70er Haus: Von Briefmarken und eingelegten Gurken

5. November 2013, 05:30
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Neues Museum in Mattersburg: Ein Haus für Stadtgeschichte und Stadtgeschichterl

Georg Luif ist einer, von dem man gemeinhin sagt, er sei weltläufig. Aber auch Leute wie er - Gründer des America Latina, das sich ja zu einer regelrechten Shop-Kette ausgewachsen hat - kommen von irgendwo her. Und das Irgendwo ist halt der Boden, aus dem heraus man wächst. Bei Georg Luif ist dieser das kleine burgenländische Mattersburg. Genauer ein alter kleinhäuslerischer Streckhof in der Hintergasse Nummer 70 - gleich beim Kreisverkehr, von dem es über die Maschekseite zur wunderbaren Fußballakademie geht, rechts. Nicht zu verfehlen also, wenn man ein Mattersburger ist oder ein Navi hat.


Alles, was die Hausfrau braucht: Rexgläser und Bügeleisen und schon modernere Gemüsekonserven.

In diesem Haus - der Boden, aus dem einer wächst, will ja bearbeitet werden - hat der Hausherr gemeinsam mit Anna Mayer-Benedek und dem jungen Johann Gallis ein kleines, in der Dimension der umgebenden Stadt bleibendes Museum eingerichtet. Das 70er Haus der Geschichten, das - wie Georg Luif und seine Mitstreiter nicht müde werden zu betonen - selber auch ein Ausstellungsobjekt ist samt der Summerkuchl, dem Schüttboden mit darunterliegendem Press- und Weinkeller, dem Goaßstall und dem Saukobel, der, wäre er nicht eh nur Museumsstück, ein klarer Fall für den VgT und seine assoziierten Tierschützer wäre.

Gestartet hat dieses Museum - das längst überfällig war, wie viele Besucher bei der Eröffnung am Staatsfeiertag angemerkt haben - mit interessanten, teils auch schrägen Zugängen. So wird die Stadtgeschichte zwischen 1918 und 1921 - als das Burgenland ein Zankapfel war zwischen Österreich und Ungarn - anhand von Briefmarken erzählt. Der philatelistische Blick schärft die Aufmerksamkeit für die wechselnden Staatssouveränitäten, zu denen immerhin auch die anderthalbtägige "Republik Heinzenland" zählte, deren Ausrufung am 22. November 1918 so ausgiebig gefeiert wurde, dass man ganz auf die aus Sopron/Ödenburg klarerweise im Handumdrehen anrückenden Honvéd vergaß, weshalb am 23. November die Feier auch schon wieder zu Ende war.


Dem Wein und da Goaß is‘ net z’hoaß, sagt der Volksmund. Eine Unterkunft brauchte die Hausziege dennoch.

Der Chefausrufer der - linksgerichteten - Republik hieß Hans Suchard, der später gemeinsam mit dem von Horthy aus Ödenburg vertriebenen Sozialdemokraten Adolf Berczeller die burgenländische Gebietskrankenkasse aufbaute. Berczeller, dessen Sohn Richard Arzt in Mattersburg war, wurde als Jude vertrieben. Suchard war seit 1934 ein sogenannter Illegaler. Er trug, erzählt Peter Berczeller (dessen berührendes Buch übers Leben als Heimatvertriebener - Der kleine weiße Mantel, Metroverlag - demnächst erscheint) "auf der Innenseite des Revers schon das Hakenkreuz". Eine kleine Geschichte in einer kleinen Stadt, die sich mit all den anderen kleinen Geschichten zur Geschichte, und in diesem Fall zur Tragödie summiert.

Ein Raum ist dem jüdischen Mattersburg gewidmet. Ein anderer dem Unternehmen Felix - bis heute der größte Industriebetrieb der Stadt. Auch Felix erzählt eine nicht minder faszinierende, vom ganz Kleinen ins ganz Große führende Geschichte. Die Firma Löw & Felix war ursprünglich ja in Znaim daheim, wo sie den weithin so genannten Znaimern - den eingelegten Gurken - zu monarchieweitem Ruf verhalf. 1939 wurde Herbert Felix vertrieben, ging ins schwedische Exil. Sein Cousin - Bruno Kreisky - überredete ihn nach dem Krieg, nun doch auch in Österreich zu investieren. Das tat er 1960 - eben in Mattersburg.


Die klassische pannonische Anordnung: der Schüttboden, darunter der Preß- und einen Halbstock darunter der Fasskeller.

Solche Gschichterl sind es, die das Mattersburger 70er Haus beseelen sollen, erzählt Georg Luif. Die Exponate seien das eine, "aber wir wollen auch ein Ort fürs Geschichtenerzählen sein." Geschichten aber sind nie wirklich zu Ende erzählt. Das nächste diesbezügliche Projekt wird sich den Mattersburger Roma widmen. Und - dem aktuellen Tabellenstand zum Trotz - dem örtlichen Fußball. (Wolfgang Weisgram, derStandard.at, 4.11.2013)


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Alle Museen der Serie im Überblick

  • Georg Luif inspiziert den Goaßstall des Streckhofes in der Mattersburger Hintergasse 70.
70er Haus der Geschichte
Hintergasse 70, 7210 MattersburgÖffnungszeiten: Fr bis So 15 bis 18 UhrAußertourliche Terminvereinbarungen mit Georg Luif 0699-13 69 17 74 oder Anna Mayer-Benedek 0676-71 02 666
www.70haus.at
    foto: standard/sebauer

    Georg Luif inspiziert den Goaßstall des Streckhofes in der Mattersburger Hintergasse 70.

    70er Haus der Geschichte

    Hintergasse 70, 7210 Mattersburg
    Öffnungszeiten: Fr bis So 15 bis 18 Uhr
    Außertourliche Terminvereinbarungen mit Georg Luif 0699-13 69 17 74 oder Anna Mayer-Benedek 0676-71 02 666

    www.70haus.at

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