Von Milchzahnkaries bis zu jugendlicher Parodontitis

11. November 2013, 10:47
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Zahnmedizinische Betreuung reicht von der frühkindlichen Phase bis ins hohe Alter - Vermehrte Zusammenhänge zwischen Parodontitis und Diabetes

Frankfurt a.M. - Zahngesundheit ein Leben lang - das erfordert spezielle Konzepte für bestimmte Altersgruppen und deren Erkrankungs-Prävalänzen. Auf einer Pressekonferenz in Frankfurt stellte die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) orale Erkrankungsformen in bestimmten Altersgruppen und entsprechende Therapieansätze vor. So ist die frühkindliche Karies ein spezielles Problem, das zwar immer weniger Kleinkinder betrifft, dafür dann aber umso heftiger. Ein weiteres altersspezifisches Krankheitsbild stellt die aggressive Parodontitis bei Jugendlichen dar. Parodontalen Krankheiten kommen im Zusammenspiel mit systemischen Erkrankungen immer größere Bedeutung zu. Am besten erforscht ist die Assoziation von Parodontitis und Diabetes mellitus.

Insgesamt sei Karies auf dem Rückmarsch, sagt Anahita Jablonski-Momeni, Zahnmedizinerin an der Universität Marburg. Bei der Milchzahnkaries stagniert allerdings dieser "caries decline". Ursache für diese unbefriedigende Situation ist die bereits kurz nach dem Zahndurchbruch auftretende, rasch voranschreitende frühkindliche Karies, die ebenfalls unter dem Begriff "Early Childhood Caries" bekannt ist. Bei der auch als Nuckelflaschenkaries bezeichnete Erkrankung manifestieren sich neben Plaque, Gingivitis und kreidigweißen (Initial-)Läsionen deutliche kariöse Defekte vornehmlich an den Oberkieferfrontmilchzähnen, die in schweren Fällen auf das Gesamtgebiss übergreifen. Als Risikofaktoren werden der exzessive Gebrauch der Nuckelflasche mit kariogenen erosiven Getränken nachts, die frühzeitige orale Infektion mit Mutans-Streptokokken und mangelhafte Mundhygiene festgestellt, was insgesamt häufig mit einem niedrigen sozioökonomischen Status einhergeht.

Die Häufigkeit liegt bei zehn bis 15 Prozent, in sozialen Brennpunkten steigen die Prävalenzen bis auf 40 Prozent an. Diese Durchschnittswerte kaschieren allerdings die reale Kariesverteilung. Die verstärkte Polarisierung der Karies führt dazu, dass immer weniger Kinder die Mehrheit der Läsionen auf ihren Zähnen tragen.

Zur Prävention frühkindlicher Karies sollten regelmäßige Fluoridapplikationen, Putztraining, sowie Elternschulungen, eingesetzt werden. Alleinige Mundgesundheitsaufklärungen sind bei der Vermeidung der frühkindlichen Erkrankung häufig nicht erfolgreich.

Aggressive Parodontitis

Bereits im Kindesalter können sich auch unterschiedliche Formen parodontaler Erkrankungen manifestieren, so Petra Ratka-Krüger, von der Universität Freiburg. Davon beschränken sich die meisten Veränderungen auf das Zahnfleisch. Nur bei einer kleinen Gruppe junger Patienten besteht eine entzündliche Erkrankung des gesamten Zahnhalteapparates mit bindegewebigem Verlust des Zahnfleisches und Rückgang des Kieferknochens.

Die Aggressive Parodontitis geht mit einem rasch fortschreitenden Zahnfleisch- und Kieferknochenverlust einher. Man unterscheidet zwischen der lokalisierten und der aggressiven Parodontitis. Die lokalisierte aggressive Parodontitis tritt vor allem an den ersten Molaren und mittleren Schneidezähnen auf. An mindestens zwei bleibenden Zähnen, davon einem ersten Molaren, ist der Rückgang des Zahnfleisches zwischen den Zähnen nachweisbar. Nicht mehr als zwei weitere Zähne sind zusätzlich betroffen. Die Erkrankung beginnt während der Pubertät.

Die generalisierte aggressive Parodontitis ist durch einen generalisierten Rückgang des Zahnfleisches zwischen den Zähnen gekennzeichnet. Mindestens drei Zähne sind zusätzlich betroffen. Die Erkrankung verläuft schubweise und beginnt zumeist vor dem 30. Lebensjahr.

Die Behandlung einer aggressiven Parodontitis basiert auf einer frühzeitigen und gründlichen Diagnostik, einer Reduktion oder Elimination der pathogenen Mikroflora und einer unterstützenden Antibiotikatherapie. Bei parodontal anfälligen Patienten besteht auch nach der korrektiven Phase ein hohes Risiko für eine erneute Infektion. Deswegen hängt der langfristige Erfolg einer Parodontitisbehandlung neben den diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen auch ganz entscheidend von der Qualität der unterstützenden Therapie ab. Durch engmaschige Kontrollen soll eine Reinfektion und ein Weiterfortschreiten der Erkrankung vermieden werden mit dem Ziel des möglichst langfristigen Zahnerhalts.

Diabetes und Parodontitis

Seit längerer Zeit wird vermehrt über die Zusammenhänge zwischen Parodontitis und systemischen Erkrankungen berichtet. "Die Assoziation zwischen Parodontitis und Diabetes ist dabei am besten untersucht und es liegt hohe eine Evidenz für einen kausalen und bidirektionalen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Diabetes vor", sagt Søren Jepsen, von der Universität Bonn.

Parodontitis kommt bei Diabetikern häufiger als bei Personen ohne Diabetes vor, außerdem ist die Parodontitis bei zuckerkranken Personen stärker ausgeprägt und schreitet schneller voran. Dabei hängt das Risiko für die Entstehung und Progression einer Parodontitis von der glykämischen Einstellung des Diabetes ab.

Umgekehrt kann durch eine Behandlung der Parodontitis die metabolische Einstellung eines Diabetes verbessert werden: So haben mehrere Meta-Analysen gezeigt, dass durch Parodontitistherapie der HbA1c-Wert klinisch signifikant um circa 0,4 Prozentpunkte reduziert werden kann.

Aus diesen Interaktionen zwischen Parodontitis und Diabetes ergeben sich eine ganze Reihe von Konsequenzen für die zahnärztliche Praxis. Die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zahnmedizinern und Diabetologen ist für die erfolgreiche Behandlung von parodontal-erkrankten Diabetikern von entscheidender Bedeutung. (red, derStandard.at, 11.11.2013)

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