Vielfalt vor dem Vorhang

3. November 2013, 18:43
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Der Diversity-Preis "meritus - lesbisch schwul ausgezeichnet" geht an drei Unternehmen, die fördern, was zwar schon längst Realität, aber noch lange nicht gesellschaftliche Normalität ist

"So normal wie Kaugummikauen" sollte es eigentlich sein, das wünscht sich Lukas Haider von der Boston Consulting Group. Dass es aber in vielen Unternehmen noch sehr zäh ist, das führt die Arbeitsrealität vor Augen. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der EU-Grundrechtsagentur stehen Homo- und Transphobie in vielen Büros noch auf der Tagesordnung. 19 Prozent der befragten Homosexuellen und Transgender gaben an, im Berufsleben mit Ausgrenzung und Diffamierung konfrontiert zu sein. In Österreich outen sich gegenüber allen Arbeitskollegen nur 23 Prozent der Homosexuellen, 17 Prozent verzichten überhaupt drauf. Zahlen, die alarmieren. Nicht zuletzt deswegen existieren Preise wie der "meritus - lesbisch schwul ausgezeichnet". Das Ziel ist, damit ein Klima der Vielfalt zu schaffen. Persönliche Katastrophen infolge von Diskriminierungen sind nur eine Komponente, der ökonomische Nutzen ist eine andere, denn: Diversity zahlt sich auch finanziell aus. Das belegen Studien.

Drei Firmen ausgezeichnet

Beim "meritus" werden österreichische Firmen vor den Vorhang geholt, die sich in der Diversity-Dimension sexuelle Orientierung engagieren. Vergeben wird der Preis von der agpro (austrian gay professionals) und den QBW (Queer Business Women). In der Kategorie über 250 Mitarbeiter wurde die Med-Uni Wien prämiert, im Segment unter 250 Beschäftigte dürfen sich die Boston Consulting Group und die Agentur Brainworker über die Auszeichnung freuen.

Ein Baustein im Maßnahmenkatalog der weltweit agierenden Boston Consulting Group ist das LGBT-Netzwerk (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender). Eine Initative, die als Stütze beim Vernetzen fungiert, wie Lukas Haider, Principal beim Unternehmen, erklärt. Neben regelmäßigen Treffen gehört auch ein Mentoringprogramm zu den Aktivitäten. Mitarbeiter helfen einander - etwa beim Thema Outing am Arbeitsplatz. Ob sich jemand outet, sei letztendlich eine Entscheidung auf persönlicher Ebene, in der Firma werde es unterstützt, versichert Haider: "Ich habe nur gute Erfahrungen damit gemacht." Ermunternde Signale, betont er, müssten von der Führungsebene ausgehen: "Es muss eine Kultur geschaffen werden, die es als Nichtthema positioniert."

Gezieltes Recruiting

Neben dem Netzwerkgedanken sei Diversity konkret in der Personalplanung verankert. Recruiting finde gezielt in LGBT-Gruppen statt, zum Beispiel auf Universitäten oder Karrieremessen. Ein weiterer Aspekt: "Jeder Mitarbeiter erhält bei uns eine Lebensversicherung", sagt Haider, "Begünstigte können auch gleichgeschlechtliche Partner sein." Auch beim Thema Pflegeurlaub gebe es keine Unterschiede zwischen hetero- und homosexuellen Paaren.

"Sensibilisierung und Sichtbarmachung des Themas" sind für Karin Gutiérrez-Lobos, Vizedirektorin der Med-Uni Wien, die wichtigsten Anliegen. Den "meritus" gewann die Uni mit Maßnahmen wie der Installierung einer Regenbogengruppe, Beteiligung an Veranstaltungen wie der "Pride Week" und speziellen Coachings für Führungskräfte. "Als Uni haben wir den gesellschaftlichen Auftrag, gegen Diskriminierung zu kämpfen", sagt sie. Von einem Klima der Toleranz, das innerhalb der Belegschaft herrsche, profitierten später auch die Patienten: "Wir schaffen ein besseres Verständnis."

Naturgemäß viel mit dem Thema zu tun hat die Agentur "Brainworker", sie ist auf Diversity-Marketing spezialisiert. Für Inhaber Manuel Bräuhofer ist der "meritus" eine besondere Auszeichnung: "Unsere Aufgabe ist es, Vielfalt zu managen, das leben wir auch intern." Etwa mit einer im Leitbild verankerten Antidiskriminierungsrichtlinie oder mit Boykott von Lieferanten, die Diskriminierungen tolerieren. Gegründet hat er die Agentur, um mit Stereotypen in der Werbung aufzuräumen, wie er sagt: "Diversität wird in Spots oder auf Sujets noch viel zu selten transportiert." (Oliver Mark, DER STANDARD, 2./3.11.2013)

  • Je vielfältiger, desto besser: Studien belegen, dass Unternehmen von gemischten Teams profitieren.
    foto: istockphoto.com / emrah_oztas

    Je vielfältiger, desto besser: Studien belegen, dass Unternehmen von gemischten Teams profitieren.

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