Ein Stolpern Richtung Olympia

Blog12. November 2013, 02:16
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Österreichs Eishockey-Länderspiele am Wochenende waren von Mittelmäßigkeit geprägt. Eine nicht ermutigende Analyse

Die erste Länderspielpause der Saison ist vorüber, am Mittwoch nimmt die Erste Bank Eishockey Liga ihren Spielbetrieb wieder auf. Das österreichische Nationalteam testete am vergangenen Wochenende bei der Euro Ice Hockey Challenge in Innsbruck für Olympia, demnach steht auch der Backcheck dieser Woche im Zeichen der Nachbetrachtung der drei Auftritte des Team Austria gegen Frankreich, Slowenien und Belarus.

Gute Gegner, schlechter Spielort

Dass Österreich im November an Vier-Nationen-Turnieren teilnimmt, hat bereits Tradition, im sechsten Jahr in Serie befüllte das Nationalteam das zweite International Break des saisonalen IIHF-Rahmenterminplans mit drei Länderspielen. Gerade für eine Eishockeynation vom Range Österreichs - ohne eindeutige eigene Hockeyidentität und gefangen im Fahrstuhl zwischen A- und B-Gruppe - ist es schwer, für Anfang November attraktive Gegner von ansprechender sportlicher Klasse zu finden. Umso positiver, dass es dem ÖEHV gelang, einen Olympia-Teilnehmer und zwei langjährige A-Gruppen-Nationen ins Land zu holen. Verglichen mit den letzten Spielzeiten war das Team Austria in diesem Jahr bei den November-Länderspielen wirklich gefordert und trat gegen Mannschaften an, gegen die man sich auch in Bestbesetzung schwer getan hätte.

Kaum nachvollziehbar erscheint hingegen die Auswahl des Spielorts für das EIHC-Turnier. Zu den drei Partien mit österreichischer Beteiligung kamen im Schnitt nur 1.489 Zuseher in die Innsbrucker Halle. Die schütter besetzten Ränge dürften der Nationalmannschaft wohl kaum jenen mentalen Rückenwind verliehen haben, den sie als krassester Außenseiter im bevorstehenden Olympischen Eishockeyturnier benötigen wird. Zumal 17 der jüngsten 27 in Österreich ausgetragenen Länderspiele - also knapp zwei Drittel - in Innsbruck stattfanden. Orte in eishockeyverrückteren Regionen der Republik hätten sich eher angeboten.

Defensive genügend, Offensive nicht

In die Euro Ice Hockey Challenge startete Österreich am Donnerstag mit einer 1:3-Niederlage gegen Frankreich, bei der Torhüter Mathias Lange sein längst fälliges Debüt im Teamtrikot gab. Ebenso sein erstes Länderspiel bestritt am zweiten Turniertag Brian Lebler, der seit Saisonbeginn die formellen Kriterien (mindestens 730 Tage ununterbrochener Aufenthalt und Spielberechtigung in Österreich) erfüllt, um für das Team Austria aufzulaufen. Er stellte sich beim 2:0-Erfolg über Slowenien, dem einzigen im Verlauf des Wochenendes, gleich mit dem spielentscheidenden Treffer ein. Nichts zu holen gab es für die Mannschaft von Emanuel Viveiros schließlich zum Turnierabschluss, den am Samstag ein 0:3 gegen Belarus bildete.

Insgesamt sind aus den Resultaten von Innsbruck weder euphorische noch deprimierende Schlüsse zu ziehen. Das Team überzeugte in jedem der drei Spiele in einzelnen Aspekten, das spielerische Mindestniveau, das die Mannschaft aufs Eis brachte, war höher als bei so manch anderem herbstlichen Vier-Nationen-Turnier der letzten Jahre. Das Goaltending und die Stabilität der Defensive genügten den Ansprüchen, nicht aber jenen, die im Olympischen Turnier gestellt werden. Vordergründiges Problemfeld war die Offensive, in der die Chemie in den einzelnen Linien nur selten stimmte. Hier besteht im Hinblick auf Sochi das größte Risiko, zumal die drei Nordamerika-Legionäre, die allesamt in den ersten beiden Angriffslinien platziert werden, erst frühestens zum letzten Testspiel am 10. Februar gegen Lettland zur Mannschaft stoßen werden.

"Wir haben nicht schlecht gespielt"

Nationaltrainer Viveiros zeigte sich nach dem Turnier nicht unzufrieden. Er attestierte seiner Truppe im TV-Interview "in zwei von drei Spielen nicht schlecht gespielt" zu haben, bemängelte aber die Schwächen im Überzahlspiel. Die Ineffektivität im Powerplay ist allerdings kein neues Phänomen, im Laufe der letzten drei A-Weltmeisterschaften (19 Spiele) hat Österreich nur acht seiner 80 Überzahlgelegenheiten in einen Torerfolg ummünzen können und brauchte im Schnitt 17:29 Minuten bei numerischer Überlegenheit, um einen Treffer zu erzielen.

Die Schwäche im Powerplay wird umso mehr zur Bürde für das Team Austria, als dass der Anteil an in Überzahl gespielten Minuten pro A-WM-Partie seit Jahren sinkt. Bei der letzten Weltmeisterschaft in Helsinki im Mai spielte Rot-Weiß-Rot pro Spiel nur noch 5:38 Minuten lang mit einem Mann mehr, was dem niedrigsten Wert seit dem letzten Olympia-Auftritt im Jahr 2002 entsprach. Emanuel Viveiros und im Besonderen der für das Powerplay zuständige Co-Trainer Rob Daum befinden sich also in einem Teufelskreis, den es bis Februar zu durchbrechen gilt: Österreich spielt immer kürzer in Überzahl, braucht aber gleichzeitig immer länger für ein Tor bei numerischer Überlegenheit.

Allerdings krankt Österreichs Offensivspiel nicht nur im Powerplay, wie das EIHC-Turnier am Wochenende gezeigt hat, als in 130:39 Minuten bei gleicher Spieleranzahl am Eis nur ein einziger Treffer erzielt werden konnte.

Die größte aller möglichen Bühnen

Für die Zusammenstellung des Kaders für die Olympischen Spiele bleiben dem Trainerteam nur noch sieben Wochen Zeit, am letzten Tag des Kalenderjahres müssen die Nominierungen (25 Spieler, davon drei Torhüter) beim Weltverband IIHF eingereicht werden, in Verletzungsfällen sind bis zum 11. Februar Änderungen möglich. Da der Roster 22 Feldspieler umfassen wird, gilt es zunächst, die Verteilung zwischen Verteidigern (acht bis zehn) und Stürmern (zwölf bis 14) festzulegen.

Der mediale Diskurs gestaltet sich freilich sehr viel stärker an Namen denn an Rollen geprägt, die vordergründigste Frage lautete zuletzt, ob die 25 aktuell besten Spieler nach Sochi fahren sollen, oder ob die Mitglieder jenes Teams, das die Qualifikation für Olympia schaffte, bevorzugt berücksichtigt werden sollen. Die diesbezügliche Antwort ergibt sich von selbst: Noch nie in seiner Geschichte nahm Österreich an einem Eishockeyturnier dieser Größenordnung teil, erstmals seitdem die NHL für Olympische Winterspiele pausiert (1998) und es im Zeichen der fünf Ringe somit tatsächlich zum Treffen der absoluten Weltklasse kommt, erlaubt es der Modus, dass das Team Austria auch gegen große Nationen wie Kanada oder Finnland antreten darf. Österreichs Eishockeyteam betritt in Sochi erstmals die größte aller möglichen Bühnen, sie mit einer Laiengruppe zu bespielen, wäre schändlich.

Es fehlen: Linienabstimmung und Mittelstürmer

Das Grundgerüst des rot-weiß-roten Kaders für die Olympischen Spiele steht bereits. In der Offensive sind die drei Nordamerika-Legionäre Thomas Vanek, Michael Grabner und Michael Raffl ebenso gesetzt wie Thomas Koch, Brian Lebler, Andreas Nödl und Thomas Raffl. Gute Chancen dürfen sich Andreas Kristler, Manuel Latusa, Daniel Welser und - trotz ernüchternder Saison aber aufgrund der starken Leistungen bei der letzten WM - Thomas Hundertpfund ausrechnen. Neben der bereits erwähnten Problematik "Line Chemistry" prägt sämtliche Überlegungen Österreichs Angriffsspiel betreffend auch weiterhin der Mangel an adäquaten Mittelstürmern. Dem Team Austria fehlt hinter Thomas Koch ein ausreichend begabter Center für eine zweite Offensivformation. Noch düsterer steht es für die zwingend defensiv ausgerichteten Rollen im Zentrum der dritten und vierten Linie aus, für die Spielertypen wie Daniel Oberkofler oder Michael Schiechl ob ihrer speziell auf internationalem Level eklatanten Defizite beim Faceoff eigentlich nicht in Frage kommen dürften. Das wiederum erhöht die Chancen auf eine Nominierung für David Schuller, der in dieser Rolle eine durchaus ansehnliche Weltmeisterschaft spielte.

Offene Plätze in der Abwehr

In der Defensive fehlten bei der Euro Ice Hockey Challenge in Innsbruck mit Gerhard Unterluggauer, Matthias Trattnig und Thomas Pöck drei Fixstarter für Sochi, ob der von ihm gezeigten Leistungen wird das Trainerteam auch um Stefan Ulmer nicht herumkommen. Die Vergabe der restlichen offenen Plätze in der Abwehr ist Geschmackssache, da Österreich in Sochi gegen übermächtige Gegner jedoch primär in der eigenen Zone gefordert sein wird, sollte der Teamchef seine Vorbehalte gegen Sven Klimbacher, den einzigen wirklichen Defensivverteidiger auf seiner "Long List", überdenken.

Nummer eins im Tor wird Bernhard Starkbaum sein, der am Freitag gegen Slowenien nach 179 Tagen ohne ein einziges Bewerbsspiel mit einem Shutout beeindruckte. Allerdings bröckelt seine grundsätzlich unumstrittene Vormachtstellung mit jedem weiteren Tag, an dem er keinen Klub findet. Für Innsbruck nicht berücksichtigt, im Sochi-Kader aber gesetzt sein sollte Bernd Brückler. Er ist Österreichs einziger noch aktiver Goalie, der über mehrere Jahre hinweg gegen Spieler der erweiterten Weltklasse am Eis stand, ein Erfahrungsschatz, den es speziell in Anbetracht des zu erwartenden Turnierverlaufs zu nutzen gilt, auch wenn Brückler nicht dem Kreis der ausgewiesenen Lieblinge der Teamführung zuzurechnen ist. Das Rennen um den dritten Torhüter-Platz im Kader wird sich zwischen Mathias Lange und Fabian Weinhandl entscheiden - sofern der Erstgenannte die aktuell schwere Phase in seinem Verein übersteht und der Zweitgenannte weiterhin konstanter als sein Klubkollege René Swette agiert. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 12.11.2013)

  • Artwork: alexgrimm.com
Backcheck: Auffälligkeiten, Anekdoten und Analysen aus der EBEL. Jeden Dienstag.

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