Harry Potters einsamer Onkel muss aussagen

Kopf des Tages10. November 2013, 21:58
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Alan Rusbridger, Chefredakteur des "Guardian"

Alan Rusbridger ist Technik-affin, denkt strategisch und bohrt gern dicke Bretter. Eigentlich gäbe der Mann, der aussieht "wie Harry Potters ein­samer Onkel"  (Selbstbeschreibung), also einen idealen Geheimdienstdirektor ab. Stattdessen wurde der professoral wirkende Engländer schon mit Anfang 40 der Chefredakteur des traditionsreichen Guardian.

18 Jahre später steht Rusbridger (59) im Mittelpunkt der weltweiten Affäre um die Enthüllungen des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Was das Londoner Blatt da seit Monaten veröffentlicht, komme "einem Geschenk für Terroristen"  gleich, haben die wirklichen Bosse der britischen Nachrichtendienste GCHQ, MI5 und MI6 behauptet und vergangene Woche im Parlament bekräftigt. Wenn Rusbridger demnächst selbst vor den Abgeordneten aussagt, wird er eine robuste Antwort parat haben.

Einen Vorgeschmack erhielten BBC-Hörer im Oktober: Sollten Terroristen aus den verantwortungsvoll gehandhabten Veröffentlichungen seiner Zeitung neue Erkenntnisse geschöpft haben, handle es sich um "Leute, die nicht einmal ihre eigenen Schnürsenkel binden können" , spottete der Guardian-Mann. Dass sich "unsere Gegner vor Freude die Hände reiben" , wie MI6-Direktor John Sawers sagte, tun Rusbridger und seine Leute als Versuch ab, die notwendige Überwachungsdebatte zu vermeiden.

Die Debatte wird der Chefredakteur also bei seiner Anhörung im Unterhaus vorantreiben. Anders als die Chefspione soll er nicht dem lahmen Kontrollgremium ISC Rede und Antwort stehen, sondern dem Innenausschuss des Un­terhauses. Dort sind Skeptiker des Sicherheitsapparats ebenso vertreten wie jene, die Rusbridger am liebsten wegen Landesverrats vor Gericht zerren wollen.

Dazu gehört auch das robuste Boulevardblatt Daily Mail: Es bezeichnete den Guardian wegen dessen Enthüllungen als "Feind Großbritanniens" , auch seriöse Zeitungen wie Times und Telegraph übernehmen erstaunlich kritiklos die Vorgaben der Geheimdienste.

Doch das Gerede von einer Anklage wegen Geheimnisverrats wird beim Guardian offenbar ernst genommen. Bei aller Liebe zur Aufklärung – einen Gefängnisaufenthalt mag der Vater zweier erwachsener Töchter nicht riskieren. Im Gefängnis würde dem passionierten Hobbymusiker das Klavierspiel fehlen. Über seinen Kampf mit der g-Moll-Ballade von Frédéric Chopin hat Rusbridger sogar ein Buch geschrieben.  (Sebastian Borger /DER STANDARD, 11.11.2013)

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    foto: reuters/winning
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