Regentage in Taipeh

1. November 2013, 17:14
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Der taiwanesische Autorenfilmer Tsai Ming-liang erzählt in "Jiao you" eine fragmentarische Geschichte von Großstadtnomaden, die in notdürftigen Unterkünften nicht nur den äußeren Elementen, sondern auch ihrer inneren Zerrissenheit trotzen

 Der Mann steht wie angewurzelt an einer Straßenkreuzung unter einer Autobahnbrücke. Umtost vom Verkehr hält er ein an einer langen Stange montiertes Pappschild fest, auf dem ein Makler für Luxuswohnungen wirbt. Es regnet, der Wind reißt an der dünnen Haut der Plastikpelerine, der farbige Kunststoff flattert hörbar.

Der Mann, der sich als moderner Tagelöhner mitten in Taipeh verdingt, ab und zu hinter einem Bauzaun verschwindet, um zu rauchen, ist der namenlose Held von Tsai Ming-liangs Jiao you (Stray dogs). Verkörpert wird er von Lee Kang-sheng, der als Darsteller fix zum Werk des taiwanesischen Autorenfilmers gehört.

Der Mann in Jiao you hat zwei kleine Kinder, nachts zieht sich das Trio in eine aus Planen und Wellblech notdürftig zusammengebaute Unterkunft zurück. Ihre Tage verbringen Bub und Mädchen in öffentlichen Räumen, wo sie nicht weiter auffallen: in einer Mall oder in einem weitläufigen Megamarkt, wo immer etwas zur Verkostung angeboten wird.

Unerwartete Anteilnahme

Die Geschwister begegnen bei ihren Streifzügen einer Supermarktangestellten, die ebenfalls prekär lebt und die beginnt, Anteil am Schicksal der Kinder zu nehmen. Zwischen diesen vier Figuren (und einer fünften, von der nicht ganz klar ist, ob und wie sie zur Vergangenheit der Familie gehört) entspinnt sich nahezu wortlos eine fragmentarische, melancholische Großstadtgeschichte, die sich in einzelnen Situationen, langen statischen Aufnahmen verdichtet: Gewöhnliche Abläufe in Realzeit wechseln ab mit fast surrealen (Traum-)Szenen.

Im eigensinnigen, oft spröden und dann wieder überraschend poppigen Werk Tsais gehört Jiao you eher zu den traurigen Balladen (eine solche stimmt Lee Kang-sheng hier auch wiederholt an). Dabei entfaltet der Film jedoch eine Intensität und (er)findet Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Etwa von einem weitgehend offenen, abgerockten Raum, dessen Seitenwand die Skizze einer Flusslandschaft überzieht.

Dieses Setting, in dem einander Mann und Frau einmal lange stumm umarmen, kann man auch als Symbolbild für Tsais Werk nehmen: Das Wasser zieht sich als Element und Motiv durch sein gesamtes OEuvre. Dazu komplementär verhält sich die Architektur, die dem Einbruch von Flüssigkeit nicht standhält: Es tropft durch Dächer und Zwischendecken. Das Haus hat geweint, heißt es einmal in diesem sehenswert seltsamen Film. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 2./3.11.2013)

  • 2. 11., Gartenbau, 18.00
  • 3. 11., Stadtkino, 11.00
  • Frau und Kinder finden aneinander Halt im strömenden Regen und in einer Erzählung von den Deklassierten der Großstadt: Tsai Ming- liangs zehnter Kinofilm, "Jiao you".
    foto: viennale

    Frau und Kinder finden aneinander Halt im strömenden Regen und in einer Erzählung von den Deklassierten der Großstadt: Tsai Ming- liangs zehnter Kinofilm, "Jiao you".

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