Vom Leben nach der Diktatur

11. November 2013, 17:56
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Performances über Pinochet und das Patriarchat: Die Regisseurin Lola Arias und die Choreografin Agata Maszkiewicz führen in Wien zwei Formen der Vergangenheitsbewältigung vor

Wien - Kampfjets donnern über die Hauptstadt. Angriff auf den Amtssitz des Präsidenten! Die Bevölkerung duckt sich. Ein 11. September in Santiago de Chile. 17 Jahre unter einer brutalen Militätdiktatur stehen bevor. Knapp vor Augusto Pinochets Putsch von 1973 kommt der älteste der elf Darsteller in Lola Arias' Doku-Performance The year I was born, die am Wochenende im Wiener Brut-Theater am Karlsplatz zu sehen war, zur Welt.

Die argentinische Autorin und Performanceregisseurin Lola Arias (37) hat bereits mehrere Arbeiten in Wien gezeigt: im Brut-Theater, im Tanzquartier und bei den Festwochen. Dort war im Vorjahr das Porträt ihrer Mutter mit dem Titel Melancholie und Protest zu erleben. Arias weiß, wovon sie nun in dem neuen Stück erzählen lässt. Die Militärdiktatur in Argentinien unter Jorge Rafael Videla begann im Jahr ihrer Geburt und dauerte bis 1983. Die Künstlerin ist Tochter einer Frau, die unter Videla von Depressionen zerstört wurde, also ein Kind der Generation von Leidtragenden, Mitläufern und Tätern des Gewaltregimes in ihrem Land.

Für The year I was born hat sie Künstlerkollegen aus ihrem Nachbarland Chile eingeladen zu erzählen, welche Folgen das Heranwachsen unter Pinochets Herrschaft für sie hatte. Alle Darsteller, sechs Frauen und fünf Männer, sind gleichermaßen gezeichnet von ihrer Vergangenheit, an der sie sich in dem Stück abarbeiten. "Sich abarbeiten" bedeutet für sie, sich damit auseinanderzusetzen, welche Rollen ihre Eltern während der Diktatur spielten. Die Bandbreite dabei ist lebensecht: Sie reicht vom Vater, der dem Regime als einflussreicher Polizeikommissar diente, bis zur Mutter, die als Widerstandskämpferin vom Militär erschossen und deren nackte, auf eine Straße geworfene Leiche der Presse als Trophäe vorgeführt wurde.

Arias schafft es auch in dieser Doku-Performance wieder, das Erzählen von Geschichte doppelt lebendig zu machen. Einmal durch die Anwesenheit der Zeugen, und dann durch die Dynamik der Performance. Dabei kommen Ausschnitte von Filmen, Radiosendungen und TV-Shows ebenso zum Einsatz wie Fotos, Stadtpläne, Live-Musik und Zeichnungen, die live auf Overhead-Folien gekritzelt werden. Weiters kurze Tanzszenen und Enactments wie das einer Demonstration mit handgemalten Plakaten. Und natürlich die verschiedenen mündlichen vorgebrachten Geschichten.

In The year I was born läuft die Dokuperformance als eigenes Theaterformat tatsächlich zu ihrer Höchstform auf. So macht sie anschaulich, warum Geschichte nicht nur über nüchtern geordnete Fakten zu erfahren ist, sondern auch über wesentlich schwerer zu vermittelnde Widersprüchlichkeiten und atmosphärische Spannungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Die Kunst dabei ist einerseits, berührend zu bleiben und doch hartleibiges Pathos zu vermeiden, und zum anderen, trotz ironischer Momente nicht ins Blödeln oder in Zynismus abzukippen. Lola Arias hat diesen Tanz auf Messers Schneide in Arbeiten wie Melancholie und Protest, That enemy within oder My life after, die allesamt in Wien zu sehen waren, ganz gut hinbekommen. Aber bei The year I was born ist sie besser denn je.

Mit Witz und Verve

Gleichermaßen einbezogen im Publikum sind sowohl jene mit historischem Vorwissen als auch die, denen der Name Pinochet nicht so viel sagt. Damit hätte das auch schulklassenrelevante Stück verdient, von möglichst zahlreichen Zuschauern ab, sagen wir, 16 Jahren gesehen zu werden. Das wäre vielleicht noch nachzuholen, zum Beispiel als Gegenposition zu den beliebten Kriegsspielen aus der Konsolenhölle.

Um eine etwas andere Sicht auf das Kämpfen ging es der jungen polnischen Choreografin Agata Maszkiewicz. In ihrem gerade im Tanzquartier uraufgeführten Stück Duel ließ sie zwei Tänzerinnen die Degen ziehen und einen gemeinsamen, kontroversiellen Gender-Trip durchleben.

Ausgehend von dem legendären, als emanzipatorischen Coup verstandenen Duell zwischen Prinzessin Pauline Metternich und der Gräfin Kielmannsegg 1892 in Vaduz, zeichnet Maszkiewicz einen Frauentyp, der sich mit den ihrem Geschlecht zugewiesenen Zeichen nur noch ruppig spielt. Mit Witz und Verve zeigt dieses Stück, wie sich der Kampf zwischen Mann und Frau auflöst. Das Ende der Männerdiktatur ist da. Jetzt müssen sich die Geschlechter nur noch neu finden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 12.11.2013)

  • Ein Liebesbrief auf Zigarettenpapier: Lola Arias' "The year I was born" im Wiener Brut-Theater. 
    foto: david alarc

    Ein Liebesbrief auf Zigarettenpapier: Lola Arias' "The year I was born" im Wiener Brut-Theater. 

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