Die Liebe ist ein Terror

7. November 2013, 19:32
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"On The Other Hand" im Tanzquartier Wien: Wie das österreichische Choreografenpaar Marta Navaridas und Alexander Deutinger ihre Normalitätsterror-Puppen die Hölle eines Klischees tanzen lässt

Wien - Ein Mann und eine Frau. Von dieser vertrackten Konstellation können sich ganze Industrien bestens erhalten. Im Mittelalter ward die ritterliche Minne samt ihrem Sang erfunden. Im 18. Jahrhundert entquoll unzähligen Gänsekielen die romantische Liebe. Erst Mitte des vorigen Jahrhunderts begann so etwas wie eine Entwarnung, die bis dato anhält.

Ein Stück Entwarnung vor dem Klischeeterror ist auch die Puppenchoreografie On The Other Hand des Choreografenpaars Marta Navaridas und Alexander Deutinger. Der Untertitel The terror of normality and the normality of terror weist den Weg: Mit Holzstangen manipulieren Navaridas und Deutinger, die Gesichtsmasken tragen, als wollten sie sich vor Gestank oder Ansteckung schützen, zwei lebensgroße Puppen. Heinrich von Kleists berühmter Text Über das Marionettentheater lässt grüßen, wenn auch aus einiger Ferne, denn mit "natürlicher Grazie" haben diese Puppen (von Hanna Hollmann) wenig zu tun.

Ihre Stimmen sind elektronisch verzerrt und klingen wie Botschaften von Anonymous, den maskentragenden Internetaktivisten, die sich zum Beispiel im Frühjahr über Jan Fabre beschwert haben. Marta Navaridas und Alexander Deutinger werfen nicht wie der belgische Künstler mit Katzen. Vielmehr stochern sie in den Wunden, die von einer schnurrenden Liebeswirtschaft hartnäckig mit Strategien offen gehalten werden, die darauf abzielen, Frauen und Männer als unzulänglich hinzustellen, wenn sie nicht zu bestimmten Normen passen.

Die weibliche Puppe heißt Tamara, die männliche gar nicht. Was die beiden äußern, ist erbarmungswürdig. Kennenlernfloskeln, Selbstbeschreibungs-Blabla, Konversationstrümmer. Dazu sondert der Musiker Stephan Sperlich das passende Synthesizer-Gegreine ab. Ein Schokoladenbrunnen dient als Symbol exaltierter Langeweile. Die Schokolade wird eingefärbt und sieht bald grünschimmelig aus. Männliche Erregung wird angestochert. Es kommt zu einer Schlägerei.

Schauerliche Verrenkungen, peinliche Stellungen. Eine einzige Geworfenheit. Die beiden Puppen machen alles durch, was zu einem ordentlichen Glück gehört. Ein konfettiumrieselter Strick wird herabgelassen, und der Mann gerät in die Schlinge. Bald baumelt er Kopf nach unten vom Plafond. Am Ende sagt Tamara: "Gestern Nacht war ich voll der Liebe." Dieser Normalitätsterror hat es in sich. Am 11. Dezember ist er in Ljubljana wiederzusehen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 8.11.2013)

  • Schluss mit lustig für eine Normalitätspuppe im mittelalterlich angehauchten Hybridgewand: "On The Other Hand" von Marta Navaridas und Alexander Deutinger im Tanzquartier Wien.
    foto: elsa okazaki

    Schluss mit lustig für eine Normalitätspuppe im mittelalterlich angehauchten Hybridgewand: "On The Other Hand" von Marta Navaridas und Alexander Deutinger im Tanzquartier Wien.

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