"Besser mehrere Dialekte als Türkisch"

8. November 2013, 05:30
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Die Sozialarbeiterin Elfi Oblasser sieht eine Generation heranwachsen, die sich selbst für "Loser" hält. Eine Lösung sei die Anerkennung von deren Kompetenzen

STANDARD: Sie hören tagtäglich die Sorgen und Probleme, aber auch die Träume und Wünsche von Jugendlichen. Wenn Sie den Begriff Zukunft hören, woran denken Sie?

Oblasser: Es gibt derzeit die bedrohliche Tendenz, dass sich eine ganze Gruppe junger Menschen selbst als Loser wahrnimmt. Die sind jetzt zwischen 14 und 15 Jahre alt und gehören einer Generation an, die keine Perspektive hat. Das sind Jugendliche, die schon in der Volksschule so massive Probleme haben, dass sie nur mit Ach und Krach durchkommen, die danach keine Jobs finden und in den Maßnahmen des AMS keinen Platz haben, weil sie gar nicht mehr erreicht werden. Die wissen in diesem jungen Alter bereits: Wir haben keine Zukunft.

STANDARD: Welche Gruppe meinen Sie damit genau?

Oblasser: Ich spreche von Jugendlichen, die aus armen Familien kommen, und dazu gehört die Tatsache, dass Migration Armutsgefährdung bewirkt. Oft werden schon die Eltern aufgrund ihres Migrationshintergrundes deklassiert und können die Profession, die sie mitbringen, nicht ausüben - das liegt zum einen an der Gesetzeslage und zum anderen an Zugangsschwierigkeiten aufgrund der Sprache. Für Jugendliche aus diesen Familien fehlen dann die finanziellen Ressourcen, um sich Partizipation zu erkaufen.

STANDARD: Sie leben isoliert von der Öffentlichkeit?

Oblasser: Im Wahlkampf wurde immer wieder davon gesprochen, dass die Jugend am demokratischen Prozess partizipieren soll - das Partizipieren an einer Demokratie fängt aber dort an, wo das, was man denkt, sagt und repräsentiert, wahrgenommen und positiv anerkannt wird. Die Jugendlichen, mit denen ich arbeite, werden in der Öffentlichkeit aber bloß als schwierig, kriminell, drogenabhängig begriffen.

STANDARD: Sie sind seit 18 Jahren in diesem Bereich tätig. Haben sich in dieser Zeit die Zukunftsperspektiven der Jugend verändert?

Oblasser: Der Leistungsdruck ist massiv gestiegen. Wenn man die Jugend als Zeit beschreibt, in der man sich ausprobiert und die Möglichkeit hat, etwas für sich zu entdecken und wieder zu verwerfen, ist das eine Vorstellung, die man sich heute nicht mehr leisten kann. Entweder man macht mit, oder man ist draußen.

STANDARD: Das betrifft aber nicht bloß junge Migranten.

Oblasser: Die haben es aber noch schwerer, da ihre Kompetenzen anders bewertet werden. Die jungen Menschen bei uns beherrschen mindestens drei Sprachen, aber solche, die sich im Lebenslauf nicht positiv machen. An die andere Jugend ist Mehrsprachigkeit eine Anforderung, aber bei Migranten wird diese Fähigkeit eher negativ bewertet. Innsbruck ist die Hauptstadt einer sehr ländlichen Region, da ist es oft angesehener, man spricht mehrere Tiroler Dialekte als Türkisch.

STANDARD: Es gibt seit einiger Zeit ein Integrationsstaatssekretariat unter der Leitung von Sebastian Kurz, der medial viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Hat sich dadurch etwas verändert?

Oblasser: Es ist grundsätzlich sehr positiv, dass dieses Staatssekretariat eingerichtet wurde - obwohl es im Innenministerium und damit im direkten Umfeld von Kriminalität angesiedelt wurde. Kurz versucht, ein positives Bild von Migration zu zeichnen. Außen vor bleibt bei ihm aber der problematische Teil der Migration, über den ich vorher gesprochen habe.

STANDARD: Angeblich wird in den Verhandlungen über das Thema "Deutschpflicht in Schulen" gestritten. Welche Sprachen werden in Ihrem Jugendzentrum gesprochen?

Oblasser: Insgesamt neun verschiedene, die Hauptkommunikationssprache ist Deutsch. Je nachdem sprechen die Jugendlichen dann aber auch in anderen Sprachen miteinander. Es gibt genügend Studien dazu, dass es essenziell ist, die Muttersprache gut zu beherrschen, um andere Sprachen zu lernen. Deutsch ist wichtig, aber in einer Bildungsstätte Minderheitensprachen zu verbieten knüpft an politische Traditionen, die wir gerne hinter uns lassen.

STANDARD: Auch das Schlagwort Familie wurde im Verhandlungsblock Zukunft angesiedelt ...

Oblasser: ... und es ist vielleicht gar nicht schlecht, dass Familie, Jugend und Integration in einem Ministerium zusammengefasst werden könnten. Dieses Thema ist Jugendlichen sehr wichtig. Familie vermittelt Stabilität in einem Leben, in dem nichts mehr fix ist.

STANDARD: Wenn Sie sich vom Verhandlungsteam "Zukunft" etwas wünschen könnten, was wäre es?

Oblasser: Die Regierungsparteien lassen sich in Bezug auf das Thema Migration seit 20 Jahren von rechten Stimmungen vor sich hertreiben. Das muss ein Ende haben. Wenn ich an die Zukunft denke, wünsche ich mir aber vor allem die positive Anerkennung der Kompetenzen von jungen Migranten - in erster Linie der sprachlichen. Aber es ist doch auch eine Kompetenz, sich gegen Regeln aufzulehnen, aus Maßnahmen rausgefallen zu sein: nämlich die Kompetenz des Widerstands, des Sich-nicht-alles-gefallen-Lassens und des Freigeistigen. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 8.11.2013)

ELFI OBLASSER (45) ist studierte Sozial- und Kulturarbeiterin und Leiterin des Innsbrucker Jugendzentrums "Z6", dem auch eine Jugend- und Drogenberatung angeschlossen ist.

  • Elfi Oblasser fordert Politiker auf, junge Migranten an Demokratie teilhaben zu lassen. Denn die beginne beim Zuhören. 
    foto: standard/lechner

    Elfi Oblasser fordert Politiker auf, junge Migranten an Demokratie teilhaben zu lassen. Denn die beginne beim Zuhören. 

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