Umfrage: Mehrheit will Ehe und Adoptionsrecht für Homosexuelle

  • 78 Prozent meinen, soziale Netzwerke wären nicht gut für Kinder und Jugendliche.
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    78 Prozent meinen, soziale Netzwerke wären nicht gut für Kinder und Jugendliche.

Österreicher für Gleichstellung aller Familienformen

Linz - Sprachenvielfalt ist gut, das Facebook ist bös - so lässt sich auf einen Blick die große Familienumfrage des Linzer Market-Instituts für den STANDARD zusammenfassen, dargestellt in der nebenstehenden Umfrage. Insgesamt 90 Prozent der österreichischen Wahlberechtigten finden es gut, dass Kinder von klein auf mehrere Sprachen lernen; 78 Prozent meinen, soziale Netzwerke wären nicht gut für Kinder und Jugendliche. Zwischen diesen beiden hervorstechenden Einschätzungen der heutigen Familienwelt verstecken sich allerdings einige politisch brisante Ergebnisse, die deutlich machen, in welchem Spannungsfeld heute Familien leben.

Market-Institutsleiter David Pfarrhofer: "Wir haben festgestellt, dass die von uns befragten österreichischen Wahlberechtigten insgesamt sehr aufgeschlossen sind - selbst unter den FPÖ-Wählern gibt es eine Mehrheit, die es gut findet, dass Kinder in der Schule mit Kindern aus anderen Ländern in Kontakt kommen. Erwartungsgemäß ist diese Mehrheit nicht sehr groß, aber sie zeigt eine Offenheit, die überrascht. Ähnlich ist das mit der Mehrheit, die schwulen Paaren das Recht auf Adoption von Kindern zugestehen würde: Hier sind zwar Wähler von ÖVP und FPÖ mit knapper Mehrheit dagegen, in der Bevölkerung gibt es aber eine überwiegend positive Stimmung."

35 Prozent für Adoptionsrecht für Homosexuelle

In Zahlen: 35 Prozent der Wahlberechtigten sind "voll und ganz" dafür, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen, weitere 21 sind überwiegend dafür. Am deutlichsten sind Wähler von Neos, Grünen und SPÖ dafür. Hart dagegen sind 22 Prozent, überwiegend dagegen 15 Prozent.

Eine Heirat (bisher gibt es nur eine "eingetragene Partnerschaft") von gleichgeschlechtlichen Paaren wird von 41 Prozent voll und von weiteren 20 Prozent überwiegend befürwortet. Harte Ablehnung kommt von 15 Prozent, eine immerhin überwiegende Ablehnung von 18 Prozent der Wahlberechtigten. Es sind vor allem junge, rot und grün orientierte Menschen, die die Homo-Ehe befürworten - unter SPÖ- und Grünen-Wählern kommt die Ehe von Homosexuellen auf jeweils rund 75 Prozent Zustimmung.

Weitere politische Aussagen, die sich aus der Umfrage ergeben:

  • Ganztagsschulen werden von insgesamt 64 Prozent der Befragten geschätzt - die Zustimmung ist aber bei Befragten ohne Kinder im Haushalt höher als bei jenen mit Kindern. Männer sind stärker für die Ganztagsschule als Frauen. Und bei ÖVP-Wählern ist eine Mehrheit dagegen.
  • Gymnasien in ihrer achtjährigen Langform werden von insgesamt 59 Prozent befürwortet, sogar unter SPÖ-Wählern findet sich eine relative Mehrheit dafür - und damit für eine Absage an die Gesamtschule. Die engagiertesten Verteidiger des achtklassigen Gymnasiums finden sich in der FPÖ, in der ÖVP und bei den Neos ist die Anhängerschaft des Gymnasiums ebenfalls stark vertreten. Nicht so bei den Grünen, deren Anhänger mit einer sehr schwachen relativen Mehrheit für das Gymnasium sind, die sich aber in hohem Maß in die Gruppe der Unentschiedenen flüchten.
  • Heikel ist auch die Interpretation der Frage nach Leistung. DER STANDARD ließ den 603 Befragten die Aussage vorlegen: "Ich finde es gut, wenn Kinder von klein auf an Leistung gewöhnt werden." Dem stimmen 57 Prozent (19 völlig, 38 überwiegend) zu. Aber: Die Zustimmung ist bei Wählern von ÖVP, FPÖ und Neos deutlich überdurchschnittlich. Grün-Wähler wollen Kinder mehrheitlich vom Leistungsdruck verschonen.
  • Widersprüchlich ist die Haltung zu neuen Technologien: 93 Prozent sagen mehr (55 Prozent) oder weniger deutlich (38 Prozent), dass sie es gut finden, wenn Kinder mit neuen Technologien vertraut gemacht werden. Nur wenn es konkret wird, sind die Befragten überwiegend dagegen: Nur eine Minderheit von 40 Prozent findet das Internet alles in allem positiv für die Kinder und Jugendlichen. Noch schlechter sieht die Einschätzung für Handy und Facebook aus - und alle diese Einschätzungen sind in den Anhängerschaften aller Parteien ähnlich.
  • Umgekehrt ist es mit der gesellschaftspolitisch einst umstrittenen Frage, ob ein unbefangener Umgang mit sexuellen Fragen gut für Kinder und Jugendliche ist - dieses Thema findet in allen Parteiwählerschaften deutliche Zustimmung.
  • Und bei den klassischen Bildungsfragen, deren Bedeutung von Arbeitgebern für essenziell gehalten wird wie Deutsch zu können, rechnen zu können, ordentlich zu grüßen? Hier geben die Österreicher an, dass es Defizite gibt. Nur die Grün-Wähler erkennen diese in deutlich geringerem Ausmaß.
  • Schließlich die "gesunde Watschn". Hier wurde bewusst provozierend die Aussage vorgelegt: "Eine ‚g'sunde Watsch'n hat früher niemandem geschadet und schadet heute auch niemandem." Dieser Ansicht haben sich nur 27 Prozent angeschlossen, nur unter den FPÖ-Wählern teilt sie jeder zweite Befragte und in der niedrigsten Bildungsschicht mehr als jeder Dritte. (Conrad Seidl, DER STANDARD, 4.11.2013)
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