Banken kürzen Firmenkredite, kaufen Staatsanleihen

4. November 2013, 17:45
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Europas größte Banken haben seit 2010 fast eine halbe Billion Euro an Firmenkrediten abgebaut, zeigt eine Studie der Ratingagentur Fitch

Wien - Basel III ist auf dem europäischen Kreditmarkt angekommen. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der Ratingagentur Fitch. Demnach hat seit dem Jahresende 2010 eine milliardenschwere Verschiebung an den europäischen Finanzmärkten eingesetzt - zulasten der Unternehmenskredite. 440 Milliarden Euro an Firmengeschäft wurde alleine bei den 16 größten Geldhäusern abgebaut (siehe Grafik), die in Europa als systemrelevant eingestuft werden.

Gleichzeitig haben diese Institute mehr als eine halbe Billion Euro in die Staatsfinanzierung gesteckt: "Zwischen 2010 und 2012 haben sie ihre Forderungen gegenüber Staaten um 550 Mrd. Euro erhöht, gerade auch, um die Liquiditätsanforderungen zu erfüllen", sagt Christian Scarafia, Bankenanalyst bei Fitch Ratings. Das macht vier Prozent der knapp 13.500 Mrd. Euro Bilanzsumme der wichtigsten Banken aus.

Das Regelwerk Basel III schreibt den Banken vor, mehr liquide Wertpapiere zu halten, um besser gegen Krisen gewappnet zu sein. Dazu zählen Staatsanleihen. Ein anderes Argument für die Finanzierung der öffentlichen Hand ist der Kapitalbedarf. Denn für Kredite an Firmen müssen Banken deutlich mehr Eigenkapital haben, als etwa bei der Staatsfinanzierung. Anleihen von Regierungen gelten als sicher, deswegen verlangt Basel hier kaum Risikopuffer. Die Fitch-Analysten haben errechnet, dass der durchschnittliche Kapitalbedarf für einen Unternehmenskredit bei 4,7 Prozent lag, zehnmal höher als bei Staatsanleihen (0,4 Prozent).

Insgesamt sei in den Banken ein Trend zu Sicherheit festzustellen, so Scarafia. Banken bevorzugen etwa besicherte Kreditformen: "Der Anteil der Hypothekenkredite an Privatkunden in den Portfolios etwa hat zugenommen, hier ist das Risiko weniger hoch und Basel III schreibt niedrigere Kapitalanforderungen vor."

Dabei könnte die kommende Prüfung der Bilanzen durch die EZB die Bankenlandschaft weiter verändern. Die Aufsicht wird sich die "Leverage Ratio", eine Verschuldungsquote, genauer ansehen. Der wichtigste Unterschied zu den Kapitalquoten: bei einer Leverage Ratio können Geldinstitute ihre Staatsanleihen-Positionen nicht mithilfe der Risikogewichtung klein rechnen: "Europäische Banken wurden historisch noch nie regulatorisch an einer Leverage Ratio gemessen, in gewissen Bereichen könnte das die Anreize ändern", erwartet Scarafia. Für sich allein genommen mache eine solche Kennzahl es attraktiver, Kredite an riskantere Schuldner zu vergeben. (sulu, DER STANDARD, 5.11.2013)

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