Ein Kunstkrimi zwischen Konservendosen

4. November 2013, 18:08
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Picasso, Chagall, Matisse, Beckmann - über Jahrzehnte sollen Kunstwerke, die von Nazis geraubt oder als entartet eingestuft wurden, in einer Münchener Wohnung gelegen haben. Die Rückgabe dürfte sich als schwierig erweisen

Der Sicherheitstrakt des bayerischen Zolls in Garching bei München gehörte bisher nicht zu jenen Orten, die in der Kunstszene viel Beachtung fanden. Das jedoch hat sich durch einen Bericht des Focus schlagartig geändert. Denn dort liegen derzeit rund 1500 Werke, die von den Nationalsozialisten als "entartete" Kunst eingestuft und/oder geraubt wurden. Wie es dazu kam, beschreibt das Magazin in seiner neuesten Ausgabe als wahren Kunstkrimi.

2010 kontrollieren Zollfahnder im Zug von Zürich nach München einen älteren Herrn: den 79-jährigen Cornelius Gurlitt. Er hat 9000 Euro in bar bei sich. Den Fahndern kommt dies verdächtig vor, zumal der Reisende einen in Kunstkreisen bekannten Namen trägt: Sein Vater, der 1956 verstorbene Hildebrandt Gurlitt, war ein Kunsthändler ("Verwerter"), der im NS-Reich Kunst, die als "entartet" eingestuft worden war, gegen Devisen ins Ausland verkaufen sollte.

Die Werke stammten entweder aus Museen oder waren zuvor jüdischen Sammlern für wenig Geld abgepresst worden. Gurlitt senior hatte immer behauptet, seine Sammlung sei 1945 im Feuersturm von Dresden verbrannt.

Doch dann stießen die Fahnder in der Münchener Wohnung des Sohnes auf rund 1500 Werke der klassischen Moderne, darunter Bilder von Picasso, Matisse, Chagall, Beckmann, Nolde, Kandinsky, Marc oder Kokoschka. Der Schatz lagerte laut den Ermittlern unter katastrophalen Bedingungen: in dunklen Räumen auf selbstgezimmerten Regalen, zwischen Konservendosen und Essensresten. Gleichwohl sollen die Bilder in gutem Zustand sein.

Bundesregierung informiert

Nicht viele Menschen werden in den Sensationsfund, dessen Wert auf zumindest eine Milliarde Euro taxiert ist, eingeweiht. Die federführende Staatsanwaltschaft Augsburg, die gegen Gurlitt ein Steuerverfahren einleitet, gibt aber der deutschen Regierung Bescheid. "Die Bundesregierung ist seit mehreren Monaten über den Fall unterrichtet", erklärt Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin.

Zur Geheimaktion wurde der Kunstfund erklärt, weil die Ermittler zunächst in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle "Entartete Kunst" (Universität Berlin) zu klären versuchten, wie die Gemälde in den Besitz von Gurlitt junior gelangt sind und woher sie überhaupt stammen.

Handelt es sich um "Raubkunst", die Sammlern abgepresst wurde, dann gibt es gemäß internationalen Abkommen, die auch Deutschland unterzeichnet hat, die Möglichkeit zur Rückgabe. In Regierungskreisen wird jedoch darauf hingewiesen, dass die "entartete Kunst", die aus staatlichen Museen entfernt werden musste, möglicherweise im Eigentum von Gurlitt verbleiben könnte.

"So moralisch unhaltbar die Verfolgung ,entarteter Kunst' auch gewesen ist, aus juristischer Sicht kann keine Restitution verlangt werden", schreibt auch der Rechtsexperte Carl-Heinz Heuer. Beschlagnahmungen aus Museen und der Verkauf der Werke waren demnach trotz aller Verwerflichkeit "Rechtsakte". Details sollen heute bekanntgegeben werden.

Möglicherweise taucht noch mehr auf. Denn Gurlitt verkaufte nach der Beschlagnahmung der Werke noch über das Aktionshaus Lempertz in Köln das Gemälde Löwenbändiger von Max Beckmann - für 864.000 Euro.

Die Stadt Linz sieht keinen Zusammenhang. Wolfgang Gurlitt, "Gründer" der Linzer Neuen Galerie, sei zwar der Cousin gewesen, es habe aber "nach heutigem Wissensstand" keine Geschäftsbeziehung bestanden, stellte der Linzer Kulturdirektor Julius Stieber fest. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 5.11.2013)

  • So ähnlich müssen sich die Zöllner gefühlt haben, als sie in der Wohnung von Cornelius Gurlitt auf 1500 "arisierte" bzw. "entartete" Kunstwerke stießen: Im Film "Monuments Men" (2014 im Kino) bergen George Clooney und Matt Damon NS-Raubkunst.
    foto: centfox

    So ähnlich müssen sich die Zöllner gefühlt haben, als sie in der Wohnung von Cornelius Gurlitt auf 1500 "arisierte" bzw. "entartete" Kunstwerke stießen: Im Film "Monuments Men" (2014 im Kino) bergen George Clooney und Matt Damon NS-Raubkunst.

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