Breslau: Groß geworden mit Zipfelmütze

11. November 2013, 16:38
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Vor 30 Jahren waren die Breslauer Zwerge subversive Anarchos. Heute stehen sie ganz im Dienst der Touristen. Von

Sie klettern auf Straßenlaternen, sitzen auf Fensterbänken, hängen an Hauswänden, drohen in die Oder zu plumpsen oder lümmeln auf Wroclaws Plätzen herum. Sie sind etwa dreißig Zentimeter groß und aus Bronze. Mehr als hundert dieser Zwerge soll es im polnischen Breslau geben, keiner weiß genau, wie viele es wirklich sind. Denn immer kommen neue hinzu, während andere verschwinden. Manche sind so beliebt, dass sie mit einem GPS-System ausgestattet wurden, damit sie bei Diebstahl geortet werden können.

Im Sommer 2001 tauchten die ersten dieser Zwerge, die Krasnoludki, als Projekt von Absolventen der Hochschule der Schönen Künste auf. Das brachte die städtischen Werbestrategen, schon lange auf der Suche nach etwas Unverwechselbarem in Breslau, auf die Idee, mehr dieser Skulpturen aufzustellen. 2004 wurde der Künstler Tomasz Moczek mit der Fertigung der ersten Gruppe von zwölf Zwergen beauftragt.

Breslau hat Zwergen eine Menge zu verdanken. Vor 30 Jahren waren sie Teil der Freiheitsbewegung gegen die kommunistische Zwangsherrschaft. Denn in Polen gab es nicht nur Lech Walesas Solidarnosc. In Breslau - und nur dort - kämpfte die avantgardistische Orange Alternative, Anfang der 1980er-Jahre vom Kunststudenten Waldemar Fydrych initiiert, auf eine ganz eigene, subtile Art gegen das Regime. Es war die Revolution der Zwerge.

Die Aktivisten der Orangen Alternative organisierten spontane Demonstrationen in Zwergenkostümen, stellten 1983 den ersten gusseisernen Zwerg namens Papa Zwerg in der Innenstadt auf oder malten abstrakte Zwergengraffiti auf jene Flächen, die durch das Übermalen regimekritischer Sprüche entstanden waren. Inspiriert von der holländischen Kabouterbewegung stichelten sie mit dadaistischen, surrealen Methoden gegen das Regime: Sie sangen vor dem Schimpansengehege im Breslauer Zoo Stalin-Hymnen oder demonstrierten mit der Parole "Nieder mit der Hitze!". Sie trafen sich zu Happenings mit orangen Zipfelmützen und fragten die herrschende Klasse: Warum sollten Zwerge verhaftet werden?

Geordnete Anarchie

So anarchisch die Aktionen der Orangen Alternative seinerzeit waren, so geordnet läuft die Erkundung Breslaus auf der Suche nach den Zwergen heute ab. Das Tourismusbüro hat einen eigenen "Zwergenstadtplan", den Plan "miasta krasnoludkowy", zur Orientierung herausgegeben. Auf ihm sind 79 der Zwerge verzeichnet und mit Hinweisen auf den genauen Standort versehen: vor dem Brautmodensalon, auf dem Schiff Nereida und so weiter.

Mit dieser Karte lässt sich auch ein wenig Polnisch lernen. "Paragrafek" zum Beispiel heißt dort auf Deutsch "Absätze Schöpfer", die Namen von "Chlapibrzuch i Moczypieta" werden hinwiederum mit "Bauch Spritzer und Ferse Nasser" übersetzt. Ja, das Dadaistische ist eben nicht totzukriegen in Breslau, das 2016 europäische Kulturhauptstadt sein darf. (Bernd Ellerbrock, DER STANDARD, Album, 09.11.2013)

  • 1983 wollten die Breslauer Zwerge etwas bewegen: Die Orange Alternative organisierte einen subversiven Zwergenaufstand.
    foto: thomas rozkosz

    1983 wollten die Breslauer Zwerge etwas bewegen: Die Orange Alternative organisierte einen subversiven Zwergenaufstand.

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