Tanzender Derwisch, blinkende Sterne

1. November 2013, 17:23
posten

Keine Angst vor Komplexität: Der Grazer Kunstverein präsentiert in Koproduktion mit dem Steirischen Herbst bedeutende Arbeiten des US-Künstlers Doug Ashford

Graz - Wer den Grazer Kunstverein unbedarft betritt und dort die neue Ausstellung des New Yorker Künstlers Doug Ashford (55) sehen will, wird überrascht sein. Denn in dieser Koproduktion mit dem Steirischen Herbst wohnen Ashfords Arbeiten sozusagen hinter sieben Bergen. Wer also nicht das freundliche Angebot einer Führung akzeptiert, muss sich bereits im Eingangsraum als Detektiv bewähren.

Denn dort steht einmal ein großer Holzkubus als Black Box, in der Videoaufzeichnungen von Frühwerken der postmodernen US-Choreografin Trisha Brown zu sehen sind. Die Box ist kein Kunstwerk. Doch der Teppich darin: ein Kunstwerk (Nina Beier). Die Sessel darin: Theaterrequisiten (Robert Wilhite). Das gewinkelte Metallgeländer davor: ein Kunstwerk (Will Stuart nach Michelangelo Pistoletto). Die Angelegenheit insgesamt ist Teil von The Peacock, einer fortlaufenden Gruppenschau der Abteilung für angewandte Kunst des Kunstvereins. Sie wird auf Einladung des Kunstverein-Leiters Krist Gruijthuijsen bis Ende 2013 von Kurator Tirdad Zolghadr betreut.

Die Box gehört aber auch zur "Members Library" des Kunstvereins, die von der britischen Architektin Céline Condorelli und dem Designer Harry Thaler gebaut wurde. Das prominente Hauptobjekt dieser Bibliothek ist eine Holzstruktur im Eingangsraum vor allem für von Kunstvereinsmitgliedern gestaltete Bücher. Die Trisha-Brown-Videos werden von der "Members Library" als Teil eines Projekts präsentiert, in dem Körper-Abstraktionen als kollektive Praxis untersucht werden.

Das Abstraktionsthema führt zu der Personale von Doug Ashford. Aber nicht direkt. Denn erst sind da zwei schlanke Säulen aus weißen Marmor-Elementen: Column Untitled von Germaine Kruip. Zur Herbst-Eröffnung zeigte Kruip auch die Performance A possibility of an abstraction: Circle Dance, bei der die für die Säule verwendeten geometrischen Formen auch als Derwisch-Tanz sichtbar wurden. Der Tanz fand im zweiten Raum des Kunstvereins statt, in dem ein großer brauner Wollteppich mit Rechteck-Muster von der Decke hängt: eine Arbeit von Sarah Browne in Auseinandersetzung mit der berühmten irischen Innenarchitektin und Designerin Eileen Gray (1878-1976), der auch ein Leporello-Buch und ein in Morse-Lichtzeichen übersetztes Gedicht hinzugefügt sind.

Die Leuchtstoffröhre dafür wird nur auf Nachfrage eingeschaltet und ist leicht zu übersehen. Ebenso unauffällig bleibt ein Holzrahmen für ein A4-Blatt, auf dem der knappe Hinweis auf eine Diskussion zu lesen ist, die im Kunstverein stattgefunden hat: Ein Werk von Ian Wilson, der seine Arbeiten ausschließlich als mündliche, nicht dokumentierte Kommunikationsakte umsetzt.

Gemalte emotionale Muster

Und dann die Sterne. Sie blinken aus dem kleinen Gemälde Nocturne von Doug Ashford. Dieses Bild, eine Mischung aus Realismus und Abstraktion, ist das Programm für die kleine Personale des Mitglieds bei dem New Yoker Kunstkollektiv Group Material, das zwischen 1982 und 1996 aktiv war. Ashford gruppiert seine Gemälde zu "Familien". Er konfrontiert abstrakte Formen mit Wiedergaben von Zeitungsausschnitten - aber nicht als Spielerei, sondern immer wieder im Zugriff auf soziale und politische Ausnahmesituationen. Aus den Ausschnitten extrahiert der Künstler gemalte, emotionale Muster.

Jede Gesellschaft entwickelt ihre abstrakten Dynamiken. Die Scheu davor soll der Parcours durch die verschiedenen Elemente der vielgliedrigen Schau wohl auch verringern: Keine Angst vor Komplexität, denn du bist nicht allein! Jede Führung durch diese Verflechtungen ist auch eine reale soziale Interaktion: als "Performance" der Vermittlung. Sie erst öffnet das hintergründige Verwirrspiel auch den Nichtdetektiven. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 2.11.2013)

Bis 24. 11.

  • In der Ausstellung hängt der braune Teppich von der Decke, hier liegt er: Arbeit von Sarah Browne in Auseinandersetzung mit der irischen Innenarchitektin und Designerin Eileen Gray.
    foto: ros kavanagh

    In der Ausstellung hängt der braune Teppich von der Decke, hier liegt er: Arbeit von Sarah Browne in Auseinandersetzung mit der irischen Innenarchitektin und Designerin Eileen Gray.

Share if you care.