Nach NSA-Affäre boomen Cryptopartys

10. November 2013, 09:29
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Infoveranstaltungen zu Verschlüsselung und Co - von zwei bis drei Teilnehmern monatlich auf 50 angestiegen

Seit den NSA-Aufdeckungen von Edward Snowden ist das Interesse an sogenannten Cryptopartys gestiegen. Dabei handelt es sich um Veranstaltungen, bei denen sich Interessierte über Computersicherheit, Verschlüsselungsmethoden, anonymes Surfen und weitere Themen rund um Sicherheit im Internet informieren können. In Berlin ist ein richtiggehender Boom von Cryptopartys ausgebrochen. Zwei Veranstalter sprachen am Freitag vor der Presse in Berlin über ihre Arbeit.

"Bis es durch die Medien ging nur Computerleute"

Wobei sich einer der beiden Männer, Malte Dik, mit "Experte" falsch bezeichnet fühlt. "Als der Begriff Kryptoparty geboren wurde, war ich dort Gast und habe mich dann in das Thema reingefuchst." Seit Ende vergangenen Jahres veranstaltet er selbst solche Partys. Bei seinem Kollegen Hauke Laging waren es, "bis es durch die Medien ging", nur Computerleute, die sich für die Verschlüsselung ihres Computers interessierten.

Interesse seit Snowden-Aufdeckungen stark gestiegen

Seit der Affäre Snowden, im Juli, "ging es richtig los", erzählt Laging. "Ich bin richtig überrannt worden." Aus Veranstaltungen mit bis zu drei Leuten ein- bis zweimal monatlich sind wöchentliche Partys mit maximal zehn Personen geworden. Auch Diks Veranstaltungen seien "explodiert": 80 Teilnehmer seien es "seit Snowden", der Zustrom habe sich aber nun bei 50 bis 60 eingependelt. "Mit Merkels Handy gab es keinen neuen Schub", erklären beide unisono.

"Ich hoffe, dass dieses Wissen einzieht, bevor es groß knallt"

Die Partys sind jeweils öffentlich und kostenlos. Auf die Frage der APA, warum die beiden diese Abende ohne Profit veranstalten, antworten die Datenschutz-Aktivisten, dass sie es für problematisch halten, dass technisches Wissen in der Bevölkerung nicht vorhanden sei. "Wir machen uns vom Internet und von Leuten abhängig, die uns nicht nur belauschen, sondern richtig ärgern wollen", sagte Laging. Bisher habe es "noch nicht geknallt, ich hoffe, dass dieses Wissen einzieht, bevor es groß knallt". Kryptografie wäre die einzige Möglichkeit "solche Leute draußen zu halten".

Psychologische Profile

Malte Dik ergänzt, dass es nicht nur um akute Bedrohungen gehe, sondern dass Daten "auch in Zukunft gegen einen verwendet werden" könnten. Dies habe mit Machtausübung zu tun. Geheimdienste könnten psychologische Profile erstellen. Immer wieder werde ihm berichtet, dass Menschen Nachrichten empfingen, durch die ihnen signalisiert würde: Du wirst überwacht. Mit der Überwachung sei es aber sonst wie mit Strom oder Radioaktivität - man sieht sie nicht. Da hätten erst Menschen erkranken oder sterben müssen, bis Bewusstsein für das Problem geschaffen wurde, meinte Dik.

"Jeder Schritt hilft"

Ihre Empfehlungen? "Jeder Schritt hilft", so Dik. "Die Systeme sind nicht sicher, nur weil sie alle Leute nutzen." In erster Linie rät er zur Installation von Open Source Software. Und Hauke Laging:"Als Grundregel: Je sicherer wir es haben wollen, umso komplizierter wird es." Erst müsse jeder Interessierte sein Schutzniveau definieren. Grundsätzlich aber rät der IT-Spezialist zur Verwendung von einer eigenen E-Mail-Domain und zwei miteinander verbundenen Computern: einem für die tägliche Arbeit und einem, der verschlüsselt sei, für die sensiblen Daten.

Und da Google und Apple nachweislich Schwachstellen aufweisen und mit Geheimdiensten zusammenarbeiten würden, solle man diese Produkte nicht mehr verwenden, fügte Dik hinzu. "Das Auswärtige Amt verwendet weltweit Linux-Computer. Das sagt viel über Vertrauen aus."

Tropfen auf den heißen Stein

Allerdings sind sich die zwei Cryptoparty-Veranstalter bewusst, dass ihre Arbeit ein Tropfen auf dem heißen Stein ist: "Innerhalb von fünf bis zehn Jahren brauchen wir zehn Millionen Nutzer, damit sich etwas ändert", sagte Hauke Laging. Eine von der EU favorisierte "European Cloud" beurteilen sie zurückhaltend: "Zentrale Lösungen sind skeptisch zu beurteilen", meinte Malte Dik. "Würde man etwa Own Cloud, denen, die schon jetzt gute Arbeit leisten, einen Bruchteil davon geben, wie so großen Projekten, wäre viel geholfen." Dabei würde es diese schon "beflügeln", würde solchen freiwilligen Projekten lediglich die Infrastruktur, etwa ein Rechenzentrum, bereitgestellt.

Wenig Verständnis zeigten die Kryptoparty-Veranstalter für das Verhalten deutscher Qualitätsmedien, etwa des "Spiegel", der eine Whistleblower-Box eingerichtet habe ohne besonderen Schutz vorzusehen. Mit einem Geheimnisverrat hätte die NSA bisher nicht gerechnet, aber: "Es wird keinen Snowden II geben", sagte Laging. Solange die Medien nichts zur eigenen Abschirmung vor Ausspähung unternähmen, "brauchen sie nicht erwarten, dass sich jemand bei ihnen meldet." (APA/red, 10.11.2013)

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    Was können Nutzer zum Schutz ihrer Daten im Netz tun? Auf Cryptopartys können sich Interessierte informieren.

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