Demokratischer Wandel durch die Linse

5. November 2013, 19:27
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Anja Burghardt untersucht Straßenfotografien aus Russland und Polen

Ein Foto kann etwas ins Licht rücken, was man in Bewegung nie bemerkt hätte. Um eine Gesellschaft im Wandel besser zu verstehen, hilft es vielleicht, die Bilder zu betrachten, die in und von ihr entstehen. Anja Burghardt macht das bereits: Die Slawistin aus Salzburg untersucht die Straßenfotografie in Russland und Polen. "Wenn man fragt, ob und welche Veränderungen es in der Gesellschaft gibt, kann die Straßenfotografie Antworten geben, weil sie den Alltag einzufangen versucht", erklärt die gebürtige Berlinerin, die seit 2007 in Salzburg arbeitet, den Grundgedanken des Projekts.

Am Anfang stand die Beschäftigung mit der Textsorte der Reportage, die eine viel wichtigere Gattung in der polnischen als in der deutschsprachigen Literatur sei: "Die Fotoreportage speziell aber lebt immer vom Zusammenspiel von Bild und Text. Daher möchte ich zuerst das Medium Fotografie vom Text losgelöst betrachten, um besser zu verstehen, wie Fotos als solche funktionieren." Anja Burghardt hat in Hamburg und London Slawistik und Philosophie studiert und über die russische Lyrikerin Marina Zwetajewa promoviert. Derzeit forscht sie als Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien.

Es sei für sie nicht immer einfach, sich von der literaturwissenschaftlichen Perspektive zu lösen und nicht in das Foto hineinzulesen, anstatt es zu betrachten: "Vieles was wir aus einem Foto schließen, wird durch andere Medien wie etwa die Schrift vermittelt. Bereits der Titel lenkt den Blick. Mich interessiert auch, wo solche Kontextualisierungen greifen und wie sie den Blick auf das Bild und weitere Rückschlüsse auf die Realität beeinflussen."

Fachlich interessiert sich Burghardt speziell für Bilder der Lebenswirklichkeit in Russland und Polen. Im Zentrum ihrer Forschung stehen derzeit Fotografien aus Moskau und Warschau. Nicht nur Bilder professioneller Fotografen werden untersucht, sondern auch Amateuraufnahmen: "Man kann eine Art Demokratisierung beobachten: Durch den technischen Fortschritt fotografieren heute mehr Menschen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen und haben mehr Möglichkeiten zur Veröffentlichung, was sich auch in den Fotos selbst niederschlägt. Je stärker dieser Prozess ideologisch gelenkt wird, was in der Vergangenheit sehr eindeutig war, desto eingeschränkter sind die Themen."

Dazu verweist Burghardt auf eine Bilderserie des polnischen Fotografen Bartosz Matenko, der in der Nacht Graffitisprayer begleitet hat: Solche Aufnahmen fernab der staatlich verordneten Darstellung des Alltags seien in den sozialistischen Ländern wahrscheinlich nicht möglich gewesen - auch wenn in Polen die Kultur ab 1956 im Vergleich nicht so restriktiv reglementiert worden sei wie in Russland.

Auch privat spielt die Fotografie für Burghardt eine große Rolle: Sie besucht leidenschaftlich gern Fotoausstellungen und macht selbst Aufnahmen, wobei ihr aber besonders schwerfalle, was sie im wissenschaftlichen Bereich derzeit häufig untersucht: "Ich persönlich finde es sehr schwierig, unbekannte Menschen zu fotografieren. Entweder man fragt, ob man die Person fotografieren darf - dann ändert sich die ganze Situation. Oder ich komme in die unglückliche Position der Voyeurin, die sich ein Bild von jemandem erhascht." (Johannes Lau, DER STANDARD, 6.11.2013)

  • Die Slawistin Anja Burghardt ergründet Bilder des Alltags.
    foto: ifk

    Die Slawistin Anja Burghardt ergründet Bilder des Alltags.

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