Rundschau: Besuch im galaktischen Zoo

Ansichtssache14. Dezember 2013, 10:00
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coverfoto: georg pils/finsterland.net

Georg Pils & Eva Ruppert (Hrsg.): "Geschichten aus dem Finsterland"

Broschiert, 288 Seiten, € 12,90, Eigenverlag 2013

"Finsterland" ist ein Rollenspiel, das in einer Art Steampunk-Version von Mitteleuropa an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angesiedelt ist; inklusive Magie, nicht-menschlicher Wesen und monströser Maschinen. Gewissermaßen als Begleitband dazu ist heuer diese Anthologie mit acht Kurzgeschichten von deutschen und österreichischen AutorInnen erschienen, die allesamt auf die eine oder andere Art selbst mit Rollenspielen zu tun haben.

Deutsch-österreichisches Babylon

Die erste Überraschung beim Lesen war, dass die Mehrzahl der Erzählungen - anders, als der Titel vielleicht erwarten ließe - humorvoll oder zumindest locker daherkommt. Nehmen wir zum Beispiel "Sie nannten ihn Schemel" von EJ Geiger, einem Deutschen, der zwecks Studium nach Wien gezogen ist. Und offensichtlich persönliche Erfahrungen mit dem Sprachclash in seine Geschichte um einen Sicherheitsmann, der bei einem Attentatsversuch zum Helden wird, eingebaut hat: "Heast wüst an Wickl, Gschissana?" heißt es an einer Stelle im Text - eine Fußnote übersetzt das für den ratlosen Rest des Sprachraums hilfreich mit "Sag, willst Du Ärger, Arschloch?"

Viel Bassena-Dialekt fließt auch in "Unruh" von Georg Pils ein, in dem Amtsmagier František K. eine Besessene rettet und im weiteren Verlauf Unterstützung von deren Schwester - einer Amazone mit Metallgreifarmen - erhält. Und die braucht er auch, denn der temporeiche Kriminalfall erweist sich bald als Verschwörung um ein Industrieverbrechen; wenn auch eines der fantasyesken Art.

Schwerpunkt Humor

Schön grotesk - und nicht weit von Bizarro entfernt - ist "Fraukensteigs Monster" von Sybille Lengauer, erzählt aus der Perspektive eines Homunculus. Diesen kleinen automatischen Menschen erhält die Tochter von ordinären Neureichen zum Geschenk - ihr früherer Spielgefährte, der Hund Püppi, ist längst nicht mehr in Kuschellaune: "Ich hatte Pläne. Grandiose, erhabene, herrliche Pläne. Und was ist daraus geworden? Die einzige Freude meines kläglichen Lebens ist, dass ich Margot regelmäßig in ihre Perücken pinkeln kann. Sie merkt das nicht, selbst dazu ist sie zu dämlich." Man wartet nur darauf, dass sich der Homunculus irgendwann in Chucky verwandelt; verdenken könnte man es ihm jedenfalls nicht.

Den Vogel in Sachen Humor schießt allerdings Susanne Firzinger mit "Zeit für Tee" ab. Im Stil von Douglas Adams lässt sie den Geist bzw. Astralleib von Alice Cooper bei einem Magie-Studenten landen. Nun gilt es den unerwünschten Besucher mittels einer Tee-Zeremonie der etwas anderen Art zurückzubefördern. (Hier findet sich auch die Erklärung für den Werbetext auf der Buchrückseite, der neben Mördern, Magiern und Ähnlichem verlockenderweise auch Butterbrote, die man anschreien muss, bevor man sie essen kann, als Attraktionen des Buchs auflistet.) - Achtung, diese Geschichte enthält Product Placement und rückwärts zu lesende Botschaften! Gerne mehr davon.

Noch ausbaufähig

Ein weiteres Attentat beschert uns Florian Weiss in "Der Probeschuss"; dieses findet in einem Theater statt, in dem die Finsterland-Variante des "Freischütz" läuft. Der Schluss ist allerdings schwach. In "Das Meervolk" von Dennis Maciuszek geht eine junge Magierin Diebstählen in einer Speicherstadt nach und gerät dabei an eine unterseeische (und eher ineffektiv organisierte) Geheimgesellschaft. Bei diesem Schluss wiederum habe ich mich gefragt, ob Behindertenverbände das auch als Happy End ansehen würden.

Michael Prammers "Der Schatten von Eschweiler" arbeitet mit einem für eine Kurzgeschichte recht großen Ensemble. Erneut ist es ein Kriminalfall, diesmal geht es um Vampirismus, Kriegstraumata und verbrecherische Menschenversuche. Die Story ist sehr gut konstruiert, sprachlich überzeugt sie mich allerdings nicht.

Wie finster ist das Finsterland?

"Der Schatten von Eschweiler" ist dafür eine von nur zwei Erzählungen, in denen das Finsterland wirklich finstere Züge annimmt. Die andere, bessere, stammt von Mathieu Völker, heißt "Avatar" und dreht sich letztlich darum, wie der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben wird. Claude de Russy ist ein vom dreckigen Stellungskrieg traumatisierter Soldat. Bei einem Angriff zerfetzt, wird Claude nur noch durch eine Maschinerie mit okkulter Komponente am "Leben" gehalten. Und schließlich in ein dämonisches Wesen verwandelt, das Rache am kriegstreiberischen Establishment nehmen will. Die albtraumhafte Geschichte erinnert an Frank Hebben und wird dem Namen des Rollenspiels - wenn man ihn denn wörtlich nehmen will - gerecht.

Eingangs stellte sich natürlich die Frage, ob die Anthologie auch für LeserInnen geeignet ist, die mit dem Rollenspiel nichts am Hut haben. Was nicht als Skepsis gegenüber Rollenspielen an sich gemeint ist, sondern gleichermaßen für Bücher gilt, die z.B. mit TV-Serien, Computerspielen oder was für einem Franchise auch immer in Verbindung stehen. "Geschichten aus dem Finsterland" ist aber offensichtlich kein Insider-Ding. Dass ich einige der hier vorkommenden Hauptpersonen nicht im Finsterland-Wiki gefunden habe, bestätigt nur den Eindruck der Lektüre: "Geschichten aus dem Finsterland" ist eine ganz normale, sehr gut für sich allein stehende Anthologie für Steampunk-Fans.

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