Chinas Wirtschaft: "Es ist zu spät, eine Krise zu umschiffen"

Interview8. November 2013, 10:31
4 Postings

Ökonomin Diana Choyleva rechnet mit einer Krise des chinesischen Wirtschaftssystems. Eine Umverteilung zulasten der Banken und Unternehmen sei nötig

STANDARD: Der Internationale Währungsfonds warnt, dass Chinas Führung das Wachstumsmodell reformieren soll. Kann so eine mögliche Krise verhindert werden?

Diana Choyleva: Selbst wenn die Reformen angegangen werden, wird China nicht um deutlichen wirtschaftlichen und finanziellen Stress herumkommen. Es ist nun zu spät, mit Reformen eine Krise zu umschiffen. Das hätte vor fünf, sechs Jahren geschehen sollen.

STANDARD: Eine Krise ist also unausweichlich?

Choyleva: China hat die Wahl. Entweder es kommt zu einer kleinen Finanzkrise jetzt oder zu einer größeren in zwei, drei Jahren. Wenn ein Land derartige Ungleichgewichte und Schulden aufbaut, kommt es in einer Marktwirtschaft zum Prozess der kreativen Zerstörung. Unproduktive Unternehmen gehen pleite und machen Platz für Neugründungen. Aber vor der kreativen Phase gibt es eine Phase der Zerstörung. China steht jetzt vor der Wahl, die Wachstumsrate kurzfristig einbrechen zu lassen, aber dafür die Wirtschaft auf ein nachhaltiges Fundament zu stellen. Ansonsten werden die Schulden in Zukunft zu einer größeren Krise führen.

STANDARD: Was wären denn die wichtigsten Reformschritte?

Choyleva: Es wäre nötig, umzuverteilen, von den Banken und Unternehmen zu den Haushalten. Denn der Konsument wurde die letzten zehn Jahre relativ klein gehalten, über schwaches Lohnwachstum und über negative Zinsen auf seine hohen Spareinlagen. Der Deckel bei den Sparzinsen ist dabei der Schlüssel. Die Haushalte halten knapp zwei Drittel ihres Vermögens in Spareinlagen. Indem die Banken aber die Zinsen künstlich niedrig halten, schaden sie dem Vermögen und dem Einkommen der privaten Haushalte.

STANDARD: Warum ist zuletzt so wenig in diese Richtung passiert?

Choyleva: Es ist heute viel schwieriger, politischen Konsens für Reformen zu bekommen als noch vor 20 oder 30 Jahren. Heute sind persönliches Vermögen und Macht vieler Parteifunktionäre davon abhängig, dass es ihren Unternehmen und jeweiligen Branchen gut geht. Selbst wenn die Regierungsspitze reformieren möchte, muss sie gegen mächtige Interessengruppen ankämpfen. Zudem ist ab 2001 der Bedarf an Wandel gesunken: mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO.

STANDARD: Was hat denn der WTO-Beitritt für China geändert?

Choyleva: Das Land konnte mit seiner billigen Währung, billiger Arbeit und billigem Kapital weltweit exportieren. Die globale Finanzkrise hat die Regeln für Chinas Wirtschaft aber fundamental geändert. Es kann sich nach dem Exportschock einfach nicht mehr leisten, neues Geld in unproduktive Investitionen zu stecken, ohne dass die Schulden rasant zunehmen. Es gibt nicht mehr das bequeme Einkommen durch die Exporte. Die neue politische Führung, die seit vergangenem Jahr an der Macht ist, sieht sich mit einer neuen Situation konfrontiert. Sie hat gar keine andere Wahl, als sich für Reformen zu entscheiden, wenn sie eine größere Finanzkrise vermeiden will. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 8.11.2013)

Diana Choyleva ist Leiterin für makroökonomische Analysen beim britischen Analysehaus Lombard Street Research und Autorin zweier Bücher zur Rolle Chinas in der Weltwirtschaft.

  • Diana Choyleva
    foto: ho

    Diana Choyleva

Share if you care.