's Drießg-Minuta-Hüsle

1. November 2013, 17:48
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In Krumbach, Vorarlberg, wartet man nicht nur auf den Bus, sondern auch auf sieben neue Buswartehäuschen. Das Projekt wirft eine Frage auf: Ist das Kunst oder Architektur?

7.53 Uhr. Um eine Minute den Bus nach Bregenz verpasst. Hargozack no amol! In wenigen Monaten, so wollen es die Projektinitiatoren, wird diese Situation keine unangenehme mehr sein. Denn ab März werden in Krumbach im Bregenzerwald ein paar Architekturpreziosen in die Landschaft gestellt, die nicht nur die Bautypologie Buswartehäuschen revolutionieren, sondern auch dafür sorgen sollen, dass man die kommenden 29 Minuten, bis der nächste bienemajafarbene Landbus daherkommt, mit um sich blickendem und holistisch wahrnehmbarem Raumgenuss verbringen kann.

"Bus:Stop Krumbach", so der offizielle Name, ist eine Privatinitiative der 977-Seelen-Gemeinde Krumbach, die mithilfe von Geld- und Sachspenden sieben slicke, in jeder Hinsicht hirnbegabte Buswartehäuschen-Entwürfe aus aller Welt in die Realität umsetzen will. Und das mitten auf dem Land, bisweilen sogar mitten im Nirgendwo. Ziel dieser Initiative ist es, den öffentlichen Verkehr, der in Vorarlberg traditionell eine außergewöhnliche, weil allseits beliebte Position einnimmt, noch stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Und zwar nicht nur im Landbusland, sondern überregional.

"Mit 30.000 Einwohnern ist der Bregenzerwald verhältnismäßig dünn besiedelt", sagt der Krumbacher Bürgermeister Arnold Hirschbühl. "Und doch gelingt es, dass der Landbus in Stoßzeiten im Halbstundentakt die Gemeinden anfährt, in Randzeiten immerhin noch einmal pro Stunde. Das gibt es im ländlichen Raum sonst nirgendwo." 6,9 Millionen Fahrgäste nutzen den Bregenzerwälder Landbus pro Jahr, wie Daniela Kohler, Geschäftsführerin der Regionalentwicklung Bregenzerwald GmbH, mitteilt: "Die neuen Wartehäuschen, die wir im Frühjahr bekommen werden, sind nicht nur ein Marketing-Instrument für uns, sondern auch ein media- ler Impuls, das Privatauto ruhig auch einmal zu Hause stehen zu lassen."

Noch 17 Minuten. Die treibende Kraft hinter dem Projekt ist Kurator Dietmar Steiner vom Architekturzentrum Wien. Gemeinsam mit dem Verein Kultur Krumbach, dem Vorarlberger Architekturinstitut (vai), dem Kunsthaus Bregenz und rund 150 sponsernden Unternehmen aus der Region machte er es möglich, sieben Architekten aus aller Welt einzuladen und ihnen einen Entwurf für ein Wartehüsle zu entlocken. Als Belohnung gab's eine Woche Ländle-Urlaub.

"Die Vorarlberger Baukünstler der dritten Generation sind bereits so verfeinert und fast schon dekadent in ihrer Perfektion, dass wir uns dachten, ein bissl Schmutz und Irritation von außen wird den millimetergenau denkenden und auf höchstem Niveau agierenden Architekten schon guttun", sagt Steiner. Doch was dann kam, 14 Minuten, stellte sich als globalisierter Kulturschock heraus.

"Dieses Vorarlberg scheint international schon so eine einschüchternde Vorbildwirkung zu haben, dass sogar ein Alexander Brodsky aus Russland, der bisher nur Baumstämme mit Kabelbindern zusammenimprovisiert hat, plötzlich mit millimetergenau gezeichneten CAD-Plänen für einen zweigeschoßigen Warteturm dahergekommen ist", so Steiner. Die anderen Entwürfe, die kürzlich im Kunsthaus Bregenz (siehe Foto) präsentiert wurden, sind um keinen Deut unpräziser.

Genießen, bis der Bus kommt

De Vylder Vinck Taillieu (dvvt) aus Gent entwarfen eine Skulptur aus dreieckigen, zusammengeschweißten Stahlplatten, Rintala und Eggertson (Bodø, Norwegen) schufen einen mit Lärchenschindeln verkleideten Hochsitz, in dem man nicht nur auf den Bus warten, sondern auch das benachbarte Tennisspiel verfolgen kann, das Madrider Ensamble Studio stapelte unbehandelte Eichenbretter zu einem räumlichen Etwas mit Sitzbank und Dach, Sou Fujimoto (Tokio) schuf eine acht Meter hohe, filigrane Stangenskulptur aus Holz und Stahl, die man auf wackeligen Stufen erklimmen kann und die laut Steiner "das wahrscheinlich schwierigste Projekt in der Umsetzung werden wird", und Pritzkerpreisträger Wang Shu aus Hangzhou, China, entwarf eine überdimensionale Camera obscura, in der man wie in einem alten Linhof-Ziehharmonika-Fotoapparat Platz nehmen und in die Landschaft hinausschauen kann. Bis der Bus kommt. Sieben Minuten.

Der einzige Entwurf, der jetzt schon im Maßstab 1:1 existiert, ist das gläserne Wartehäuschen des chilenischen Architekten Smiljan Radic. Inspiriert von den kleinen, gemütlichen Bregenzerwälder Stuben, transferiert er eine ebensolche hinaus in die freie Natur. Freilich nicht ohne dem Objekt die eines Architekten würdige Verfremdung überzustülpen. Die Wände sind aus Glas, die Bregenzerwälder Kassettendecke ist in Beton gegossen, und etwas entrückt ist am großen Hüsle noch ein kleines für die Vögel montiert.

"Von Anfang an haben mich die Holzstuben hier fasziniert, und gleichzeitig finde ich es berührend, wie in Vorarlberg Privatheit und Öffentlichkeit Hand in Hand gehen", sagt Radic im Gespräch mit dem Standard. "Aus diesem Grund wollte ich den ursprünglich intimen Privatraum in die Natur hinausstellen und für alle spürbar machen." Die handwerkliche Präzision ist rekordverdächtig, wohlgemerkt.

"Natürlich braucht man so ein Wartehäuschen nicht wirklich", sagt Dietmar Steiner. "Ein einfacher Unterstand mit Fahrplan und Logo tut's auch. Doch dieses Projekt markiert einen Ort. Und es ist ein Symbol für öffentlichen Nahverkehr." Und genau das ist der vielleicht einzige Kritikpunkt. Denn als Vorzeigebeispiel für künftige Buswartehäuschen zwischen Bregenzerwald und Seewinkel eignet sich Bus:Stop Krumbach - über das Budget wird vorerst noch geschwiegen - nur bedingt. "Ohne Sponsoring wäre das gesamte Projekt unverantwortlich und unfinanzierbar" , meint Bürgermeister Hirschbühl.

8.22 Uhr. Noch eine Minute. Und so wird Bus:Stop Krumbach bei aller Genialität als das in die Geschichte eingehen, was es ist: nicht als Architektur, sondern als Kunst im öffentlichen Raum auf höchstem Niveau und mit bester Netzwerkarbeit zwischen Creative Industry und regionalem Handwerk. 8.23 Uhr. Hinterm Waldrand biegt ein gelber Bus ums Eck. Das Warten hat ein Ende. Hargozack no amol! (Wojciech Czaja, Album, DER STANDARD, 2./3.11.2013)

  • "Von Anfang an haben mich die Bregenzerwälder Holzstuben fasziniert. Aus diesem Grund wollte ich den Privatraum in die Natur hinausstellen und für alle spürbar machen."
    foto: adolf bereuter

    "Von Anfang an haben mich die Bregenzerwälder Holzstuben fasziniert. Aus diesem Grund wollte ich den Privatraum in die Natur hinausstellen und für alle spürbar machen."

  • Der chilenische Architekt Smiljan Radic in seinem gläsernen Wartehüsle.
    foto: adolf bereuter

    Der chilenische Architekt Smiljan Radic in seinem gläsernen Wartehüsle.

  • Wie sich Architekten das Warten vorstellen: Ensamble Studio (E).
    foto: adolf bereuter

    Wie sich Architekten das Warten vorstellen: Ensamble Studio (E).

  • Rintala Eggertson (N).
    foto: adolf bereuter

    Rintala Eggertson (N).

  • Alexander Brodsky (RUS).
    foto: adolf bereuter

    Alexander Brodsky (RUS).

  • Sou Fujimoto (JP).
    foto: adolf bereuter

    Sou Fujimoto (JP).

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