Sammlung Gurlitt: Unbekanntes von Dix und Chagall

5. November 2013, 20:50
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Der spektakuläre Kunstfund von München birgt noch eine Überraschung: Unter den beschlagnahmten Werken der klassischen Moderne sind auch unbekannte Bilder von Otto Dix und Marc Chagall

Der Fund zahlreicher Werke der klassischen Moderne in der Münchener Privatwohnung von Cornelius Gurlitt, dem Sohn des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, war bereits eine Sensation. Doch nun hat die Staatsanwaltschaft in Augsburg Details bekanntgegeben, die Kunsthistoriker erneut begeistert.

In Gurlitts Wohnung befanden sich nicht nur Werke, von denen man dachte, sie seien verschollen oder zerstört. Die Fahnder stießen auch auf bisher unbekannte Werke wie ein Selbstporträt von Otto Dix und ein noch nie gesehenes Bild von Marc Chagall. Bei diesem handelt es sich laut der Kunsthistorikerin Meike Hoffmann um eine allegorische Szene, deren Herkunft noch nicht eindeutig bestimmt sei. Das Bild datiere wohl auf die Mitte der Zwanzigerjahre.

Hoffmann bezeichnet das Chagall-Bild als Werk von "ganz besonders kunsthistorischem Wert". Sie arbeitet seit einigen Jahren an der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität in Berlin und steht in engem Kontakt mit der Staatsanwaltschaft Augsburg, um zu klären, woher dieser Kunstschatz stammt.

"Unheimliches Glücksgefühl"

Die Staatsanwaltschaft Augsburg ist - obwohl Gurlitt in München wohnt - für diesen Fall zuständig. Sie ist die Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Steuer- und Wirtschaftsstrafsachen im Zuständigkeitsbezirk Schwaben, der an die Schweiz grenzt. Und dort (in Lindau) wurde Gurlitt 2010 im Zug erstmals kontrolliert.

Der leitende Staatsanwalt Reinhard Nemetz erklärte bei der Pressekonferenz, dass es ab diesem Zeitpunkt "keinen Anfangsverdacht", wohl aber "vage Vermutungen" gegeben habe, die dann zu Vorermittlungen geführt hätten. Entgegen ersten Berichten fand die Durchsuchung von Gurlitts Wohnung nicht 2011, sondern im Februar 2012 statt.

Drei Tage lang hat diese gedauert, denn die Fahnder hatten allerlei zu schleppen: 121 gerahmte und 1285 ungerahmte Arbeiten (Ölgemälde, Lithografien, Zeichnungen, Aquarelle). Für die Kunstexpertin Hoffmann gibt es "überhaupt keine Anhaltspunkte", dass es sich bei den Werken um Fälschungen handeln könnte.

Als sie die Bilder zum ersten Mal gesehen habe, habe sie ein "unheimliches Glücksgefühl" verspürt. Denn die Forschung werde davon sehr profitieren. Anders als zunächst vom Focus berichtet, seien die Werke auch fachgerecht gelagert worden und daher "von außerordentlicher Qualität".

Die Liste der gefundenen Künstler liest sich wie ein Who's who der Kunstgeschichte: Max Liebermann,? Max Beckmann, Otto Dix, ? Oskar Kokoschka, Henri de Toulouse-Lautrec, August Macke, ? Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner,? Pablo Picasso, Carl Spitzweg, Albrecht Dürer, Marc Chagall, Pierre-Auguste Renoir, Karl Schmidt-Rottluff, Christian Rohlfs, Karl Christian Ludwig Hofer und August Macke. Von Picasso gibt es kein Gemälde, sondern "nur" eine Zeichnung und zwei Druckgrafiken.

Die Fahnder sind nicht nur auf von den Nazis als "entartet" eingestufte Kunst gestoßen, sondern auch auf Werke des 16. bis 19. Jahrhunderts. Sie gehen nicht davon aus, dass Gurlitt noch anderswo Werke gelagert haben könnte. Der von ihm im Herbst 2011 verkaufte Löwenbändiger von Max Beckmann stammt laut den Ermittlern doch aus der Münchener Wohnung, diese wurde ja erst im Frühjahr 2012 durchsucht.

Gegen Gurlitt wird wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt, ihm wird aber auch Unterschlagung vorgeworfen. "Hinsichtlich dieser Kunstwerke von nicht hoch genug einzuschätzendem ideellem Wert haben sich konkrete Anhaltspunkte dafür ergeben, dass es sich um sogenannte ,entartete Kunst' oder um sogenannte ,Raubkunst' handelt", sagt der leitende Oberstaatsanwalt Nemetz.

Kein Haftbefehl gegen Gurlitt

Bei der Pressekonferenz wurden keine Originale gezeigt, sondern nur einige Abbildungen an die Wand projiziert. Die Bilder werden auch nicht online gestellt, da dies die Interessen von Anspruchsberechtigten verletzen könnte. Die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim haben bereits angekündigt, den Kunstfund nach weiteren Arbeiten aus dem unter NS-Druck aufgelösten ehemaligen Flechtheim-Besitz überprüfen lassen.

Eigentlich hätte die Staatsanwaltschaft den Sensationsfund gerne noch länger geheim gehalten. "Es ist für uns kontraproduktiv. Die Ermittlungen werden gefährdet, die Kunstwerke werden gefährdet", sagt Nemetz über das enorme Medieninteresse.

Zu Gurlitt haben die Ermittler keinen Kontakt. Gegen ihn liegt kein Haftbefehl vor, er befindet sich auf freiem Fuß. Im Salzburger Stadtteil Aigen besitzt er ein Haus. Ein Rechtshilfeersuchen aus Deutschland für eine Hausdurchsuchung ist bei den Salzburger Behörden noch nicht eingetroffen.

 (Birgit Baumann, DER STANDARD, 6.11.2013)

  • Diese bis dahin unbekannten Bilder von Otto Dix befanden sich in der Wohnung von Cornelius Gurlitt. Das linke zeigt ein Selbstporträt des Künstlers, es dürfte um 1919 entstanden sein.
    foto: reuters/michael dalder

    Diese bis dahin unbekannten Bilder von Otto Dix befanden sich in der Wohnung von Cornelius Gurlitt. Das linke zeigt ein Selbstporträt des Künstlers, es dürfte um 1919 entstanden sein.

  • Sichtet den Schatz: Kunsthistorikerin Meike Hoffmann.
    foto: ap/kerstin joensson

    Sichtet den Schatz: Kunsthistorikerin Meike Hoffmann.

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