Anstalten unter der dokumentarischen Lupe

11. November 2013, 17:09
posten

Von familiären Zwängen und Verlusten: Über die Dokumentarfilmwoche in Duisburg

Die Stars kamen im Kino am Dellplatz diesmal aus der Fauna: ein kurdischer Fuchs, der sich in einen Hund verwandeln konnte. Ein Vogel, der auch nach dem Ende des Diktators fröhlich weiter "Heil Hitler" kräht. Ziegen, die sich wie Models vor der Kamera positionieren. Oder die zeternden Gänse auf dem Set von Edgar Reitz' Die andere Heimat.

Gefilmt haben die Jörg Adolph und Anja Pohl für ihren Dokumentarfilm Making of Heimat, der den Dreh dieses leicht trägen Spätwerks des Neuen Deutschen Kinos mit schöner Lakonie begleitet. Dabei schwingt neben allem Respekt immer auch ein verschmitztes Lächeln der dokumentarischen Underdogs über die reichen Onkels vom Spielfilm mit.

Adolph trat bereits zum siebten Mal auf der Duisburger Filmwoche an und war so neben Harun Farocki (Sauerbruch Hutton Architekten) und Thomas Heise (Gegenwart) einer der wenigen Stammgäste der diesjährigen Filmwoche, die sich nach Neubesetzung der Auswahlkommission im vergangenen Jahr auch auf anderen Positionen stark verjüngt. So gaben bei den in Duisburg üblichen Diskussionen den vielen Studierenden im Saal oft auch auf dem Podium Studierende Antwort.

Viele Hochschulfilme waren zu sehen; doch wohl nicht deswegen war die Anstalt auf der Leinwand das am häufigsten besuchte Terrain, wobei die filmischen Lesarten von Marcin Malaszczaks metaphern- und anspielungsreichen Zeitreise ins nahe Polen (Sieniawka, Arte-Preis) über ein deutsches Flüchtlingslager (Ödland, Anne Kodura) bis zur modernen deutschen forensischen Psychiatrie führen.

Terror des Systems

In Letzterer entdeckt Christa Pfafferott in Andere Welt mit nüchternem Blick den systemischen Horror. Eine Anstalt der besonderen Art war die Muehl-Kommune, deren von den Erwachsenen freiwillig getragenes Zwangssystem Paul-Julien Roberts Meine keine Familie aus Kinderperspektive erforscht: eine Suche entlang der Spuren einer Nichtfamilie.

Als Roberts Mutter zum Geldverdienen in die Schweiz geschickt wurde, sollte sie den Sohn im Friedrichshof zurücklassen. Unter ganz direktem materiellem Zwang, sich - zeitweilig - von ihren Kindern zu trennen, standen die Eltern der Berliner Filmemacherin Serpil Turhan, als diese aus dem türkischen Kurdistan zum Arbeiten nach Deutschland gingen. 2011 nimmt die Tochter den umgekehrten Weg und reist für ihren Diplomfilm mit Kamera und den Großeltern in das Heimatdorf zurück.

Dabei beklagt die mit zartem Humor und viel Gespür für die Dauer des dokumentarischen Augenblicks inszenierte Geschichte der Familie Turhan auch (der Titel Dilim Dönmüyor - Mein Zunge dreht sich nicht deutet es an) den Verlust der eigenen kurdischen Sprache, die bei der Migration auf der Strecke blieb.

Ähnlich anrührend ein urschweizerischer Elternfilm von einem, der selbst schon im Großvateralter ist. Vielleicht macht das doch ein wenig weise, denn Peter Liechtis klug und mutig gemachtes Familienstück Vaters Garten schafft das Kunststück, von Enge und autoritärem Zwang zu erzählen, ohne selbst jemals hart oder anklagend im Ton zu sein. Dazu tragen auch ein paar plüschige Kaninchenfiguren in Hauptrollen bei. Viele hatten sich gewünscht und erwartet, dass Liechtis traurig-zärtlicher Film einen der beiden von Arte und 3sat gestifteten Hauptpreise erhalten würde.

Doch die 3sat-Jury entschied sich mit Betongold von Katrin Rothe für einen Film, der ein erlittenes Selbstexperiment der Berliner Filmemacherin in Sachen Immobilienspekulation und Zwangsentmietung formal eher gängig (und dem Sujet angemessen) als animationsgespicktes Reality-TV erzählt. Ein Film (derzeit noch in der 3sat-Mediathek zu sehen), dem man viel Publikum wünscht, der als "bester deutschsprachiger Dokumentarfilm" aber doch ziemlich fehlbesetzt ist.

Und apropos Tiere: Kam in der Danksagung der Regisseurin nicht eine Katze vor? (Silvia Hallensleben, DER STANDARD, 12.11.2013)

  • Rückkehr mit den Großeltern: Serpil Turhan besucht in "Dilim Dönmüyor" das kurdische Heimatdorf. 
    foto: duisburger dokumentarfilmwoche

    Rückkehr mit den Großeltern: Serpil Turhan besucht in "Dilim Dönmüyor" das kurdische Heimatdorf. 

Share if you care.