"Dann sollst glücklich auch noch sein"

Interview4. November 2013, 18:17
70 Postings

Die Politik darf nicht die lange Perspektive der Nachhaltigkeit aus den Augen verlieren, meinen die Weinbauern Ariane und Josef Umathum

STANDARD: Wenn im Burgenland etwas besser werden soll, sagt man: nach dem Vorbild der Winzer. Was kann das politische Österreich von den Weinbauern lernen? Entsprechende Skandale gäbe es ja.

Josef Umathum: Es hat sich auch nach dem Weinskandal 1985 ständig etwas weiter verändert. Ein entscheidender Punkt ist die Regionalität. Rebsorten wie unser Blaufränkischer, der Zweigelt, der St. Laurent sind einzigartig. Ich sehe schon die Gefahr einer internationalen Nivellierung: dass man einem Trend nachläuft, statt beim Bestehenden in die Tiefe zu gehen, sich auf Stärken zu besinnen.

STANDARD: Damit meinen Sie jetzt beides? Weinbau und Österreich?

Josef Umathum: Genau. Ich kann mich noch gut erinnern, als der EU-Kommissar Franz Fischler 1995, als wir zur EU gekommen sind, verkündet hat, Österreich wird der Feinkostladen Europas. Was ist passiert? Gar nix ist passiert! Die kleinen Betriebe sind zum Großteil eingegangen. Und wir haben heute Tiefkühlkost aus Supermärkten.

STANDARD: Wo müsste man da als Politiker, als Politikerin ansetzen?

Josef Umathum: Ein Beispiel: Die Glashäuser, die früher in Holland und Spanien gestanden sind, stehen heute auch im Burgenland.

Ariane Umathum: Und das unterm geförderten Logo "Genussregion".

Josef Umathum: Aber das wächst dann auf Steinwolle, holländisches System, und wird beheizt mit russischem Erdgas.

STANDARD: Wo also müsste die Politik ansetzen? Eher im Handel, eher in der Landwirtschaft?

Josef Umathum: Im Transport. Dort liegt das Problem. Transport ist zu günstig, hoch subventioniert, und zerstört so regionale Strukturen.

Ariane Umathum: Wie ernähren wir uns, wenn die Lkws nicht mehr die Supermärkte befüllen? Das ist für mich eine Kardinalfrage, gerade im ländlichen Raum.

STANDARD: Der ländliche Raum - was ist das überhaupt?

Josef Umathum: Früher Landwirtschaft und sonst nichts, nur dazugehöriges Handwerk und Handel. Das ist heute anders. Es geht sogar so weit, dass überhaupt kein Verständnis mehr da ist für Landwirtschaft. Siehe diesen Fall im Mittelburgenland, wo wegen der Anrainerproteste kein Bio-Hühnerstall gebaut werden konnte.

Ariane Umathum: Ich glaube, der Knackpunkt ist, dass man sich von der Idee der Nachhaltigkeit verabschiedet hat. In der Landwirtschaft brauchen wir die langfristige Perspektive. Es fehlt aber völlig ein Konzept dafür, wohin wir uns entwickeln wollen. Wie wollen wir ausschauen? Wenn man sich die Einkaufzentren an den Ortsrändern anschaut: Da kann doch niemand sagen, so soll es sein.

STANDARD: Neben Nachhaltigkeit ein Sinn für Schönheit?

Ariane Umathum: Vor allem Konzepte. Welche Möglichkeiten und Ressourcen hat man in der Gegend. Und wie könnte man genau die fördern?

Josef Umathum: Es kann doch nicht sein, dass man produziert, ohne sich zu überlegen, ob das einen Wert hat. Da geht auch Ethik verloren, wenn man auf die Frage verzichtet, wie man etwa mit dem Boden umgeht. Biobetriebe, die 400, 500 Hektar als Einzelperson bewirtschaften, sind Realität in der Region.

Ariane Umathum: Im Ländlichen hätte man aber immerhin die Möglichkeit, sinnvoll gegenzusteuern.

Josef Umathum: Das für mich Lebenswerte auf dem Land ist die Möglichkeit, die Umwelt und das Zusammenleben unmittelbar mitzugestalten. Man kann sich leichter einbringen in die Gestaltung einer kleinen Gemeinde.

STANDARD: In der Winzer-Sprache: Politik muss aufs Terroir achten?

Josef Umathum: Genau. Stattdessen aber kommen fast zynische Patentrezepte. Jetzt sagt man den kleinen Betrieben, sie sollen Zimmer vermieten, ein bisserl Marmelad' einkochen und verkaufen. Wer soll das machen? Die Großmutter? Der Großvater? Die sind zu alt, die Kinder sind weg, bleiben zwei Leute und vielleicht ein illegal beschäftigter Ungar.

Ariane Umathum: Und dann sollst aber glücklich auch noch sein.

STANDARD: Was war das Umathum'sche Erfolgsrezept?

Josef Umathum: Dass wir einen guten Draht zu unseren Kunden haben. Wir haben immer einen Ab-Hof-Verkauf gehabt.

STANDARD: Ab-Hof-Verkauf auch als politisches Modell?

Ariane Umathum: Ja, sozusagen.

Josef Umathum: Wenn ich höre, wie sie jetzt reden: Wo bring ich den unter, wo den - die haben nix kapiert, aber schon gar nix. Das ist wie der Bauer, der auf seinem großen Traktor sitzt, nicht absteigt und den Boden anschaut. Der plant nur mit GPS: Wo fahr' ma, was bau' ma an. Aber er grabt nicht in der Erd'. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 5.11.2013)

Josef (53) und Ariane (42) Umathum führen nicht nur das gleichnamige Weingut im burgenländischen Frauenkirchen, mit dem Umathum-Pool unterstützen sie Ideen und Initiativen für den ländlichen Raum.

  • Josef und Ariane Umathum graben in der Erd', wollen nicht nur auf dem großen Traktor sitzen wie viele Politiker.
    foto: sebauer

    Josef und Ariane Umathum graben in der Erd', wollen nicht nur auf dem großen Traktor sitzen wie viele Politiker.

Share if you care.