"Shirley – Visions of Reality": Ein Leben, in den leuchtendsten Farben erzählt

6. November 2013, 18:34
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"Shirley - Visions of Reality" von Gustav Deutsch macht seine Erzählung an Gemälden von Edward Hopper fest

Wien - Die Momentaufnahme einer Kinovorführung in einem erkennbar historischen Ambiente: Das Bildzentrum wird von der seitlichen Wand und einem mächtigen Säulenrelief dominiert. Links davon, in der dunkleren Bildhälfte, sind im Anschnitt Zuschauerreihen und ein Stück Leinwand zu sehen. Rechts außen, im Schein einer Wandlampe, lehnt etwas in sich versunken eine livrierte blonde Platzanweiserin neben dem Ausgang.

Ein Bild vom Kino im Kino

Das Sujet kennt man als Gemälde des US-Künstlers Edward Hopper, es trägt den Titel New York Movie und stammt aus dem Jahr 1939. Dieses Bild eines Kinosaals, eine gemalte Momentaufnahme, ist jetzt ins Kino zurückgekehrt. Auf der Leinwand beginnt die Frau sich leicht zu bewegen, den Dialog des Films, der gerade läuft, kann sie auswendig mitsprechen. Sie "spielt die Rolle der Platzanweiserin" und sagt, sie ziehe diese einem Engagement in Hollywood jederzeit vor. Im Stück Dead End, dessen Verfilmung gerade läuft, hat sie als Teil des politischen New Yorker Group Theatre früher selbst mitgewirkt.

Während der (innere) Monolog der Frau aus dem Off ertönt, wird die Szene filmisch erfasst, aus der Gesamtansicht werden Details in Großaufnahmen hervorgehoben: die schlichten Schuhe der Frau auf dem grünen Spannteppich mit seinem ornamentalen Muster.

Das Close-up des weiblichen Fußes wiederum ist ein Standard im Bilderrepertoire des frühen Kinos. Dies ist nur eine von vielen Spiegelungen, Rückkopplungen, Verschiebungen, die hier vor sich gehen: New York Movie ist eines von insgesamt dreizehn Gemälden Hoppers, die der Wiener Experimentalfilmer Gustav Deutsch für seinen ersten Kinospielfilm Shirley - Visions of Reality belebt hat. Das wiederum sorgt auf der Kinoleinwand für eine äußerst sinnliche Erfahrung von Farben und Materialien (Hanna Schimek fungierte als "master of colour") und verbreitet zugleich Präzision und (angenehme) Kühle.

Das Sammeln und Ordnen, die Montage, Um- und Neudeutung von existierendem Material waren bereits bei Gustav Deutschs Found-Footage-Arbeiten konstitutiv. Die letzte Ausführung von Film ist., Film ist. a girl & a gun drehte sich 2009 bereits um die Aufladung von (Archiv-)Bildern mit Erzählung und Emotion.

Das Unterfangen, künstlich hergestellte Wirklichkeit und Emotionalität zusammenzubringen, so Deutsch bei der Österreich-Premiere von Shirley im Rahmen der Viennale, habe aber letztlich nach selbstgedrehtem Material und nach Schauspielern verlangt. Eine überragende solche hat er in der extrem nuanciert agierenden Tänzerin Stephanie Cumming gefunden. Sie verkörpert die Titelheldin Shirley, eine Schauspielerin, deren Leben der Film Shirley vom 28. August 1931 bis ins Jahr 1963 entlang der 13 Sujets begleitet.

Im Künstlerhaus, wo der Film im Kino läuft, ist unter anderem ein Teil der Sets aufgebaut: menschenleere Hopper-Gemälde, die mit ihren Dimensionen - und in mancher Unvollständigkeit - noch einmal eine andere Seite der Illusionskunst anschaulich machen. Eine sinnfällige Erweiterung. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 7.11.2013)

Jetzt im Kino; Ausstellung im Künstlerhaus bis 5. Jänner

  • Raum für Illusion: Das Set, in dem Shirley (Stephanie Cumming) und Stephen (Christoph Bach) hier sitzen, ist derzeit im Künstlerhaus in Wien ausgestellt. "Shirley", der Film, läuft ebendort im Stadtkino.
    foto: kgp/palacz

    Raum für Illusion: Das Set, in dem Shirley (Stephanie Cumming) und Stephen (Christoph Bach) hier sitzen, ist derzeit im Künstlerhaus in Wien ausgestellt. "Shirley", der Film, läuft ebendort im Stadtkino.

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