Atatürks Erben predigen "legitimen Lebensstil"

10. November 2013, 18:49
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Er lässt sich als "Jahrhundertführer" feiern und demontiert die säkulare Ordnung: Tayyip Erdogan gibt der Türkei ein zunehmend religiöses Antlitz

Zu Atatürks Todestag tobt ein Streit um Studenten-WGs.

Die "zwei Trinker"  hat er sie genannt, Kemal Atatürk und Ismet Inönü, dessen Regierungschef und Nachfolger im Amt des türkischen Präsidenten. Vor nicht allzu langer Zeit wäre Tayyip Erdogan, der heute regierende Premier der Türkei, dafür wohl wie schon 1999 ins Gefängnis gesteckt oder zumindest mit einer hohen Geldstrafe belegt worden. 75 Jahre nach dem Tod des Republikgründers Atatürk aber, dessen Vorliebe für harte Spirituosen stets ein Tabuthema war, rollt die Revanche durchs Land.

Um 9.05 Uhr an jedem 10. November eines Jahres steht die Türkei eine Minute lang still. Gestern, Sonntag, war es nicht anders. Autos stoppen, Fußgänger halten ein, der Busfahrer verschränkt seine Arme. Und doch ist Atatürks Todestag mehr als je zuvor in den vergangenen Jahren ein losgelöstes Ritual. Eine Leerstelle für ein Land, das nun sichtbar religiöser wird, Atatürks Säkularismus über Bord wirft, aber dessen paternalistisch-autoritären Regierungsstil neu belebt. Dieser Tage geht es um das Verbot von gemischten Studentenwohnheimen und sogar von privaten Wohngemeinschaften.

Die Polizei kam morgens um halb zwei. "Leben hier Männer und Frauen zusammen?" , wollen die Beamten von den Studenten wissen. Zu sechst, so berichtete die liberale Tageszeitung Radikal, ist ein Polizeitrupp in der westanatolischen Stadt Manisa am vergangenen Wochenende in eine Privatwohnung eingedrungen und hat Geldstrafen verteilt: 88 Lira, derzeit rund 33 Euro, für jeden, den sie dort antraf – drei weibliche und zwei männliche Studenten. Seit einer Rede von Tayyip Erdogan in der vergangenen Woche ist das in der Türkei offenbar nicht mehr erlaubt.

"Unser geschätzter Premier"

Razzien werden auch aus Istanbul und der Provinz Hakkari, im äußersten Osten des Landes, gemeldet. Der Gouverneur der Touristenstadt Adana am Mittelmeer hat bereits versichert, dass "alle notwendigen Schritte unternommen werden gemäß der Anweisungen unseres geschätzten Premierministers" . Erdogan hatte in der vergangenen Woche zunächst vor Funktionären seiner konservativ-islamischen Partei AKP die Schließung von gemischten Studentenwohnheimen in der Türkei ab nächstem Jahr angekündigt und dann, angesichts rasch wachsender öffentlicher Empörung, seine Äußerungen in den folgenden Tagen nur verschärft. "Wir garantieren für das Privat­leben unseres Volkes" , sagte Erdogan etwa bei einer Pressekonferenz in Helsinki, fügte dann aber im gleichen Atemzug an: "Es gibt legitime und illegitime Lebensweisen."

Als "Jahrhundertführer"  lässt sich Tayyip Erdogan auf Plakaten feiern, mit denen die Millionenstadt Istanbul zugehängt ist. Die Grenzen zwischen Parteiwerbung und Öffentlichkeitsarbeit der Regierung sind längst schon verwischt, der türkische Rechnungshof ist nur noch eingeschränkt in der Lage, die Ausgaben für Kolossalbauten, Diplomatie oder die immer größer werdende Polizei zu überprüfen, wie selbst AKP-Gefolgsleute kritisieren.

Den Republikgründer nennt Erdogan konsequent nur noch bei seinen Vornamen, stellte Nazli Ilicak, eine Kolumnistin des längst ins Regierungslager gewechselten Boulevardblatts Sabah, fest: Mustafa Kemal statt Atatürk, den "Vater der Türken" . Gleichsam, um den Sieger des Unabhängigkeitskriegs und Modernisierer der Türkei auf irdisches Maß zu stutzen. "Er hat eine Phobie" , sagt die renommierte Journalistin über Erdogan und dessen Verhältnis zu Kemal Atatürk.

Ilicak liefert sich dieser Tage wegen der Studenten-WGs einen öffentlichen Schlagabtausch mit dem Premier. Doch auch Vizepremier Bülent Arinc, ein stramm konservativer Muslim, stellt sich offen gegen Erdogan. Neue rechtliche Vorschriften seien unangemessen, das Privatleben müsse geachtet werden, sagt Arinc.

Mehr als zehn Regierungsjahre haben Arinc und Erdogan einen Feldzug gegen das Erbe von Atatürk geführt. Nun steht der Realitätssinn von Arinc und einem Teil der Partei gegen Erdogans Populismus. (Markus Bernath aus Istanbul /DER STANDARD, 11.11.2013)

  • Neue Studentenproteste gegen Erdogan: "Wir sind Burschen, wir sind Mädchen. Der Faschismus soll zerbrechen."
    foto: ap/ozbilici

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  • Die Attraktivität des Atatürk-Mausoleum in Ankara ist für viele Türken ungebrochen, die politische Realität aber sieht anders aus.
    foto: standard/kirchengast

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