Der lange Weg zu smarten Lebenswelten

5. November 2013, 19:24
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Wissenschafter fünf steirischer Forschungseinrichtungen gehen im Projekt "Wissen " der Frage nach, wieso es mit der Nachhaltigkeit in der Praxis nicht so recht klappen will

Eigentlich hätten wir heute bereits ausreichend Know-how, um angenehm in einer relativ sozial- und umweltverträglichen Gesellschaft zu leben. Die nötigen Technologien sind entwickelt, die Politik wirbt mit Nachhaltigkeit, und die Bürger scheinen guten Willens. Und trotzdem will es damit nicht so recht klappen.

Warum? Um das herauszufinden und die konkreten Hindernisse auf dem Weg vom Wollen und Können zum Tun aufzuspüren, haben sich Wissenschafter fünf steirischer Forschungseinrichtungen im Projekt "Wissen" zusammengeschlossen. Gefördert vom Land Steiermark sollen in diesem Rahmen die Möglichkeiten und Knackpunkte einer nachhaltigen Entwicklung für die Steiermark in den Bereichen Mobilität, Wohnen, Bauen und dezentrale Stromerzeugung ermittelt werden.

So muss beispielsweise zukunftsfähiges Wohnen sparsam im Grund- und Energieverbrauch sein, was verdichtete Siedlungsformen erfordert. Entsprechende Konzepte, Pläne und Appelle liegen vor, auch an interessierten Baugruppen mangelt es nicht. Aber die Zersiedelung der Landschaft geht ungebrochen weiter. "Das Hauptproblem liegt hier klar bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen", sagt Projektleiter Karl Steininger vom Wegener Center for Climate and Global Change der Universität Graz.

Zersiedelung und Emissionen

"Solange die Baukompetenz bei den Bürgermeistern liegt, wird sich nicht viel ändern. Tatsächlich greift die Raumplanung zurzeit kaum irgendwo planend ein", meint Alexandra Würz-Stalder von der FH Joanneum. Auch die Pendlerpauschale sei ein wirksames Instrument zur Nachhaltigkeitsverhinderung, indem sie Zersiedelung und emissionsintensiven Verkehr fördert.

Zwei von vielen wunden Punkten, auf die im Rahmen des Projekts der Finger gelegt werden soll. "Indem wir Wissenschafter, Politiker, Verwaltungsleute und Bürgervertreter in Workshops zusammenbringen, können differenziertere Sichtweisen auf allen Ebenen und umsetzungsstarke Netzwerke entstehen", sagt Jürgen Suschek-Berger vom Interuniversitären Forschungszentrum (IFZ) Graz.

Durch den Austausch mit Experten aus unterschiedlichsten Forschungsfeldern gelangen auch Informationen über neue (technische) Trends an die entscheidenden Stellen. Das ist enorm wichtig, um nicht von neuen Entwicklungen überrollt zu werden. So wird beispielsweise das 3-D-Druckverfahren in absehbarer Zeit den gesamten Bausektor revolutionieren. "Darauf muss man vorbereitet sein, um die Chancen dieser Innovation nutzen und rechtzeitig auf ihre gesellschaftlichen Folgen reagieren zu können", sagt Steininger.

Es ist schwer vorstellbar, aber die Häuser der Zukunft werden großteils nicht mehr von Bauarbeitern, sondern von riesigen 3-D-Druckern errichtet werden. Bereits jetzt gibt es Prototypen dieser gigantischen Bauroboter, die über einen Computer mit CAD-Software jedes gewünschte Gebäudemodell laden und das reale Haus vollautomatisch in kürzester Zeit Schicht um Schicht aufbauen können. In der Industrie wird diese revolutionäre Technologie bereits eingesetzt.

Hier zeigt sich, dass der Übergang zu "smarten Lebenswelten" auch seine schmerzhaften Seiten hat. "Man muss damit rechnen, dass sehr viele Menschen in dieser Branche arbeitslos werden", sagt Steininger. "Wenn die Entscheidungsträger möglichst früh über solche Entwicklungen Bescheid wissen, können vorbeugend entsprechende Maßnahmen wie Umschulungen erarbeitet werden."

Taugliche Konzepte gesucht

Das Positive an dieser Technologie ist ihr großes Nachhaltigkeitspotenzial, da sie aufgrund der passgenauen Fertigung viel weniger Material verbraucht und klassische Baustoffe durch nachwachsende ersetzen kann. Außerdem bringt es für die heimische Forschung und Wirtschaft Vorteile, rechtzeitig auf diesen schon mit hoher Geschwindigkeit heranrollenden Zug aufzuspringen.

Auch in puncto Mobilität gibt es eine Fülle nachhaltiger neuer Technologien und zukunftstauglicher Verkehrskonzepte. Aber noch holpert es gewaltig auf der Straße in die "smarte" Mobilitätszukunft. "Smarte Mobilität bedeutet auch flexible Mobilität, denn innovative Technologien und Konzepte wie Elektromobilität oder Carsharing basieren darauf, für jeden Wegabschnitt das am besten geeignete Verkehrsmittel zu nutzen", erklärt Steininger. "Dies wiederum setzt eine optimale Abstimmung zwischen den einzelnen Verkehrsmitteln voraus."

Und genau hier häufen sich die Stolpersteine. Zum einen muss die Infrastruktur noch massiv verbessert werden: angefangen vom Ausbau der Radwege über eine bessere Abstimmung der Fahrpläne im öffentlichen Verkehr bis zur Förderung smarter Mobilität durch steuerliche Anreize. "Zum anderen brauchen wir viel mehr Pilotprojekte, damit die Menschen mit positiven Beispielen konfrontiert werden und sehen, dass und wie es funktionieren kann", sagt Steininger.

Aber auch bei der Bewusstseinsbildung hapert es. So provoziere man durch die Zusammenlegung von Fuß- und Radwegen beispielsweise vermeidbare Konflikte, die von den Medien weiter angestachelt werden.

"In Ländern wie etwa den Niederlanden gibt es solche Frontenbildungen zwischen den verschiedenen Fortbewegungsarten nicht, denn da hat man neben den normalen Radwegen auch Schnellradwege", weiß der Mobilitätsexperte. Solche Beispiele müsse man ins Spiel bringen, um den Blick auf das Wesentliche und Mögliche zu lenken.

"Man braucht Bilder, um sich überhaupt Alternativen zum Gegebenen vorstellen zu können", betont Suschek-Berger. "Auch daran wollen wir in diesem Projekt arbeiten."  (Doris Griesser, DER STANDARD, 6.11.2013)

  • Konzepte wie Carsharing gibt es ja bereits, allein, der Weg in die smarte Mobilitätszukunft ist, wie Wissenschafter analysieren, noch holprig.
    foto: standard/robert newald

    Konzepte wie Carsharing gibt es ja bereits, allein, der Weg in die smarte Mobilitätszukunft ist, wie Wissenschafter analysieren, noch holprig.

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