Common Nonsense und die Pensionen

Kommentar der anderen7. November 2013, 19:44
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Eine in Österreich diskutierte Erhöhung des Pensionsalters ist am Arbeitsmarkt kontraproduktiv. Stattdessen sollte man Arbeitszeiten verkürzen und zur Finanzierung Steuern für Wohlhabende erhöhen

In geballter Form fordern "Experten": Das Pensionsantrittsalter muss schon jetzt schrittweise erhöht werden, sonst droht ab 2028 eine wachsende Finanzierungslücke. Dass dadurch junge Menschen noch schwerer einen Job finden können, ist für den deutschen Experten Bert Rürup "Quatsch". Das verfügbare Arbeitsvolumen sei keine fixe Größe. Das wollen wir uns am Beispiel von Rürups Heimat ansehen.

Seit 50 Jahren geht das Wirtschaftswachstum zurück, im letzten Jahrzehnt lag es in Deutschland bei einem Prozent pro Jahr. Angesichts der nach der Finanzkrise verstärkten Stagnationstendenzen und eines "more of the same" in der Wirtschaftspolitik dürfte das BIP in der EU langfristig höchstens um etwa 1,5 Prozent wachsen. Dies entspricht dem Trendwachstum der Stundenproduktivität. Das Arbeitsvolumen (in Stunden) wird somit kaum zunehmen. Wird nun die Lebensarbeitszeit der Alten erhöht, sinkt die Zahl der "Normalarbeitsplätze". Dagegen hilft die Schaffung prekärer Jobs mit geringerer Arbeitszeit. Diese bekommen primär jene, die neu auf den Arbeitsmarkt strömen.

Reality check: Zwischen 1991 und 2012 ist das Arbeitsvolumen in Deutschland um 5,8 Prozent gesunken (das BIP stieg um 32, die Arbeitsproduktivität aber um 40 Prozent). Dennoch stieg die Zahl der Beschäftigten um 5,4 Prozent, weil die Arbeitszeit pro Beschäftigten um 10,6 Prozent sank. Und wie erfolgte diese Umverteilung der Arbeitszeit? Junge und Frauen bekamen prekäre Jobs, die Alten saßen ihre Normaljobs aus. Das schönt die Arbeitslosenstatistik, gleichzeitig leben mittlerweile fast 20 Prozent an der Armutsgrenze - in Deutschland!

Wenn nun die Alten, insbesondere auch die Frauen, länger auf ihren Arbeitsplätzen sitzen bleiben, wird bei den Jungen der Stau verstärkt. In der Arbeitslosenstatistik sieht man das nicht, solange man die Jungen mit prekären Jobs abspeisen kann (in Südeuropa geht das nicht mehr). Diese "Stauproblematik" tritt immer auf, wenn das Arbeitsvolumen stark sinkt, wie in Rezessionen: Wenn nicht Sonderregelungen gesetzt werden wie die - vorbildhafte - Kurzarbeit in Deutschland 2009, steigt die Jugendarbeitslosigkeit am stärksten.

Die Stauproblematik wird von den "Experten" deshalb nicht gesehen, weil laut neoliberaler Weltanschauung das Beschäftigungsniveau am Arbeitsmarkt bestimmt wird: Steigt die Arbeitslosigkeit, so ist Arbeit zu teuer und das Arbeitslosengeld zu hoch. "Strukturreformen" müssen her, also Bekämpfung der Arbeitslosen und - noch - Beschäftigten durch Senkung von Löhnen, Sozialleistungen und durch Lockerung des Arbeitnehmerschutzes (Merkels "Pakt für Wettbewerbsfähigkeit").

Mehr Einsicht gewährt ein "systemisches" Modell: Die Zahl der Arbeitsplätze wird durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt. Entscheidend ist, dass es sich für Unternehmer auszahlt, Plätze zu schaffen (dafür ist Lohn viel weniger wichtig als Umsatzerwartungen und Profitabilität alternativer Finanzveranlagung). Arbeitslosigkeit ist ein Defizit an Arbeitsplätzen. Leer gehen jene aus, die schlechter qualifiziert, langsamer und weniger flexibel sind.

Daraus schließt der neoliberale Ökonom, dass das Problem bei den Arbeitsuchenden liege. Durch Schulungen mögen sich die Chancen der einzelnen Arbeitslosen verbessern, das Defizit kann aber nur durch mehr Plätze überwunden werden. Das setzt eine Überwindung der gesamten Spielanordnung der letzten Jahrzehnte voraus, in der sich das Gewinnstreben von der Realwirtschaft (und damit auch der Schaffung von Arbeitsplätzen) auf Finanzveranlagung verschoben hat. Die Schaffung von immer mehr prekären "Stockerln" ist keine Lösung, die überqualifizierte Beschäftigung auch nicht (immer mehr Filialleiter bei Billa oder Spar sind Akademiker).

Spielanordnung ändern

Bis die Spielanordnung geändert wird, werden noch viele Krisenjahre vergehen. In dieser Phase wird eine Erhöhung des Pensionsantrittsalters das den Jungen zur Verfügung stehende Arbeitsvolumen verringern, sie werden in verstärktem Maß arbeitslos oder prekär beschäftigt sein.

Es gibt eine bessere Anpassung an die Knappheit des Arbeitsvolumens: Eine Umverteilung der Arbeit zugunsten der Jungen, also eine Verringerung des faktischen Pensionsantrittsalters und generell des Arbeitsvolumens der Alten. Dies wäre dreifach besser als die Lösung der "Experten". Ökonomisch: Die Jungen haben mehr Energie und sind besser ausgebildet als die Alten. Sozial: Der Zusammenhalt einer Gesellschaft wird auch dadurch immer schwächer, dass die Jungen nicht "flügge" werden können. Politisch: Die Deklassierung der Jungen ist der wichtigste Nährboden für den Rechtspopulismus.

Wenn eine Umverteilung des Arbeitsvolumens zugunsten der Jungen die bessere Lösung ist, dann darf sie auch was kosten. Das heißt, die Abschläge bei früherem Pensionsantritt können geringer ausfallen als rein versicherungsmathematisch. Zusätzlich könnten die Aktiven etwas höhere Beiträge leisten. Gerade die Jungen wären froh, wenn sie einen normalen Job hätten, selbst wenn sie höhere Pensionsbeiträge zahlen müssten. Und schließlich könnten in einer schwierigen Lage auch die Bestgestellten etwas höhere Steuer beisteuern. Es wäre kein Problem, wenn etwa das über 100.000 Euro liegende Einkommen mit 60 Prozent belastet wird - doch nur das, was darüber liegt! (Stephan Schulmeister, DER STANDARD, 8.11.2013)

Stephan Schulmeister (66) ist Wirtschaftsforscher und Universitätslektor in Wien. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er für das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo.

  • Stephan Schulmeister: Frauen und Junge werden verdrängt.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Stephan Schulmeister: Frauen und Junge werden verdrängt.

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