjährigen Bauphase fast jede dritte Partei vom Vertrag zurücktrat - wegen Trennung.

Zwei-Zimmer-Wohnung am stärksten nachgefragt

Andere Bauträger erzählen davon, dass Zwei-Zimmer-Wohnungen immer als Erstes weg seien, denn auch Singles wollen zumindest getrennte Schlaf- und Wohnbereiche. Generell gilt nach wie vor: Je höher die Bildung, desto mehr Wohnraum wird konsumiert - auch wenn die Wohnfläche pro Person wieder leicht sinkt.

Dass Wien wächst, habe man in der Stadtplanung "erst vor acht Jahren verstärkt zu kommunizieren begonnen", sagt Madreiter selbstkritisch. Die Statistik Austria habe das Wachstum aber ebenfalls einige Jahre lang unterschätzt. Aktuell wird deshalb in Wien zu wenig gebaut, insbesondere im leistbaren, geförderten Bereich, sagen Experten.

Neubau, Nachverdichtung

Freilich werden meist im selben Atemzug die Bemühungen der Stadt betont: Wohnbauinitiative, "Smartwohnungen", schließlich die Seestadt Aspern, in der bald 20.000 Menschen leben sollen und möglicherweise auch arbeiten - es soll die "Stadt der kurzen Wege" werden. Oft genug wird die Stadt dafür kritisiert, und auch Madreiter findet es ökologisch und städtebaulich zumindest "fragwürdig", am Stadtrand zu erweitern. Doch man muss auch die Bemühungen sehen, was die Nachverdichtung betrifft: Mindestens noch zwei imaginäre Seestädte werden im selben Zeitraum auf diversen stillgelegten Bahnarealen entstehen. Und auch in Gründerzeitvierteln wird verdichtet, meist auch im Zusammenspiel mit energetischer Sanierung.

Was die vonseiten der Immobilienwirtschaft oft vorgebrachte Forderung betrifft, die Gemeindebauten aufzustocken, ist auch Madreiter skeptisch: Es handle sich dabei in vielen Fällen um Baudenkmäler - "die kann man nicht so einfach aufstocken." Eines steht für ihn aber fest, er betont es bei jeder Gelegenheit: Die Suburbanisierung sei "nicht explodiert, sondern implodiert". Das bedeutet: "Der Nettoverlust an Wienern ans Umland hat sich halbiert. Ohne Infrastruktur ist's im Speckgürtel nämlich nicht so toll - da kommen jetzt immer mehr drauf."

Auch für SPÖ-Wien-Bautensprecher Kurt Stürzenbecher hat die Stadt den "Kampf gegen das Umland" jedenfalls "tendenziell gewonnen"; bleibt zu hoffen, dass sich das bald auch vom "Kampf" gegen das Wachstum sagen lässt. (Martin Putschögl, derStandard.at, 12.11.2013)

  • Innerhalb der Grenzen der Bundeshauptstadt muss die gesamte steirische Landeshauptstadt neu gebaut werden - im übertragenen Sinne.
    foto: putschögl

    Innerhalb der Grenzen der Bundeshauptstadt muss die gesamte steirische Landeshauptstadt neu gebaut werden - im übertragenen Sinne.

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