Unerschrocken im Leben und Schreiben

8. November 2013, 17:35
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Für seinen Roman "Bo" bekommt Rainer Merkel den Erich-Fried-Preis 2013 verliehen. In ihrer Laudatio schreibt Jurorin Kathrin Röggla über den Mut des Autors

Rainer Merkel hat mich überrascht. Seit langem sind wir Recherchekollegen, beobachten aus dem Augenwinkel, was der andere macht, zuerst zum Phänomen der New Economy, auf welches er mit seinem ersten Roman Jahr der Wunder von 2001 antwortete. Es muss Ende der Neunziger gewesen sein, als er mich zu einer Party der damals angesagten Werbeagentur Pixel Park mitnahm, um mir Einblick in dieses Milieu zu gewähren, in dem er unterwegs war. Dann trafen wir uns auf Podien wieder, eine Weile lang hörte ich nichts von ihm, erfuhr von einem Stipendienaufenthalt in der Villa Concordia in Bamberg, in dem der Prosa- und Gedichtband Beim Herausschauen entstand. Dann hieß es, er lebe in Irland, um in Dublin als Psychologe zu arbeiten, es erschienen seine Beziehungsromane Lichtjahre entfernt und Das Gefühl am Morgen, bis wir uns plötzlich wieder in Berliner Cafés verabredeten, um über den Kosovo, Somalia oder Liberia zu sprechen, über die NGOisierung dieser Länder und den entstehenden Rechercheproblematiken, dazu möchte man literarisch etwas machen.

Ich lernte Merkel immer wieder aufs Neue als skrupulösen Schriftsteller kennen, der nicht einfach Hau-drauf-Recherchen zu Hau-drauf-Texten verwurstet, wie es heute üblich geworden ist. Ein Zögern, ein Innehalten, ja gar eine Verweigerung begleiten seine Projekte. Eine Haltung, die sich seltsam paart mit einer merkwürdigen Entschlossenheit. - "Ich gehe nach Somalia", so kündigte er mir eines Nachmittags in einem der Neuköllner Kindercafés an und setzte nicht ohne Aberwitz hinzu: "Um dort psychotherapeutisch tätig zu werden." Natürlich rief ich aus: "Das kannst du doch nicht machen! Denk an die Reitermilizen!"

Kurz darauf bekam ich die Nachricht, dass Merkel für Cap Anamur nach Liberia gegangen war, um dort ein Jahr lang die einzige Psychiatrie des Landes zu leiten. In diesem Jahr tröpfelte gelegentlich eine Mail herein - er würde jetzt bald aufhören und ein wenig beratend tätig sein, bevor er zurückkomme. Als wir uns kurze Zeit später im nächsten Neuköllner Kindercafé trafen, war er fest entschlossen, nichts darüber zu machen. Er schien unter seiner Rückkehr zu leiden. Übrigens, er wolle bald in den Kosovo aufbrechen, kam im selben Atemzug, vielleicht könnte ein Roman über die NGO-Welten in Osteuropa entstehen. Das wie für ihn geschaffene Grenzgänger-Stipendium der Bosch-Stiftung ermöglichte diese Reise, die zunächst keinen Roman, sondern den Reisereportageband Das Unglück der anderen zur Folge haben sollte.

Als er mich vergangenen Herbst zu dessen Buchpremiere einlud, war ich neugierig. Was ist da für ein Buch entstanden? Es ist ein Recherchekunstwerk, in dem Leben und Schreiben ineinanderfließen, sich aber nicht eindimensional à la Hemingway befeuern. Kein Wunder, dass der Berliner Buchhändlerkeller gut gefüllt war mit Kollegen, die ebenso neugierig auf das Ergebnis dieses Recherchewegs waren. Kein Wunder auch, dass Merkel an jenem Abend erzählte, er sei extra angereist aus Beirut, wo er für drei Monte leben und recherchieren wollte. Längst war er wieder unterwegs, um sich Flüchtlingslager genauer anzusehen, mit der Hisbollah zu sprechen, die ihn als Spaziergänger erst mal festnahm, was er lachend als Snowden-Effekt beschrieb. Ich glaube, seine Unerschrockenheit, nein, seinen Mut erahnen zu können, einen im Leben und einen im Schreiben, was ja im besten Falle zusammengehört. Es ist ja nicht das Selbstverständlichste für einen Autor, sein Leben auf diese Weise aufs Spiel zu setzen.

Unerbittliche Selbstkritik

Eine Unbedingtheit wohnt seiner Arbeit inne, ein Kampf mit Schreibgeschwindigkeiten, Kontrollverlusten, Korrekturwahn und oft auch unerbittlicher Selbstkritik. Eine Haltung, die ihn in die Nähe seiner Kollegen David Foster Wallace, William T. Vollmann oder auch Joan Didion bringt. Es handelt sich um einen Mut, von dem er selbst am wenigsten zu wissen scheint, seine Entschlossenheit, sich das nicht nur anzusehen, sondern sich auch involvieren zu lassen. Schließlich war sein Aufenthalt in Liberia, dem der Roman Bo entsprungen ist, eben kein literaturwütiger Aufenthalt eines Denis Johnson, der als rasender Reporter durch Afrika düst, sondern einer, um in der dortigen Psychiatrie zu arbeiten. Das erfordert nicht nur Entschlossenheit zum Aufbruch, sondern auch zum Abbruch von festen Identitäten.

Merkels Entschlossenheit hat immer auch etwas Traumverlorenes, sich den Zufällen Überlassendes. Und weil er stets seinem Gegenüber auf Augenhöhe begegnen will, sei es jetzt ein Patient, eine Soldatin oder ein Kind im staubigen afghanischen Dorf in der Nähe des Bundeswehrlagers, er einen Humanismus praktiziert ohne die leidige Ideologie dahinter, mit einem Hang zur Komik, ohne die dieser Humanismus nicht zu verdauen wäre, entzieht er sich geschickt in einem politisch krass verbauten Gelände dem Zwang, stets die einzig richtige Position aufzusuchen.

Kurz nach dem Erscheinen von Das Unglück der anderen war vom Fischer-Verlag bereits die Publikation von Merkels Roman Bo geplant. Es war mir kaum vorstellbar, wie man aus den Erfahrungen, die Merkel in Liberia gemacht hat, einen Roman entwickeln würde, und ich hätte alles vermutet, nur nicht einen Coming-of-age-Genreroman, als der Bo von manchem Feuilletonkritiker aufgenommen wurde. Ein Genreroman, der in Afrika spielt. Afrika ist schwierig. Afrikanische Autoren liegen wie Beton in den Regalen der Buchhändler. Im Grunde ist unser Afrikabild schön verhunzt durch TV-Zweiteiler, die entweder das Leben einer Frau, die eine Farm in Afrika führt, oder das Aufwachsen eines Mädchens auf eben dieser Farm zum Inhalt haben und mit Kitsch und einer Portion Rassismus überziehen - oder es ist von Gräuelnachrichten unter dem Label Kongo oder Ruanda bestimmt, die in unserer erschreckten Ignoranz münden. Afrika bleibt der weiße Fleck auf unserer kollektiven Weltkarte, der allenfalls kolonialistische Fantasien oder Schreckbilder von Migrantenströmen weckt.

Auch ich dachte: "Was interessiert mich so ein dicker Wälzer über Liberia?" Kindersoldaten, Bürgerkrieg, vermutete ich und schlug das Buch trotzdem auf, um gewaltig überrascht zu werden. Merkel schafft es sofort, in seine Geschichte hineinzuziehen. Es ist ein spannendes und ein fulminant widerspenstig genau beobachtetes Buch. Dabei ist es ein heikles Unterfangen, in Romanform über die Welt der NGOs in Liberia zu schreiben. Es ist nicht leicht, nicht zentralperspektivisch darauf loszusteuern, sondern multiperspektivisch sich durch den liberianischen Alltag zu bewegen, auf der Augenhöhe nicht von allmachtsfantasie- und krisengeschüttelten europäischen oder amerikanischen Mitarbeitern der "Mitleidsindustrie", sondern von drei Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft.

Der Roman beginnt im Flugzeug von Berlin nach Monrovia, wo wir zunächst dem dreizehnjährigen Benjamin begegnen, Berliner deutsch-irischer Abstammung, dann Brilliant, einer in Kalifornien aufwachsenden Exil-Liberianerin der dritten Generation, und schließlich, schon in Monrovia gelandet, Bo, einem blinden liberianischen Jungen, der mit seiner Schwester bei seinem angeblichen Großvater lebt. Deren Irrläufe und Bewegungen streben unaufhörlich aufeinander zu, als wären sie von einem subtilen Magnetismus erfasst, der aber durchaus Gegenspannungen aufzubauen imstande ist. Benjamin geht in Liberia verloren, er wird nicht von seinem Vater wie verabredet am Flughafen abgeholt und irrlichtert ohne amtliche Identität zunächst in Richtung Stadt, um erstes Asyl bei Bo zu finden, eine für Merkel typische Umkehrung der westlichen Erwartungshaltung: Aus den Helfern werden schneller Hilfsempfänger, als man glauben möchte. Er lernt die verflochtene Welt der NGOs kennen, eine Parallelwelt, in der auch sein Vater irgendwo stecken muss. Durch eine der Organisationsmitarbeiterinnen, Emily, gelangt er in eben jenes psychiatrische Krankenhaus, für das auch der Autor des Romans gearbeitet hat.

Merkels Ausbildung als Psychologe hat ihm mit Sicherheit geholfen, zu einer schonungslosen und doch empathischen Figurenzeichnung zu finden, sowohl für Bo als auch für das Unglück der anderen. Seine Vorliebe für das verräterisch Gestische, die kleinen grotesken Konstellationen des Alltagslebens machen beide Bücher zu einem großen Lesegenuss. Manches erinnert an Thomas Bernhard, das Selbstzweiflerische, in Schlaufen Denkende, wenn Merkel auch jeder Zynismus und jede Festgefahrenheit abgehen. Er ist gewissermaßen ein dynamisierter Bernhard, mit weitaus psychologischerer Urteilskraft, in einer Welt, die vom Autor ein hohes Maß an Verständnis der politischen Komplexität verlangt. Es handelt sich um eine Literatur, die mitten im Bild des politischen Desasters den Alltag in all seiner Widersprüchlichkeit zeigt und jenes ambivalente, meist verlorene "It's not about me - it's about you", das er einen Präsidentschaftskandidaten sagen hört, als ein Echo seiner eigenen Ansprachen vor dem Personal des E. S. Grant Mental Health Hospital erklingen lässt und somit entlarvt, eine Literatur, die die eigene Position als Stolperstein und als Möglichkeit gleichermaßen zeigt, die klarmacht, dass es um unsere Einmischung "da draußen" geht, und gleichzeitig die gewaltige Hybris, die darin steckt, auch vorführt. (Kathrin Röggla, Album, DER STANDARD, 9.11.2013)

Stark gekürzte Version von Kathrin Rögglas Laudatio auf Rainer Merkel. Der Preis wird zur Abschlussmatinee der Erich-Fried-Tage am 10. November im Literaturhaus Wien verliehen.

Kathrin Röggla, geboren 1971 in Salzburg, lebt als Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt erschienen von ihr "Kinderkriegen" (Theaterstück 2012) und "besser wäre: keine" (Essays und Theater, Fischer, Frankfurt am Main 2013).

  • Rainer Merkel begegnet dem Gegenüber stets auf Augenhöhe.
    foto: gaby gerster

    Rainer Merkel begegnet dem Gegenüber stets auf Augenhöhe.

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