Rundschau: Besuch im galaktischen Zoo

Ansichtssache14. Dezember 2013, 10:00
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coverfoto: lulu.com

John Conway, C. M. Kosemen & Darren Naish: "All Yesterdays"

Broschiert, 100 Seiten, lulu.com 2012

Weihnachtszeit, Dinosaurierzeit. Alle Jahre wieder fragen sich Eltern haareraufend, wie sie mit dem Bildungsstand ihrer saurophilen Sprösslinge mithalten und ein Geschenk auftreiben sollen, das nicht unter deren Würde ist. Ich empfehle diesen schmalen Bildband, der sich gegen klischeehafte Darstellungen richtet und eine ausdrückliche Einladung zum Querdenken darstellt. Und der uns als Highlight am Schluss in eine ferne Zukunft versetzt, deren BewohnerInnen Fossilien aus unserem Zeitalter interpretieren. Mit Ergebnissen der verblüffenden Art, die sind der Kracher! (Hier ein paar Beispiele.)

Aber immer schön der Reihe nach. Die Älteren von uns sind noch mit dem Bild von Dinos als glatten, graugrünen Fleischbergen, die tumb im Sumpf herumstehen, aufgewachsen. Heute beschwört das Wort Dinosaurier Gedanken an hyperaktives, schreiend buntes Federvieh mit dem Body-Mass-Index von Kate Moss in ihrer schlimmsten Zeit herauf. Beides aber beruht nicht nur auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern ganz wesentlich auch auf darstellerischen Traditionen. Und gedankenlose Übernahme bereits bestehender Darstellungsweisen kann im schlimmsten Fall falsche Bilder prägen, die sich nur mühsam wieder aus unseren Köpfen vertreiben lassen. Das wird John Conway, selbst ein renommierter Illustrator bzw. "Paleoartist", nicht müde zu betonen.

Der Gedanke dahinter

Conway hat sich daher mit kongenialen Partnern zusammengetan, um Klischee-Denken entgegenzuwirken: Darren Naish, einem Zoologen und Blogger, und dem Künstler C. M. Kosemen, der unter anderem am Spekulative-Biologie-Projekt "Snaiad" beteiligt ist, welches die Ökosysteme eines fiktiven Planeten entwirft.

Aus Knochen allein kann man das Aussehen eines Tiers nicht rekonstruieren, sagt Conway. Denn der optische Eindruck werde primär von der Silhouette geprägt, in die aber viele known unknowns (und manchmal unknown unknowns) einfließen. Weiches Gewebe etwa - weshalb wir hier Dinos mit Fettwülsten, Bisonhöckern und überlangen Penissen bestaunen dürfen (Letzteres nicht aus der Luft gegriffen, sondern am Beispiel Ente orientiert: ein Erpel hat's nämlich buchstäblich in sich ...). Ein Gegenmodell zu den heute gängigen Dino-Bildern, die dem "Fetisch" Spitzenathletik anzuhängen scheinen. Und natürlich Federn und Haare - da haben wir uns inzwischen ja an einiges gewöhnt. Aber wie wär's zum Beispiel mit einem Triceratops mit Stacheln oder einem Therizinosaurus, der durch sein flauschiges Federkleid vom klauenbewehrten Ungeheuer zum Womble mutiert?

Unbekanntes Verhalten

Und dann ist da natürlich der völlig offene Punkt Verhalten, wo man bei Dinos bis auf einige Indizien komplett aufs Raten angewiesen ist. Die kleinen Triceratops-Verwandten, die am Titelbild in einem Baum herumsitzen, mögen auf den ersten Blick lächerlich wirken. Aus dem Skelett eines Huftiers namens Ziege würde man allerdings auch nicht auf Kletteraktionen schließen - und Griechenland-Urlauber werden bestätigen, dass sich Ziegen regelmäßig im Geäst tummeln. Conway & Co warten hier mit einigen verblüffenden Beispielen auf, an die bislang niemand gedacht hat, die aber allesamt im Bereich des Möglichen liegen.

Und natürlich kommen auch hier wieder Darstellungstraditionen ins Spiel. Herkömmliche Illustrationen vermitteln uns den Eindruck, dass Tyrannosaurus und Triceratops einen Großteil ihrer Zeit mit hollywoodreifen Duellen verbrachten. Conway & Co hingegen entschieden sich für die Situation, die im Tagesablauf eines großen Raubtiers tatsächlich den größten Teil einnimmt: Schlaf. Und zeigen einen T-rex, der wie ein Kätzchen eingerollt friedlich vor sich hinschlummert.

Die Ungeheuer unseres Zeitalters

Im letzten Drittel des Buchs werden die zuvor aufgestellten Regeln dann unter dem Titel "All Todays" auf die Tiere unserer Epoche angewandt. Würden unsere fernen, fernen Nachfahren Fossilien aus dem 21. Jahrhundert zu ebensolchen Skelettoiden "rekonstruieren", wie wir es heute mit den Dinos tun ... dann erhält man zum Beispiel ein gertenschlankes Tier, auf dem jeder Reiter der Apokalypse gerne Platz nehmen würde. Wir nannten es Kuh. Nicht zu verwechseln mit der Seekuh, die hier in ihrem natürlichen Habitat - einer Bergwiese - dargestellt wird. Gut, von ihr ist nur der Kopf erhalten geblieben, aber erwiesene evolutionäre Verwandtschaften machen ihre langen Beine plausibel.

Ebenso wie der lange Röhrenschnabel und die kleinen Krallen nahelegen, dass sich Kolibris an etwas festgesetzt und gesaugt haben müssen. Kolibris dürften wohl Vampire gewesen sein. Mein persönliches Highlight ist allerdings ein anderer Vogel: Eine skeletthafte Kreatur wie aus einem Albtraum von Hieronymus Bosch, die mit ihren sensenartigen Vorderbeinen Beute aufspießt: Der Schwan ... es wurden nur die Flügel ein wenig fehlinterpretiert.

In der Katzenfalle

Ein Hauch von Mitleid weht uns aus der Zukunft entgegen, denn leicht war das Leben im 21. Jahrhundert offenbar nicht. Draußen trieb sich das gefährlichste Raubtier seiner Zeit herum: Das Flusspferd, das mit seinem gewaltigen Maul und den riesigen Hauern sogar die Panzerung von Autos aufbrechen konnte. Und hatten sich die Menschen erst nach Hause gerettet, lauerten ihnen dort Rudel sogenannter Katzen auf. Wenn sie nicht zur Jagd dort waren, warum sonst sollte man so viele Fossilien dieser fiesen Räuber in den Betonhöhlen der Menschen gefunden haben?

"All Yesterdays" ist kurz gesagt ein großes Vergnügen, das auf den ersten Blick naiv daherzukommen scheint, in dem tatsächlich aber sehr viel Gehirnschmalz steckt. Alles hier ist ungewöhnlich, das meiste - das geben die Autoren selbst zu - auch unwahrscheinlich, aber nichts davon unmöglich. Eine witzige Aufforderung zu flexiblem Denken!

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