Echtzeitvirtuosen

7. November 2013, 18:37
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Neue Aufnahmen der Ausnahme-Pianisten Joachim Kühn und Keith Jarrett

Es wird wohl nie dazu kommen, aber interessant wäre es schon, Joachim Kühn und Keith Jarrett im Duo zu hören. Beide sind Pianisten von Ausnahmeformat. Und beide sind geübt in der Kunst, sich einsam in die Tasten zu vertiefen und den freien Fluss der Ideen zuzulassen - mit der paradoxen Absicht, im Zustand der Absichtslosigkeit zu agieren. "Wenn man lange genug spielt, passiert das einfach, ohne dass man vorher weiß, was kommt. Dieser Improvisationsfluss ist schwer in Worte zu fassen, ich versuche ja, den Kopf auszuschalten. Ich habe es so verinnerlicht, dass ich eigentlich nur noch so spiele", sagt Kühn zu seinem Musizierzugang.

Und von Keith Jarrett ist ja wiederum bekannt, dass er vor Solokonzerten tagelang die Tasten nicht anrührt, eher die Straßen jener Stadt, in der er spielt, durchwandert, um die Atmosphäre aufzusaugen und in eine besondere Stimmung zu geraten: "Immer wenn ich ein Solokonzert spiele, beschleicht mich irgendwann so ein bestimmter Bewusstseinszustand. Ich sitze backstage, esse noch etwas, und plötzlich, wenn die Zeit des Konzerts näherrückt, übernimmt mein Körper die Regie. Dann höre ich auf, mit den Leuten am Tisch zu reden, und es geht etwas anderes in mir vor", so der Amerikaner Keith Jarrett. Das würde also vom Ansatz her gut passen - mit den beiden. Aber es wird wohl nichts, und das wird eher an Jarrett liegen. Der hochsensible Meister der Klavierekstatik ist seit langem nur noch solo oder im Trio zu hören - ausschließlich mit Bassist Gary Peacock und Schlagzeuger Jack DeJohnette wie nun auf Somewhere (ECM). Auch hier erforscht Jarrett nebst Eigenkompositionen auch Teile des Great American Songbooks. Fast 20 Minuten dauert etwa Somewhere von Leonard Bernstein (aus dem Musical West Side Story), eine gediegene Meditation, die aber in ein Riff übergeht, das zu Jarretts Komposition Everywhere gehört. In Bebop-Manier verarbeitet er aus der West Side Story auch den Song Tonight.

Auch Joachim Kühn agiert auf Voodoo Sense (Act) im Trio. Es ist dies kein klassisches Jazztrio, eher dessen weltmusikalische Variante mit Majid Bekkas (Guembri, Kalimba) und Ramon Lopez (Schlagzeug). Natürlich fehlen aber mit Crossing The Mirror Demonstrationen der Könnerschaft im engeren Jazzsinn nicht. Zudem adelt die Aufnahme ein Gast von jazzhistorischer Relevanz, also Tenorsaxofonist Archie Shepp. Er ist präsent mit all den sonoren Emotionen, mit all der typischen Auflösung von Phrasen in gewaltige instrumentale Schreie. Will man die zwei Aufnahmen vergleichen, muss man Kühn übrigens doch mehr Intensität zubilligen als Keith Jarrett. (Ljubiša Tošic, Album, DER STANDARD, 8.11.2013)

Joachim Kühn: "Voodoo Sense" (ACT)
Keith Jarrett: "Somewhere" (ECM)

  • Der deutsche Pianist Joachim Kühn - ein Improvisationsmeister des Spontanen.
    foto: act/steven haberland

    Der deutsche Pianist Joachim Kühn - ein Improvisationsmeister des Spontanen.

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