Fast jeder zweite 25-jährige Mann lebt noch bei den Eltern

4. November 2013, 14:49
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Wohnte 1971 in Österreich jeder dritte 25-jährige Mann noch im Elternhaus, war es 2011 fast jeder Zweite. Bei den gleichaltrigen Frauen ist der Trend noch signifikanter. Als Gründe gelten geringes Einkommen, lange Ausbildungszeiten, geändertes Bindungsverhalten

Wien - Von den 8,401.940 Personen, die zum Stichtag der Registerzählung am 31. 10. 2011 in Österreich erfasst wurden, lässt sich allerhand erfahren. Etwa, dass der gemeine junge Erwachsene in Österreich ein "Nesthocker" geworden ist. Dass Frauen deutlich später ins Berufsleben einsteigen, dafür aber viel stärker als vor 40 Jahren am Arbeitsmarkt vertreten sind. Dass Partnerschaften und Familien erst spät mit Kindern aufgepeppt werden, jedoch mit signifikant weniger Nachwuchs pro Pärchen als noch 1971.

Auch den Trend zu Single-Haushalten hat die Statistik Austria in ihrer Analyse der Registerzählung festgestellt. Diese hat 2006 die traditionelle Volkszählung mit Fragezetteln abgelöst und wurde 2011 erstmals angewandt.

Vor allem die Lebensentwürfe junger Erwachsener auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit haben sich in den vergangenen 40 Jahren massiv verändert. Wohnte 1971 etwa jeder dritte 25-jährige Mann noch bei seinen Eltern (29,4 Prozent), war es 2011 bereits fast jeder Zweite (44,2 Prozent). Auch die gleichaltrigen Damen wissen mittlerweile die Vorzüge des Hotel Mama zu schätzen: 1971 lebte nur jede neunte 25-Jährige noch im Elternhaus (11,6 Prozent). 2011 war es fast jede Dritte, mit nunmehr 29,5 Prozent hat sich die Anzahl innert 40 Jahren fast verdreifacht.

Noch keine spanischen Verhältnisse

Noch sind Verhältnisse wie in Spanien oder Italien, wo etwa 70 Prozent der unter 30-jährigen Männer als "Bamboccioni" (Riesenbabys) bei ihren Eltern leben, weit entfernt. "Aber eine Trendumkehr ist bei uns nicht ersichtlich", sagt Wolfgang Mazal, Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF), dem Standard. "Die Einkommensverhältnisse werden sich so schnell nicht ändern."

Die Gründe, dass junge Erwachsene mit der Bildung von Partnerschaften und Familien in den eigenen vier Wänden zuwarten, macht Mazal vor allem an hohen Ausgaben für Wohnungen, gestiegenen Lebenserhaltungskosten sowie auf der anderen Seite geringem Einkommen fest. "Ein junger Erwachsener zwischen 20 und 29 Jahren hat durchschnittlich 1200 Euro netto zur Verfügung - da ist das 13. und 14. Monatsgehalt schon eingerechnet", sagt Mazal. "Da wird nach Synergieeffekten gesucht, und die findet man oft im eigenen Elternhaus."

Neben monetären Motiven sind für Mazal auch lange Ausbildungszeiten sowie ein verändertes Bindungsverhalten für den immer späteren Auszug der Nesthocker verantwortlich. Zudem seien Wohlfühl- und Wohlstandsfaktoren vor 40 Jahren deutlich weniger ausgeprägt gewesen.

Erstgeburt mit 30 Jahren

Damit geht auch eine spätere Familiengründung mit Kind einher: Laut Statistik Austria hat sich das Alter von Frauen bei der Erstgeburt von 27 Jahren (1971) auf 30 Jahre (2011) verändert. "Wenn es keine stabile Paarbindung gibt, wird die Reproduktion aufgeschoben", sagt Mazal. "Früher war es verstärkt akzeptiert, jung und mit einer sozusagen unsicheren Partie eine Familiengründung zu wagen. Man blieb oft zunächst im Hotel Mama, hat aber einen Subhaushalt gegründet." Mit einer angepassten Gehaltspolitik sowie der Akzeptanz eines Bachelor- plus berufsbegleitendem Master-Studiums könnte laut Mazal gegengesteuert werden. "Das erklärt aber noch nicht, wieso auch Lehrlinge immer später ausziehen."

Der Trend zu kleineren Haushalten hält an, in jedem dritten Haushalt lebt nur eine Person (36,3 Prozent). 1971 war es jeder vierte Haushalt (25,6 Prozent).



Die durchschnittliche Kinderzahl pro Familie hat sich von 1,99 (1971) auf 1,64 (2011) verringert. Dass die Bevölkerung 2030 dennoch neun Millionen umfassen soll, ist gestiegener Zuwanderung sowie Lebenserwartung zu verdanken. 2011 lebten in Österreich 1112 Personen über 100 Jahre - eine Verdoppelung dieser Bevölkerungsgruppe seit 2001. (David Krutzler, DER STANDARD, 5.11.2013)

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