Neues "Tatort"-Team aus Erfurt: Tabletten statt Revolution - Top oder Flop?

Ansichtssache3. November 2013, 17:48
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Die ARD ist nicht unbedingt dafür bekannt, gegen den Strom zu schwimmen – und jetzt das: Während die Gesellschaft älter wird, beginnt in Erfurt das jüngste "Tatort"-Team aller Zeiten seine Ermittlungen. Das soll junge Zuschauer ansprechen. Die angehende Staatsanwältin Johanna Grewel (Alina Levshin) hat deshalb nicht nur ein Smartphone – sie twittert auch. Sogar während der Ausstrahlung des Tatort: "Kalter Engel" am Sonntag auf ARD und ORF 2!

foto: orf/ard/marcus goldhahn

"Krass", würden dazu ihre Kollegen, die Kommissare Henry Funck (Friedrich Mücke) und Maik Schaffert (Benjamin Kramme) sagen. Die essen am liebsten Pizza und lagern im Kühlschrank hauptsächlich Bier und Energy Drinks – wie das junge Leute halt so machen.

Erst bringen die beiden (von der Kriminaldirektorin gern Max und Moritz Genannten) in Räuber-und-Gendarm-Manier einen Frauenmörder zur Strecke, bald aber führen die Ermittlungen in die Erfurter Studentenschaft.

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Ob man sich damit bei der Zielgruppe beliebt macht, ist jedoch fraglich. Die Nachfahren Rudi Dutschkes sind hier alles andere als revolutionär und frei, eher ein Abbild der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind: berechnend und zwanghaft, unpolitisch und egozentrisch.

Ihrem gestrengen Bachelorstundenplan können sie nicht mehr als selbstmitleidiges Gejammere und Verhaltensauffälligkeiten infolge übermäßigen Aufputschmittelkonsums entgegensetzen.

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Angesichts prekärer Finanzlage arbeiten sie als Callgirls, erpressen ihre Freier und verchecken die Tabletten, die ihre Kommilitonen brauchen, um mithalten zu können. Das Getwittere hätte man sich auch sparen können. Es gibt eh nicht mehr zu sagen als: krass. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 4.11.2013)

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"Bereits in den ersten Minuten der ersten Episode des aggressiv auf jung getrimmten Erfurter 'Tatort' werden sämtliche Hoffnungen auf ein neues interessantes TV-Revier zunichte gemacht", urteilt Christian Buß im "Spiegel".

"Ein sehr dünner 'Tatort', den die Schauspieler nicht retten können. Die tolle Alina Levshin spielt die Polizeipraktikantin: eine Figur immerhin, die im Laufe der Episode wächst", schreibt Holger Gertz in der "Süddeutschen Zeitung", "der Rest ist leider nicht Schweigen, der Rest sind ein paar Wimpel von Rot-Weiß Erfurt und: Filmmusik. Dauernd wird Süßliches druntergeklimpert oder Bedrohliches drübergefiedelt, über eine Story, die in ihren Verzweigungen nicht neu ist".

Wie hat Ihnen dieser "Tatort" mit dem neuen Team aus Erfurt gefallen? Top oder Flop? (red, derStandard.at, 3.11.2013)

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