Else Buschheuer: Wo bleibt Deutschlands Barbara Walters?

10. November 2013, 17:00
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TV-Männern lassen wir alles durchgehen: Glatzen, Wampen, Doppelkinn. Stellen Sie sich eine sechzigjährige Frau auf dem Bildschirm vor. Warum geht das denn nicht?

Kleines Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, Thomas Gottschalk (geb. 1950), Deutschlands Showtitan, wäre eine Frau. Stellen Sie sich vor, Jan Hofer (geb. 1950), Chefsprecher der Tagesschau, wäre eine Frau. Stellen Sie sich eine sechzigjährige Frau auf dem Bildschirm vor, mit all ihrer Erfahrung, Sachkompetenz, Professionalität, aber auch mit äußeren Merkmalen des Alters: graue Haare, Krähenfüße, hier und dort mal ein Wärzchen. Diese vollkommen hypothetische Frau würde also die Nachrichten präsentieren oder eine Samstagabendshow, sie wäre Sportkommentatorin, Comedian, Literaturpäpstin, Talkmasterin, Wetterfee.

Die Zuschauer wären mit ihr aufgewachsen, oder sie wären ihr nachgewachsen, Generationen von Menschen würden mit Respekt von ihr reden, würden sie lebende Legende, Grande Dame, Dinosaurierin nennen, ihr Bild an ihren Kühlschrank hängen, ihr nacheifern, ihr Preise verleihen und sich wie Bolle auf ihre nächste Sendung freuen.

Warum ist das nicht so? Wa-rum sind in Großbritannien (in Deutschland gibt es solche Studien nicht) von den über 50-jährigen TV-Moderatoren nur 18 Prozent weiblich? Weil es nach wie vor Schönheit und Jugend sind, über die wir Frauen definiert werden. Bei Mutter Teresa (1910-1997) war es egal, als Quasi-Heilige, die vermutlich schon alt, gebückt und mit Nonnenhäubchen auf die Welt gekommen war, schwebte sie über diesen Bewertungskriterien, aber selbst die Bundeskanzlerin (geb. 1954) lässt jeden Morgen eine Visagistin kommen, selbst Alice Schwarzer (geb. 1942) freut sich, wenn sie für jünger als 70 gehalten wird.

Kennen Sie Barbara Walters? Die Amerikanerin (geb. 1929) war 1972 die einzige Frau im US-Journalisten-Team, die Richard Nixon auf seiner Staatsreise nach China begleitete. Sie führte als erste Frau im amerikanischen Fernsehen durch die Abendnachrichten. Sie präsentierte fast 25 Jahre das ABC-Nachrichtenmagazin 20/20. Sie interviewte Fidel Castro, Wladimir Putin und jeden US-Präsidenten seit Nixon. Im nächsten Jahr will sie in Rente gehen - mit 84 Jahren.

Wo aber ist Deutschlands Barbara Walters? Wir hatten ja Frauen jenseits der 40 im deutschen Fernsehen, es ist nicht so, dass keine da gewesen wären. Dagmar Berghoff (geb. 1943) las die Nachrichten der Tagesschau, bis sie 56 war. Ins neue Jahrtausend ging sie nicht mit. Freiwillig? Sigrid Löffler (geb. 1942) moderierte das Literarische Quartett - sie ging, ebenfalls mit 56, im Streit. Marcel Reich-Ranicki hatte live im Fernsehen ihre sexuelle Kompetenz angezweifelt. Oder nehmen wir Aspekte. Warum moderiert Luzia Braun (geb. 1954) diese Sendung nicht mehr? Wollte sie nicht mehr vor der Kamera sein, wurde sie ausgemustert? Mit welcher Intention tauschte das ZDF sie gegen Katty Salié (geb.1973) aus? Wie alt ist eigentlich die Meteorologin Inge Niedek, die seit 25 Jahren den Wetterbericht beim ZDF moderiert? Sie wäre eine Heldin meiner Geschichte geworden, wenn da nur irgendwo ihr Geburtsdatum stünde. Hat sie Vorkehrungen getroffen, um nicht dem Jugendwahn zum Opfer zu fallen? Hat sie Angst? Muss sie Angst haben?

Muss sie Angst haben?

Vermutlich ja. Googelt man bekannte weibliche deutsche TV-Gesichter von gestern, dann liest man Dinge wie "arbeitet jetzt hinter der Kamera", "vertont Hörspiele", "ist nur noch als Autorin tätig", "engagiert sich karitativ für (hier Name einer beliebigen Hilfsorganisation einsetzen"). Was ist zum Beispiel aus Margarethe Schreinemakers (geb. 1958) geworden? Sie hat einen Herzstillstand erlitten, sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und dann ihren Retter geheiratet. Alida Gundlach (geb. 1943)? Wohnt in der Nordheide und engagiert sich für Tierschutz. Bärbel Schäfer (geb. 1963)? Moderiert beim Radio. Amelie Fried (geb. 1958)? Schreibt Bücher und Kolumnen und ist Kinderhospiz-Patin. Elke Heidenreich (geb. 1943)? Dichtet Opernlibretti. Offenbar muss der deutsche Zuschauer vorm Anblick einer älteren TV-Moderatorin geschützt werden. Aber was war eigentlich so bedrohlich an Karin Tietze-Ludwig (geb. 1941), die 30 Jahre lang unsere Lottozahlen zog?

Gibt es wirklich keine positiven Beispiele? Vera Russwurm (geb. 1959) kriegt eine neue Sendung. Ach, Moment, sie ist Österreicherin. Antonia Rados (geb. 1953) ist trotz ihrer 60 Jahre gefeiert als Kriegsreporterin - aber halt, auch sie ist Österreicherin. Zu nennen wäre die wunderbar naturbelassene Christine Westermann (geb. 1948) mit Zimmer frei, Bettina Tietjen (geb. 1960) - Hirschhausen & Tietjen, Petra Gerster (geb. 1955) - heute-Nachrichten, Ulrike von der Groeben (geb. 1957), RTL aktuell - und Birgit Schrowange (geb. 1958). Letztere ist ein spezieller Fall, auf die komm ich gleich noch mal zurück.

Fest steht: Frauen im deutschen Fernsehen dürfen nicht altern. Marijke Amado (geb. 1954) sagt es so: "Eine Moderatorin, die älter als 40 ist, wird wie ein Müllsack auf die Straße gestellt." Wenn Moderatorinnen altern - weg! Oder sie müssen ihr Geburtsdatum fälschen. Wenn sie sich aber jünger machen, müssen sie auch jünger aussehen. Die Künste von Kameramanns und Beleuchter sind gefordert. Mimikfalten und alte Hälse wegzaubern! Das Einleuchten dauert mit den Jahren immer länger. Spezielle Lampen werden angeschafft und mitgeführt. Die Maskenbildnerin wird zur wichtigsten Verbündeten, ja, zur Geheimnisträgerin.

Warum wurde die bereits ergraute ZDF-Ansagerin Birgit Schrowange nach ihrem Wechsel 1989 zu RTL wieder dunkelhaarig und sieht heute aus wie eine 15-Jährige? Ganz einfach: Graue Schläfen stehen bei Männern für Seriosität (Peter Kloeppel), bei Frauen im TV sind sie ein No-go. Immerhin will Birgit Schrowange gar nicht mehr aussehen wie eine 15-Jährige. Erst neulich sagte sie in einem Interview, sie habe sich fest vorgenommen, die erste Frau zu sein, die mit grauen Haaren moderiert. Aber wann? TV-Frauen sitzen alle irgendwann in der Schönheitsfalle. Eine konservierte Moderatorin kommt irgendwann gar nicht mehr in die Verlegenheit, Kompetenz auszustrahlen. Sie präsentiert vielmehr den Sieg der Form über den Inhalt. Ihre Zuschauer altern, sie nicht.

Einige meiner gleichaltrigen TV-Kolleginnen werden sogar jedes Jahr jünger. Das zögert das mediale Ende hinaus, bringt sie jedoch in die Bredouille, auf unbestimmte Zeit wie unter 40 auszuschauen. Erst wird gecremt, dann ausgepolstert, dann repariert. Hyaluronsäure. Botox. Kleines Lifting. Großes Lifting. Anti-Aging turns into Selbstverstümmelung. Und zum Schluss sehen alle gleich aus: falsche Haare, falsche Zähne, falsche Titten.

Wurde sie ausgemustert?

Joan Rivers, geboren 1933, hat ihren eigenen Stern auf dem Hollywood-Walk-of-Fame und moderiert mit 80 Jahren Red-Carpet-Events. Auf dem roten Teppich lernte sie vermutlich auch den Schönheitschirurgen von Michael Jackson und Elizabeth Taylor kennen - beide inzwischen faltenlos verstorben - und ließ sich nach und nach in eine Art Zombie umarbeiten. Gab die Gesellschaft ihr keine Chance, eine runzelige TV-Oma zu werden, die am Rollator auf die Bühne humpelt (rhetorische Frage)?

Immerhin wird in Amerika offen über Schönheitschirurgie geredet. In Deutschland machen das nur Pornostars. Alle anderen leugnen. Es gilt als unfein, sich von der Gesellschaft bei der Schlupfliderbeseitigung zuschauen zu lassen. Wer für ein Alter etwas zu jung und frisch aussieht, beruft sich auf Wasser, Yoga, Luft und Liebe. Es sei denn, man heißt Brigitte Nielson und braucht dringend Geld (Aus alt mach neu, RTL 2008).

TV-Männern lassen wir alles durchgehen: Glatzen, Wampen, Doppelkinn. Es ist anzunehmen, dass Denis Scheck (geb. 1964), der die Büchersendung Druckfrisch im "Ersten" präsentiert, noch nie darüber nachgedacht hat, sich die Ohren anlegen, das Bauchfett absaugen oder Luftballons in seine Lippen implantieren zu lassen. Das muss er nicht, denn er ist ein Mann. Optisch und akustisch hat er einen hohen Wiedererkennungswert, und für die Bewertung seiner Sendung reichen Originalität und Kompetenz aus. Er wird mit 70 noch moderieren, darauf verwette ich meinen original 48-jährigen Arsch. (Else Buschheuer, Album, DER STANDARD, 9./10.11.2013)

Else Buschheuer, geb. 1965, ist deutsche Schriftstellerin. Sie moderiert seit 2007 das Filmmagazin „Kino Royal“ im MDR. Ab 2014 wird „Kino Royal“ unmoderiert laufen. Die offizielle Begründung des Senders: Sparmaßnahmen. Zuletzt erschien ihr aktueller Roman „Zungenküsse mit Hyänen“, erschienen im Aufbau-Verlag.

  • Walters 2013: Sie interviewte Castro, Putin und jeden US-Präsidenten. Im nächsten Jahr will sie in Rente gehen - mit 84 Jahren.
    foto: reuters/rocco

    Walters 2013: Sie interviewte Castro, Putin und jeden US-Präsidenten. Im nächsten Jahr will sie in Rente gehen - mit 84 Jahren.

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