Der Trieb zur Entfaltung

12. November 2013, 18:17
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Könnten üppig blühende Pflanzen ihren Gärtnern sagen, was sie sich für die nächste Saison wünschen, wäre das: mehr Platz und weniger Konkurrenzdruck

"Ach, November", seufzt die Hortensie und lehnt sich in den ihr angebotenen Sessel zurück. Eigentlich ist das die Zeit, in der sie sich ein wenig erholen kann. Wovon, möchte der Gartencoach wissen, und er erfährt, dass nun im November endlich die vielen Funkien verwelkt wären.

Das Verwelken der Funkien wäre zwar farblich spektakulär, ein Leuchten in allen Gelb- und Grünschattierungen, und da könne das dezente Pastellrot einer Hortensie nicht mithalten, aber letztendlich bedeutet das Verschwinden der benachbarten Pflanzen, dass sie nun selber Platz zur Entfaltung habe - Platz, der ihr den gesamten Sommer über gefehlt hätte.

Die ganze Pracht zeigen

Gefragt nach den Vorteilen der neuen Situation, legt die Hortensie mit dem Namen Vanille Fraise so richtig los: Endlich könne sie ungestört ihre ganze Pracht zeigen, müsse nicht mehr ständig in die Höhe wachsen, um der Beschattung durch die Funkien zu entgehen. Und - dem November sei Dank - jetzt könne sie zum ersten Mal in diesem Jahr ein wenig entspannen und den neu gewonnenen Raum mit bereits müden Trieben, aber immer noch wunderschönen, verblühten Blüten erfüllen.

Darüber hinaus hätten die Funkien mit ihrem dunklen, stets feucht-schattigen Boden für ein Nacktschneckenparadies gesorgt. Nicht dass diese ihr etwas anhaben könnten, aber in Summe wären sie nicht gut für den Garten. Sie zögen die gesamte Aufmerksamkeit des Gärtners auf sich, und er vergäße wegen der Schnecken, sich ausreichend um sie zu kümmern oder sie gar zu bewundern.

Der Coach möchte nun wissen, ob sie sich mehr Bewunderung wünsche. Kaum hörbar atmet die Hortensie ein gehauchtes "Ja" aus. Stille. Der Coach hält die Stille aufrecht, atmet selbst hörbar aus und gibt der Hortensie Raum für ihre Gedanken.

Alles eitel Wonne

"Ich fürchte", meint die Hortensie nun leise, "dass es mir in Wahrheit nur um mehr Bewunderung geht. Ich sollte an meiner Eitelkeit arbeiten, nicht?" Das kann der Coach nicht beantworten, aber er fragt, was denn Eitelkeit Gutes mit sich brächte. Wieder Stille.

Ohne Eitelkeit, sagt die Vanille Fraise, wäre sie längst am Kompost. Wenn sie nicht schön anzusehen sei, wenn sie nicht gesundes Laub entwickle, wenn sie nicht ausreichend blühe, dann würde sie ihr Gärtner nach einigen Saisonen wahrscheinlich entsorgen.

"Ja, Eitelkeit ist überlebenswichtig für mich. Jetzt wird es mir langsam klar. Ich muss einfach mehr tun für mich! Nächste Saison werde ich in mich investieren, deutlich höher wachsen und danach trachten, früh zu erblühen und spät zu verblühen - dann löst sich das Thema mit den Funkien zu meinen Füßen ganz von selbst. Danke, lieber Gartencoach!", sagt die Hortensie. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 8.11.2013)

Tipp zur Gartengestaltung:
Gönnen Sie Ihren blühenden Pflanzen kommende Saison mehr Raum zur Entfaltung. In der Regel werden zum Beispiel Hortensien und Funkien viel zu eng gesetzt. Im Wettbewerb um Boden und Licht bleibt dann meist eine der beiden auf der Strecke.

  • Hortensien sind auch im Herbst schön anzuschauen.
    foto: marie-theres gudenus

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    foto: carl bengtsson
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