"Ich nagle deine Zunge fest": 1.700 Jahre alter Bannfluch entdeckt

31. Oktober 2013, 22:43
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In einer spätrömischen Villa in der Davidsstadt stieß man auf Spuren eines Konfliktes, der mit okkulten Mitteln ausgetragen wurde

Jerusalem - Ein aktueller Fund hat Historiker in Jerusalem auf die Spur einer 1.700 Jahre alten Auseinandersetzung gebracht, die offensichtlich mit allen Mitteln ausgetragen wurde: Archäologen entdeckten in den Ruinen einer ehemals imposanten römischen Villa eine Bleitafel mit teilweise martialischen Verwünschungen; angefertigt wurde die Fluch-Tafel vermutlich von einem Zauberer - und sie dürfte eine Auftragsarbeit gewesen sein.

Der frühere herrschaftliche Wohnsitz, dessen Überreste von Mitarbeitern der israelischen Altertümerbehörde freigelegt werden, liegt in der Davidsstadt am Fuße des Tempelbergs, einem der ältesten besiedelten Teile Jerusalems. Die Villa mit zwei aneinander grenzenden Atrien erstreckte sich ursprünglich über mehr als 2.000 Quadratmeter und stammt aus dem späten dritten Jahrhundert. Im Jahr 363 wurde das Anwesen von einem schweren Erdbeben zerstört.

Kyrillas magischer Beistand im Streit mit Iennys

Der in der Ruine entdeckte Text ist in altgriechischer Sprache verfasst und erwähnt eine Frau mit dem Namen Kyrilla. Die Historiker gehen davon aus, dass sie der römischen Oberklasse angehörte und den Magier - vermutlich im Rahmen eines Rechtsstreits mit einer Person namens Iennys - mit der Erschaffung der Fluchtafel beauftragte. In der Inschrift erfleht Kyrilla den Beistand von gleich mehreren Göttern aus unterschiedlichen Kulturkreisen und Religionen mit dem Ziel, jeglichen Widerstand von Iennys ihr gegenüber zu brechen.

Bei der Untersuchung der zu einem Amulett gefalteten Bleitafel wurde Robert Walter Daniel vom Institut für Altertumskunde der Universität Köln zu Rate gezogen. Der führende Papyrologe und Epigrafiker, fand heraus, dass auf dem Täfelchen Kyrilla ihren Gegenspieler mit einem Bann belegt.

Die Übersetzung des Fluchtextes lautet sinngemäß: "Komm zu mir, der du in der Erde wohnst, Unterwelt-Dämon, der herrscht und bindet, Abrasax. Komm, Hekate, Königin in dreierlei Gestalt, Ereschkigal. Komm zu mir, König Pluto, bei deinem großen Namen Yesemmigadon. Kommt zu mir, Hermes und Pluto und Königin Persephone aus der Unterwelt. Ich schlage und schlage hernieder und nagle die Zunge, die Augen, den Zorn, die Wut, den Groll, die Verzögerung und den Widerstand von Iennys, den der Mutterleib hervorgebracht hat, sodass er in keiner Weise mehr Hindernis sei, sodass er nicht spricht oder handelt gegen Kyrilla, die der Mutterleib hervorgebracht hat, sondern, dass vielmehr Iennys, den der Mutterleib hervorgebracht hat, ihr unterworfen sei. Herrin Phersephoneia, erfülle diesen vollkommenen Zauber."

Sechs Götter und Dämonen aus vier Kulturkreisen

Offenbar um auf Nummer sicher zu gehen, ruft Kyrilla hier gleich sechs höhere Mächte zu Hilfe. Vier davon sind griechische Götter: Hermes, Persephone, Pluto and Hekate. Außerdem wendet sie sich auch an die mesopotamische Herrin der Unterwelt Ereschkigal. Schließlich erbittet sich Kyrilla auch noch den Beistand von Abrasax (auch bekannt als Abraxas), einem gnostischen Urwesen.

Die Altertumsforscher Daniel glaubt, dass Kyrilla im Rahmen des Zauberrituals tatsächlich Hammer und Nägel eingesetzt hat, um die Wirkung des Fluches zu verstärken. Ähnliche Praktiken sind noch heute aus der Voodoo-Religion bekannt. "Mit dem Hämmern und dem Einschlagen von Nägeln hat man damals versucht, Kontrolle über Personen zu erlangen, die als Ziel der magischen Texte auserkoren wurden", meint Daniel.

Am Ende musste die gefaltete Bannschrift als Amulett zwischen den Besitztümern des Verfluchten versteckt werden, damit der Zauber wirkte. Dies lässt darauf schließen, dass Iennys im vierten Jahrhundert die römische Villa unter dem Tempelberg bewohnt hatte. Ob der Auftragszauberer mit seinem Bannfluch letztlich erfolgreich war und Kyrilla ihren Rechtsstreit gewann, ist leider nicht überliefert. (tberg, derStandard.at, 31.10.2013)

  • Rund 1.700 Jahre alt ist die Fluchtafel, die vermutlich ein Magier für eine Frau namens Kyrilla angefertigt hat. Der Bann richtete sich gegen einen Mann mit dem Namen Iennys, der vermutlich eine herrschaftliche Villa in Jerusalems Davidsstadt bewohnte.
    foto: robert walter daniel

    Rund 1.700 Jahre alt ist die Fluchtafel, die vermutlich ein Magier für eine Frau namens Kyrilla angefertigt hat. Der Bann richtete sich gegen einen Mann mit dem Namen Iennys, der vermutlich eine herrschaftliche Villa in Jerusalems Davidsstadt bewohnte.

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