Starke Stücke, müde Augen & neue Sichtweisen

11. November 2013, 14:52
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Ein persönlicher Rückblick der STANDARD Leser-Jury

Auch dieses Jahr wurden unter rund 100 Bewerbern wieder 5 Film-Enthusiasten ausgewählt, um die STANDARD Viennale Publikumsjury zu stellen. Ihre Aufgabe: Aus 21 Filmen denjenigen auszuwählen, der es am meisten verdient, in die heimischen Kinos zu kommen. Denn eines fehlte allen 21 Filmen: ein Verleih in Österreich.

Die Wahl fiel einhellig auf "Das merkwürdige Kätzchen" des Schweizers Ramon Zürcher – ein präzise choreografiertes Kammerspiel mit reichlich Sprachwitz und Situationskomik rund um ein Familienessen in einer Berliner Altbauwohnung. So einig sich die Jury (Sarah Al-Hashimi, Marcus Fischer, Oliver Kossegg, Almud Krejza und Ute Waditschatka) in der Filmentscheidung war, so unterschiedlich fielen die Blickwinkel auf die zurückliegenden Festivalwochen aus.

Filmaholic - fehlgeschlagen. (Sarah Al-Hashimi)

Vollgepumpt mit cineastischer Motivation füllte ich jede freie Minute in meinem Kalender mit Kino und sah bereits in den ersten zwei Tagen zwölf Filme. Beginn 11 Uhr, zuhause sein um 3 Uhr. Unter diesen Streifen befand sich übrigens mein persönlicher Favorit: "La Bataille De Solferino". Schnell musste ich mir aber eingestehen, dass ich mich übernommen hatte - vor allem dann, als man meine Augenringe auf zehn Meter Entfernung wahrnehmen konnte. Das schlechte Gewissen, auf ausgezeichnete Filme meiner Gesundheit wegen zu verzichten, war vorprogrammiert. Allerdings waren auch Filme dabei, die ich getrost hätte auslassen können, wie beispielsweise "Dialogue D'Ombres" oder "Historia De La Meva Mort". Wobei letzterer zu unseren 21 Jury-Pflichtfilmen zählte, die Hans Hurch liebevoll für uns zusammengestellt hatte. Jedoch wurde auch uns klar: nicht alles, was Hans Hurch auswählt, ist Goldes wert. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Da kam es nach gemeinsamer Jurysichtung bei dem ein oder anderen Film zu Äußerungen wie: "Na so a Schas". Nichtsdestotrotz versüßen dann aber wieder andere Flimmer-Überraschungen unseren Kritiker-Alltag, wie "Computer Chess", "La Jalousie" oder unseren juryprämierten Liebling "Das merkwürdige Kätzchen". Dementsprechend wehmütig ziehen wir den Hut und uns zurück - es war uns ein ausgesprochen schönes Fest. Und ja, die Partys waren auch super.

Überraschend viele Katzen. (Marcus Fischer)

Zwei Wochen "All you can see": Davon haben wir alle geträumt. Und wir haben es genossen. Auch wenn die Kost in diesem Film-Schlaraffenland oft alles andere als leicht war. Aber gerade die harten, streckenweise nur schwer erträglichen Filme – wie "The Act of Killing", "Sto Lyko", "Aterfträffen" oder "The Selfish Giant" – sind es, die Spuren hinterlassen. Und dazu führen, dass man nach diesen zwei Wochen die Welt mit anderen Augen sieht. Das ist und war für mich immer eine wesentliche Leistung des Kinos. Das Besondere an den beiden Jurywochen bestand aber darin, dass man nach dem Film nicht mit seinem Staunen oder Entsetzen alleine war. Gerade die wirklich unter die Haut gehenden Seherfahrungen schreien nach Austausch. Und den haben wir immer wieder gesucht – und in fruchtbaren, spannenden, erhellenden Auseinandersetzungen gefunden.

Es gäbe noch viel zu sagen: Vom schwebenden Viennale-Zeitgefühl, das sich Schritt für Schritt von der Zeit der Stadt abkoppelt. Von zufälligen gemeinsamen Motiven ganz unterschiedlicher Filme – so haben wir überraschend viele Katzen gesehen – und von Assoziationen, die sich spätestens nach dem fünften Festivaltag nur noch auf Filme beziehen. Es war eine traumwandlerische Zeit des langsamen Abschieds von der Außenwelt. Gegen Ende des Festivals wurde das Sitzfleisch dann aber doch mürbe. Und man war zusehends froh, dass da draußen doch noch was Anderes ist.

Starke Stücke. (Oliver Kossegg)

Eine wilde Achterbahnfahrt, ein Traum, ein langer Schulausflug und eine Reise ins Kinomärchenland. All das waren die letzten zwei Wochen für uns. In der Zeit haben wir insgesamt 21 "Pflichtfilme" als Publikumsjury, und noch ein paar mehr privat gesehen. Persönliche Höhe- und Tiefpunkte hatte wohl jeder von uns, denn Kino in solch dichter Form kann auch ganz schön anstrengend sein... Erst wenn einem etwas unerwartet Gutes vor die Kino-Nase gesetzt wird, wird uns bewusst, dass man Pressetexte meist außer Acht lassen muss um seine eigene Meinung zu bilden.

Schwierig war es Filme, die wir an und für sich als sehr gut oder sogar großartig empfunden haben, außer Acht zu lassen, denn für uns galt es nur einen Gewinner unter den vielen Filmen herauszufiltern. So wirkt es nun für mich beinahe schon wie eine Pflicht, zumindest ein paar Highlights hervorzuheben, die leider keine weitere Ehrung mehr von uns bekommen werden. So konnten etwa die enorm packende Doku "The Act of Killing", der mit wahnsinnig starken Darstellerinnen gesegnete "Grzeli nateli dgeebi" und das bewegende Sozialdrama "The Selfish Giant" keine Mehrheit finden. Mindestens ebenso beeindruckt waren wir von "Prince Avalanche", "Dast-neveshtehaa nemisoozand (The Manuscripts Aren't Buring)" und "La Plaga". Dass das Viennale Festival uns nicht enttäuschen würde, war von vornherein klar, dass man sich dann aber doch so (!) viel Positives mitnehmen kann, hätte sich wohl niemand gedacht.

Nonstop Kino. (Almud Krejza)

Die wahrscheinlich purste Form, auf einem Filmfestival zu arbeiten ist die eines Jurymitgliedes. Wenn die ehrenvolle und einzige Aufgabe die ist, sich Filme anzuschauen, der Kinosaal zum Arbeitsplatz und der Filmverzehr die zentrale Beschäftigung wird, gibt es so schnell nichts mehr, was einen aus der Festivalblase locken könnte. Man begibt sich auf eine Reise.

Eine Reise, die an einem Tag freudiges Jauchzen, am nächsten Irritationen hervorruft. Auf der man nicht nur ferne Länder besucht, sondern auch Perspektiven wechselt. In first cousin once removed sieht man die Welt durch die Augen eines Alzheimerpatienten, das merkwürdige Kätzchen ist lange Zeit auf Augenhöhe eines Kindes gefilmt. L'image manquante und Salma lässt Opfer von Genozid und Unterdrückung erzählen, während the act of killing auf unfassbare Art und Weise den Tätern das Wort gibt und in Sagro GRA und Sto Lycko hauptsächlich die Bilder sprechen.

Die gebückte zerbrechlich wirkende Maria aus la plaga, die widerspenstigen Mädchen aus grzeli nateli dgeebi, der selbstbewußte, die Probleme scheinbar anpackende Arbor aus the selfish giant, die schachspielenden Nerds aus computer chess, sie alle haben mich neben meinen Jury KollegInnen auf dieser Reise begleitet und ich werde sie in wärmster Erinnerung behalten.

Grübel, grübel. (Ute Waditschatka)

Die aktive Auszeit vom alltäglichen Leben mit einem extrem intensiven Filmerleben während der Viennale lässt die eigene oft konsumistisch orientierte Kinopraxis hinterfragen. Die geballte Ladung an Filmen und Konfrontation diversester Genres in diesem kurzen Zeitrahmen brachten zwangsläufig ein Nachdenken mit sich, das aus einer Einzelerfahrung kaum zustande kommt. Die Gespräche und Auseinandersetzungen (im besten Sinnen des Wortes) innerhalb der fünfköpfigen Jury führten häufig zu essentiellen Fragestellungen.

Vor allem das Sprechen über die Spielarten des Dokumentarischen kippte rasch ins Ethische und ließ die Bedeutungsschwere eines Themas in einer Art "form-follows-function"-Debatte allzu oft dominieren. Überraschenderweise lässt sich rückblickend feststellend, dass in der Diskussion narrative Grenzziehungen zunehmend an Bedeutung verloren und die Verschränkung von Fiktionalem und (vermeintlicher) Realität als besondere Qualität wahrgenommen wurde. (derStandard.at, 8.11.2013)

  • Ute Waditschatka, Oliver Kosseg, Marcus Fischer, Almud Krejza und Sarah Al-Hashimi (von li. nach re.)
    foto: robert newald

    Ute Waditschatka, Oliver Kosseg, Marcus Fischer, Almud Krejza und Sarah Al-Hashimi (von li. nach re.)

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