Krebsmedikamente wirken je nach Tageszeit unterschiedlich gut

7. November 2013, 12:56
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Der Therapieerfolg hängt stark vom Biorhythmus ab, sagt der französische Onkologe Francis Levi

Manche Menschen sind früh morgens aktiv, andere blühen erst am Abend auf, weil die innere Uhr bei jedem anders tickt. Mediziner vom Hopital Paul Brousse in Villejuif (Frankreich) haben nun herausgefunden, dass Chemotherapie-Medikamente effektiver sind und weniger Nebenwirkungen haben, wenn man sie den Patienten nach dem individuellen Biorhythmus zur richtigen Tageszeit verabreicht.

Unterschiedliche Wirkung

"Jede Zelle in unserem Körper hat eine eigene Uhr, die aus Genen und Eiweißstoffen aufgebaut ist und im 24-Stunden-Rhythmus Prozesse wie den Stoffwechsel und die Zellteilung regelt", sagt Francis Levi. Diese Uhren werden von einem Zeitgeber im Hirn, dem erbsenkleinen Suprachiasmatischen Nucleus gesteuert, der wiederum durch Licht, die persönlichen Gewohnheiten, die Ernährung und andere Umweltfaktoren beeinflusst wird, erklärt der Mediziner.

Viele Medikamente in der Krebstherapie greifen Zellen an, die sich gerade teilen. Erwischt man sie zum richtigen Zeitpunkt, wenn sie zum Beispiel gerade ihr Erbgut verdoppeln, sind sie laut Levi viel verletzlicher und die Medikamente wirken besser. Außerdem beeinflusst der Stoffwechsel-Status in den Zellen und Organen ihre Effektivität, und wie stark die Nebenwirkungen sind, so der Experte.

Deutliche Unterschiede bei Männern

"Wir haben beim Vergleich von klinischen Studien herausgefunden, dass die sogenannte Chronotherapie im Vergleich zur Standard-Chemotherapie die Überlebensraten bei Männern mit Darmkrebs um das Dreifache erhöht", sagt Levi. Bei Frauen zeigte sich kein Effekt. Dennoch müsse man die Therapie bei jedem einzelnen Patienten auf die persönliche innere Uhr abstimmen - derzeit könne man die beste Zeit für die Einnahme von Medikamenten aber nur nach dem Bevölkerungs-Durchschnitt abschätzen, so der Experte.

Darum untersuchen die Mediziner nun sogenannte Biomarker. Bei Mäusen haben sie herausgefunden, dass man nur die Aktivität von zwei Genen, die zur inneren Uhr gehören, beobachten muss, um den optimalen Zeitpunkt zu finden, an dem Medikamente verabreicht werden sollten, so Levi. Er unterschied sich je nach dem Geschlecht und dem genetischen Hintergrund der Tiere um bis zu acht Stunden.

Bislang kaum verbreitet

"Die Chronotherapie ist noch nicht sehr verbreitet, weil viele Leute skeptisch waren, dass der Zeitpunkt der Verabreichung so viel ausmacht", erklärte er. Außerdem brauche man spezielle Geräte, um den Biorhythmus der Patienten bestimmen zu können. Die Kosten dafür würden sich aber bald rentieren, weil die Chronotherapie bei mehr als sechs Chemotherapie-Zyklen günstiger ist, als die konventionelle Verabreichung. "Die Patienten müssen weniger lang im Krankenhaus versorgt werden", sagt Levi.

Im Hopital Paul Brousse würde man derzeit 20 bis 30 Patienten pro Woche mit der Chronotherapie behandeln, insgesamt habe man nun schon knapp 3.000 Menschen auf diese Art therapiert. In Europa gäbe es die Chronotherapie an etwa 15 Krankenhäusern, in Österreich ist sie noch kein Thema. (APA, derStandard.at, 7.11.2013)

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    foto: felix heyder/dpa
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