Zu viel Zucker: Kampf um Marmelade in Großbritannien

5. November 2013, 08:08
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Widerstand gegen Richtlinie, die Zuckerreduktion vorsieht

Was gehört eigentlich zum typisch englischen Frühstück? Großbritannien-Touristen erinnern sich mehr oder weniger gern ans "full English", also Würstchen, Speck, Eier in gebratener oder gerührter Form, dazu dicke Bohnen in Tomatensauce oder Blutwurst - dazu natürlich Tee. Alter Tradition zufolge folgt ein zweiter Gang, nämlich frischer Toast, bestrichen mit Butter und (Orangen-)Marmelade.

Letzteres ist in Gefahr. Das "Ende des britischen Frühstücks, wie wir es kennen", sieht Tessa Munt am düsteren Horizont. Grund: zu süß. Das zuständige Umweltministerium will nämlich die Marmeladen-Richtlinie ändern: Zukünftig darf der süße Brotaufstrich nur noch zur Hälfte aus Zucker bestehen. Hersteller könnten dann besser im Handel bestehen, damit "man weltweit unsere köstlichen Marmeladen genießen kann", heißt es.

Stumpffarbener Fruchtaufstrich

Bisher waren mindestens 60 Prozent Zucker britische Haushaltspflicht. Das ergibt dann jene "fantastische Farbe, lange Haltbarkeit, wunderbare Konsistenz", von der Munt schwärmt. Sie ist übrigens keineswegs die Cheflobbyistin der britischen Marmelade-Industrie, sondern vertritt das Städtchen Wells im Londoner Unterhaus und ist damit zuständig für einen Wahlkreis, in dem viel eingekocht wird.

Ihre Präsenz im Parlament bot der Liberaldemokratin jetzt Gelegenheit, auf das vermeintlich drohende Frühstücksdesaster hinzuweisen: "Wir werden etwas auf dem Teller haben, was französischen und deutschen Produkten ähnelt: stumpfe Farben, weniger lang haltbar, so ein Fruchtaufstrich." Also Konfitüre!

An der Dringlichkeit der Zuckerreduktion hegen Ärzte freilich keinen Zweifel. Auf der Insel gilt jeder vierte Erwachsene als klinisch übergewichtig. Der Anteil fettleibiger Jugendlicher hat sich in den vergangenen 25 Jahren verdreifacht, heißt es in einer Regierungsstudie. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 5.11.2013)

  • Marmelade in Gefahr.
    foto: derstandard.at

    Marmelade in Gefahr.

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