Worte als Bühnen des Zweifels

5. November 2013, 18:19
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Barbara Kruger spannt einen ihrer berühmten "begehbaren Denkräume" auf. Darin erweist sich die US-amerikanische Konzeptkünstlerin wieder einmal als Meisterin subtiler Provokation

Bregenz - Widersprüchlich erscheint Barbara Krugers simple Formel nur auf den ersten Blick: Belief+Doubt=Sanity (Glaube +Zweifel=Vernunft) steht in großen weißen Lettern auf rotem Grund auf einer Werbetafel. Gesellschaften und Systeme, die lediglich Raum lassen für den Glauben - also eindeutige Wahrheiten, - nicht jedoch für das Prinzip des Zweifelns, sind in ihren Augen verdächtig, ja "unheimlich".

Kruger, zentrale Figur der US-amerikanischen Konzeptkunst, verweist dabei gerne auf die unbeirrbar im Prinzip Glauben fußende Politik der Republikaner oder die Selbstgewissheit von Finanzmarktexperten. Aber: "Mich interessiert der Zweifel - und wie Zweifel zu einer aktiven Kraft für Menschen wird."

Auf anderen Billboards auf dem Weg von Bahnhof zum Kunsthaus Bregenz, wo die 68-jährige Künstlerin auch ihre Personale unter das Motto Believe+Doubt gestellt hat, können Passanten lesen: "Can money buy you love?" oder: "Ist blinder Idealismus reaktionär?" Krugers Slogans verhehlen zwar nicht ihre Politisierung während der aufbrechenden, kapitalismuskritischen 1960er- und 1970er-Jahre, trotzdem sind sie weit davon entfernt, mit erhobenem Zeigefinger Lebensweisheiten zu betonieren.

So eine moralische Anmaßung passt nicht zu Kruger, die an der University of California unterrichtet, wo kaum einer ihrer Studierenden weiß, wer sie ist, und die, wie sie dem Standard 2012 verriet, nicht an Großartigkeit glaubt. Vielmehr sind es Aussagen, die - oft durch Personalpronomen wie "ich", "du" und "wir" provoziert - herausfordern, ihren Wahrheitsgrad für sich selbst zu überprüfen. Noch unmittelbarer gelingt Kruger dies in Form von Fragen.

Fragen ohne Antworten

Es sind Fragen, die keine Antwort kennen - kennen müssen. In einer Gesellschaft, in der zu wenig hinterfragt wird, in der, wie Kruger anklagt, die Bedeutung von Geschichte abhandenkommt, ist die Fähigkeit, Fragen zu stellen, ungleich bedeutender geworden.

Die Idee monumentaler Aussage ist populär. Und so könnte die Frage "Gibt es ein Leben ohne Schmerz?" ebenso ein Pharmakonzern werbewirksam formuliert haben; der Spruch "Weil du es dir wert bist" hat auch mehr Potenzial, als nur Bekenntnis zu alltäglichem Luxus zu sein. Eine Verwechslung, die der Kunst von Barbara Kruger zwar nichts anhaben kann, die aber den Aspekt der geeigneten Wirkungsräume ins Spiel bringt.

Der sich vor dem Pfändertunnel stauende Autofahrer ist vielleicht weniger irritiert als der Besucher eines Frankfurter Einkaufszentrums, dem Kruger in gigantischer Schriftgröße vor den Latz knallte: "Du willst es. Du kaufst es. Du vergisst es." Eine konsumkritische Watsche, die an ihre berühmteste, von "cogito ergo sum" abgeleitete Arbeit I shop, therefore I am anschließt (im Jahr 2005 für 600.000 Dollar verkauft).

Konkurrenzlos ist Krugers Arbeit, die Typografie auch in Kombination mit der Macht der Bilder für sich einsetzt, im geschlossenen Raum. Und so nützt Kruger, deren erste Liebe der Architektur (etwa von Richard Neutra oder Rudolf Schindler) galt, die von Peter Zumthor Etage für Etage übereinandergesetzten Bühnenräume des Kunsthauses für ihre Wortdramaturgien. Sie muss nicht, wie im öffentlichen Raum, regelrecht ganze Worthäuser errichten, sondern kann sich hier darauf beschränken, Sprache als Teppich oder Tapete auszubreiten. So muss man das Buchstabenmeer am Boden tatsächlich abschreiten, um seine Worte zu entziffern: "nicht beschämen", "nicht verleumden" usw. Erkenntnis wird zum Prozess, der die Gewalt von Sprache - um die es auch inhaltlich geht - verdeutlicht.

Aber sie thematisiert auch die Unschärfe von Sprache, deren ungehörte Subtexte. In Twelve, einer Vierkanalinstallation, wird der Besucher zum Zentrum verschiedener Wortgefechte: Dort ist man einem Stakkato aus Sprache und Untertiteln ausgeliefert. Die Überforderung erinnert an das alltägliche Informationsgewitter. Man kann flüchten oder verweilen und die Aufmerksamkeit den verschiedenen Stimmen schenken. Sprache braucht eben auch Zeit, um sich zu entfalten. Herausfordernd. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 6.11.2013) 

Bis 12.1.

  • "Gewalt lässt uns vergessen, wer wir sind": Das Sich-selbst-fremd-Werden durch Gewalt steht im Zentrum einer Rauminstallation von Barbara Kruger im Kunsthaus Bregenz.
    foto: christian hinz, kunsthaus bregenz

    "Gewalt lässt uns vergessen, wer wir sind": Das Sich-selbst-fremd-Werden durch Gewalt steht im Zentrum einer Rauminstallation von Barbara Kruger im Kunsthaus Bregenz.

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