Vom Leben nach dem Alpine-Tod

Reportage3. November 2013, 11:57
9 Postings

Bei der insolventen Alpine Bau kommt alles unter den Hammer. Auf einer der größten Auktionen, die es online in Europa je gab

Trumau - "Vor einem halben Jahr hat hier noch das Leben pulsiert, und dann war von einem Tag auf den anderen alles aus", erzählt Günther Seblatnig. Er war Leiter des größten Bauhofs der pleite gegangenen Alpine im niederösterreichischen Trumau. Die Alpine hatte zehn solcher Bauhöfe in ganz Österreich, jetzt sind es noch vier. Bauhöfe sind sozusagen das Hinterland von Baugesellschaften, wo Geräte und Maschinen lagern, die auf den Baustellen gerade nicht gebraucht werden. Hier gibt es Ersatzteile, in den Werkstätten werden die Gerätschaften gewartet oder repariert.

Für Seblatnig sind es die letzten Tage am Bauhof Trumau mit seinen 45.000 Quadratmetern. Hier waren bis vor einem halben Jahr noch 65 Mitarbeiter beschäftigt, bis auf zehn haben alle einen neuen Job gefunden. Einige wenige arbeiten derzeit mit dem Online-Auktionshaus Karner & Dechow zusammen. Selbiges wurde vom Masseverwalter mit der Versteigerung der gesamten Alpine-Mobilien in Österreich betraut. Die Zahlen sind beeindruckend: 39.000 Baugeräte und 2500 Autos kommen unter den virtuellen Hammer. Jene 250 Fahrzeuge, die nicht von anderen Baufirmen mitübernommen wurden, werden gerade versteigert.

Die Alpine ist die bisher größte Pleite der Zweiten Republik. Und für Herbert Karner, Geschäftsführer des Auktionshauses, eine der größten Online-Industrie-Auktionen, die es in Europa je gab. Karner, der auch alles Verwertbare aus der Maculan-Pleite zu Geld gemacht hat: "Maculan war nur ein Zehntel so groß wie die Alpine."

Bei der einst zweitgrößten österreichischen Baugesellschaft standen im Juni von einem Tag auf den anderen 1270 Baustellen still. Im besten Fall übernahmen andere Baufirmen die Alpine-Baustellen, samt Mannschaft und Ausrüstung. Wenn es passte, wurde auch der eine oder andere der vormals zehn Bauhöfe zur Gänze - also inklusive Immobilie, Werkstatt und Geräten - übernommen.

Resteverwertung

Nicht dabei war, zum Beispiel, der Bauhof in Wals bei Salzburg. Dort wurden inzwischen alle Geräte versteigert. Karner hofft nun auf einen Käufer für das Magazin, die Werkstatt und die Immobilie. In Klagenfurt wird ein Käufer gesucht, der den Bauhof samt Werkstätte übernimmt. Was nun noch bleibt, sind die Bauhöfe Trumau, Eggersdorf bei Graz und Asten bei Linz.

Die rund 2700 Gerätschaften in Trumau wurden von Montag bis Mittwoch in der ersten von zwei Online-Auktionen versteigert. Feilgeboten wurden unter anderem eine 60 Tonnen schwere Brecheranlage, die im Steinbruch zum Einsatz kommt. Tonnenschwere Steine werden oben hineingehievt, dann zerkleinert und kommen unten als Kieselsteine wieder heraus. Der Ausrufungspreis lag bei 237.000 Euro, den Zuschlag gab es dann für 397.000 Euro. Ein Grader, der bei der Straßenbegradigung zum Einsatz kommt und, über Satellit gesteuert, für gerade Flächen sorgt, ging um 150.000 Euro weg. Ausgeschrieben war das Gerät mit 80.000 Euro - neu kostet es 500.000 Euro.

Verrechnet wird gegen Vorauskassa. Zum Kaufpreis kommen noch 20 Prozent Mehrwertsteuer und zehn Prozent Honorar für das Auktionshaus.

Egal ob Kompressoren, Bagger, Straßenwalzen, Schalungen, Gerüste, Container: Alles ging weg, Zuvor hatten die Interessenten eine Woche lang Gelegenheit, die Gegenstände inklusive zahlreicher Bohrmaschinen, Mischmaschinen, Kabel für Heimwerker zu besichtigen.

Online-Anfragen kamen laut Karner aus der ganzen Welt, "von Hawaii bis Neuseeland, Südamerika, Asien". Es habe fast kein Land gegeben, das nicht vertreten war. "Ich bin seit 25 Jahren in der Branche tätig, aber so etwas habe ich noch nie gesehen", schildert Karner. Allein am ersten Versteigerungstag vom Bauhof Trumau wurden Geräte um 3,2 Mio. Euro versteigert, die Grenze, unter der man nicht verkaufen wollte, lag bei 2,2 Mio. Euro. Am Mittwoch waren dann 4,5 Mio. Euro zusammen. Insgesamt waren an den Auktionstagen täglich rund 6200 Besucher auf der Homepage von Karner & Dechow unterwegs - an Normaltagen, ohne Alpine, sind es 1000 bis 2000.

Schnäppchen

Dass einer mitsteigert und dann nicht zahlt, komme so gut wie nie vor, erzählt der Auktionator. Die Ausfallquote liege bei unter einem Prozent. Für den Käufer zahle sich das Mitbieten aus: Geboten werden Schnäppchen, zum Teil Geräte mit Neuwert. "Über alles gerechnet, bekommt man gut gepflegte Geräte zwischen fünf und zehn Jahren zu einem Drittel des aktuellen Neupreises", so Karner.

Der Weg bis zur Versteigerung war ein Rund-um-die-Uhr-Job. Alles Mobile musste dokumentiert, nummeriert, fotografiert und für die Homepage aufbereitet werden. Und das geschah innerhalb von zwei bis drei Monaten nach der Konkurseröffnung am 19. Juni.

Die Ausschreibungspreise wurden von Karner & Dechow festgesetzt und von einem gerichtlichen Sachverständigen begutachtet. Wie schon bei Maculan waren zu Beginn enorme Hürden zu überwinden, denn das Anlage verzeichnis über die Gerätschaften war falsch. Umgekehrt war Karner von der Motivation der Alpine-Mitarbeiter auf dem Bauhof Trumau überrascht. Dort erhielt sein Team engagierte Unterstützung.

Für den 52-jährigen Bauhof-Leiter Seblatnig, der seit den 1970er-Jahren bei der Universale arbeitete, die später von der Alpine gekauft wurde, beginnt am Montag ein neues Leben: Er tritt einen neuen Job an - bei der Strabag. (Claudia Ruff, DER STANDARD, 2.11.2013)

  • Kräne sind bei den Auktionen sehr begehrt. Sie werden um 20.000 bis 200.000 Euro versteigert. Ein Raupenkran ging um 120.000 Euro weg.
    foto: standard/regine henrich

    Kräne sind bei den Auktionen sehr begehrt. Sie werden um 20.000 bis 200.000 Euro versteigert. Ein Raupenkran ging um 120.000 Euro weg.

  • Herbert Karner (li.) vom gleichnamigen Auktionshaus versteigert, Günther Seblatnig, bis vor kurzem Bauhof-Leiter in Trumau, half mit.
    foto: standard/regine henrich

    Herbert Karner (li.) vom gleichnamigen Auktionshaus versteigert, Günther Seblatnig, bis vor kurzem Bauhof-Leiter in Trumau, half mit.

  • Dieser Zweiwegebagger wird im Bahnbau eingesetzt, er fährt auf Bahnschienen wie auf der Straße.
    foto: standard/regine henrich

    Dieser Zweiwegebagger wird im Bahnbau eingesetzt, er fährt auf Bahnschienen wie auf der Straße.

Share if you care.