"Tragisch, wenn uns der ORF nicht würdigt"

3. Dezember 2013, 10:11
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Das Handball-Nationalteam ist so stark wie noch nie, der nächste Beweis soll bei der EM in Dänemark geliefert werden. Bei Kapitän Viktor Szilágyis wohl letztem großem Auftritt könnten die ORF-Kameras abgestellt bleiben

"Herr: Es ist Zeit, der Sommer war sehr groß": In Abwandlung an "Herbsttag" von Rainer Maria Rilke war die zuletzt souverän geschaffte EM-Qualifikation des österreichischen Handball-Nationalteams schon irgendwie ein Gedicht. Im Juni wurden Österreichs mannschaftssporthistorische Erfolge um ein Kapitel erweitert, eine sportliche EM-Quali bei den Herren gelang zuletzt im Jahr 1977 den Basketballern. Viktor Szilágyi wird freilich nicht melancholisch im Rilke'schen Sinne, der Höhepunkt soll ja erst folgen. In knapp einem Monat bei der EM in Dänemark (12. bis 26. Jänner 2014). Gegner dort sind der Gastgeber, Tschechien und Mazedonien. "Wir sind nicht chancenlos, fahren nicht dorthin, um die Stimmung zu genießen. Wir haben uns in den letzten Jahren Respekt erarbeitet", sagt der Kapitän.

2010 bei der Heim-EM hieß es, dass die besten 15 Nationen und Österreich mitspielen. Das hat sich relativiert, nach dem Erreichen der WM 2011 in Schweden und mit dem Ticket für Dänemark erst recht. Derartige Erfolge hätten die Basketballer und Volleyballer gerne. "Wir haben auch harte Zeiten durchgemacht. Der Verband war aber clever, die Heim-EM hat unser Standing verbessert. Wir haben immer das stärkste Team zur Verfügung, weil alle Spieler unbedingt für Österreich spielen wollen. In Deutschland ist das nicht so selbstverständlich."

Alaba, Vanek und dann Szilágyi

Szilágyi, den seine Mitspieler auch "Figo" nennen, gehört neben David Alaba und Thomas Vanek zu den drei erfolgreichsten Mannschaftssportlern in Österreich, auch wenn das vielfach nicht registriert wird. Seit 13 Jahren spielt er in Deutschland, hat die Trikots der größten deutschen Klubs getragen. Nun hat er beim Bergischen HC um ein weiteres Jahr verlängert. 18 Vereine zählt die deutsche Liga, derzeit liegt man auf Platz neun mit sechs Siegen aus 16 Spielen. Es gibt keinen Tag, wo ihm "nichts wehtue", er sei "vielleicht nicht mehr so schnell auf den Beinen, aber dafür schneller im Kopf". Szilágyi denkt mittlerweile auch an nachher, will dem Handballsport aber erhalten bleiben. Der Traum von Olympischen Spielen wird sich für den 35-Jährigen nicht mehr ausgehen. Ein Ausgedinge in der österreichischen Handball-Liga kann er sich auch nicht vorstellen.

In Deutschland tummeln sich mittlerweile mit neun Legionären so viele wie noch nie. Ist das Zufall? "Nein, auf keinen Fall. Zuallererst geht es darum, den Schritt zu wagen. Die guten Ergebnisse der Nationalmannschaft haben uns geholfen. Außerdem haben wir eine gute Generation, und die österreichische Liga ermöglicht es talentierten Spieler, schon etwas früher in einer Herrenmannschaft mitzuspielen", sagt Szilágyi.

Schlimmes Szenario

Handball-Österreich ist euphorisiert, nur medial fehlt noch das Feuerwerk. Der Österreichische Handball Bund (ÖHB) will den Sport weiter pushen, plant eine Bewerbung für die Austragung der Männer-WM 2020. Davor droht aber ein Katastrophenszenario für Verband und Sponsoren, sollte der ORF die EM in Dänemark nicht live übertragen. Dem Spartensender ORF Sport plus steht eine 70-prozentige Budgetkürzung ins Haus. Da gingen sich vielleicht ein paar alte Kommissar-Rex-Folgen aus, aber kein 24-Stunden-Sportprogramm. Eine Entscheidung gibt es noch nicht, sie könnte recht kurzfristig gefällt werden. Die Preisfrage steht freilich im Raum, der Europäische Handballverband (EHF) könnte am Ende aber auch froh sein, wenn der die EM-Übertragungsrechte loswird. Szilágyi: "Es wäre tragisch, wenn der ORF uns nicht würdigt. Wir haben den sporthistorischen Schritt geschafft. Für unsere Quali-Heimspiele haben wir keine passenden Hallen mehr gefunden, mussten wegen des großen Zuschauerinteresses in Messe- und Veranstaltungshallen ausweichen. Die Leute müssen die Möglichkeit haben, das Nationalteam auf seinem Weg zu begleiten." (Florian Vetter, derStandard.at, 3.12.2013)

Zur Person:

Viktor Szilágyi (35) kam als Fünfjähriger mit Papa Stefan (200-mal für Ungarn, war Krems-Coach und ist jetzt im Ruhestand) aus Budapest. Klubs: St. Pölten, Tirol, Dormagen, Essen, Kiel (Champions-League-1.), Gummersbach, Flensburg, Bergischer HC. 1,96, 96 kg, 172 Einsätze, 793 Tore.

  • Viktor Szilágyi hat als einziger Handballer weltweit alle EHF-Klubtitel gewonnen.
    foto: bergischerhc

    Viktor Szilágyi hat als einziger Handballer weltweit alle EHF-Klubtitel gewonnen.

  • Für den Bergischen HC hängt er jetzt noch eine Saison dran.
    foto: bergischerhc

    Für den Bergischen HC hängt er jetzt noch eine Saison dran.

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