Flucht nach Europa in Spielzeugbooten

Reportage6. November 2013, 10:33
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Spanien stemmt sich mit Hightech gegen Flüchtlinge aus Nordafrika, die auf aufblasbaren Booten ausgesetzt werden

Auf einer Anhöhe nahe des einstigen Beat-Autorentreffs im nordmarokkanischen Tanger, dem Café Hafa, starrt eine Gruppe Jugendlicher auf Europa, das hinter den Wolken versinkt. "Alle glauben, dort drüben ist es besser", sagt Berber Ahmet, Mittfünfziger und Fremdenführer zum STANDARD: "Wäre ich jung, ich würde es auch versuchen." Die Jugend wolle Perspektiven, sich verwirklichen, und mehr Freiheit, sagt er. Sie überqueren als blinde Passagiere, aber auch noch mit dem Einsetzen der Winterstürme auf Luftmatratzen das Mittelmeer.

Und tragen mit dazu bei, dass das "Spielzeug-Phänomen" überhand nehme, wie es Guardia-Civil-Oberstleutnant Eduardo Cobo Espinosa nennt: "Menschenhändler setzen kleine Gruppen in aufblasbaren Spielzeugbooten aus."

Knapp eine Stunde dauert die Überfahrt von Tanger zum Surferspot Tarifa am Südzipfel Spaniens. Für den, der gültige Papiere und rund 60 Euro hat. Aus Minuten werden oft Tage für Abertausende, die es illegal versuchen. Und dies immer teuer sowie nicht selten mit ihrem Leben bezahlen.

"Hot-Spot des höchsten Immigrationsdrucks"

Wie Spaniens Guardia Civil betont, ist die Meerenge Gibraltars aktueller "Hot-Spot des höchsten Immigrationsdrucks", wo gerade einmal 14 Kilometer die Kontinente trennen. Dabei zeige die flächendeckende Hightech-Überwachung vom Radar bis Infrarot durchaus Wirkung - "Uns entgeht kein Schiff." Die Zahl der illegal an den Küsten Almerías, Granadas oder Murcias Aufgegriffenen ist stark rückläufig gewesen, wie Cobo Espinosa betont. Schließe man eine Route, werde eine andere eröffnet, weiß er, wie auch dass "Tragödien schwer zu vermeiden sind". Fragile Boote, mit Personen ohne nautischer Erfahrung, geschweige denn Schwimmwesten an Bord - "am effektivsten wäre es, die Abfahrten zu verhindern".

Seit der Flüchtlingstragödie von Lampedusa mit weit über 300 Todesopfern hat man die Überwachung weiter forciert. In Spaniens Medien ist nicht mehr von wörtlich den "abgefangenen" Holzbooten, sondern "Geretteten", wie auch im jüngsten Bericht der Frontex-Mission. So habe man von Ende Mai bis Ende Oktober 3248 Menschen aus 148 Booten "gerettet". Acht Schlepper wurden wegen Menschen-, und 60 wegen Drogenhandels festgenommen.

Wall um 30 Millionen Euro erhöht

Wiederholt eskalierte zuletzt die Lage in Spaniens Nordafrikaexklave Melilla. Ein weiterer Brennpunkt, wo es Immigranten in Massenanstürmen gelang, die bis zu sieben Meter hohen Grenzbefestigungen zu überwinden. Als Ad-hoc-Lösung wird eben wieder an den Zäunen Nato-Draht mir Rasiermesser scharfen Klingen montiert. Erst 2007 hatte man diese nach tödlichen Überwindungsversuchen entfernt, und den Wall um 30 Millionen Euro erhöht. (Jan Marot aus Tanger, DER STANDARD, 6.11.2013)

  • Am Grenzzaun von Melilla wird wieder rasiermesserscharfer Nato-Draht montiert.
    foto: marot

    Am Grenzzaun von Melilla wird wieder rasiermesserscharfer Nato-Draht montiert.

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