"Griechenland ist nicht so unterhaltsam wie Real"

Interview11. November 2013, 09:33
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Die UEFA will wirklich das entfesselte Finanzkapital im Fußball bremsen. Sportökonom Bernd Frick ist skeptisch

derStandard.at: Astronomische Ablösesummen gehen in jüngster Vergangenheit mit astronomischen Schulden der Vereine einher. Ist der Fußball in der Phase der "spätrömischen Dekadenz" angekommen?

Bernd Frick: Das würde ich nicht behaupten. Es ist aber überraschend, dass eine Branche, in der es Geld vom Himmel regnet wie in keiner anderen, derartige Schulden anhäufen kann. Eine Regulierung wie es die FIFA mit ihren Financial-Fair-Play Regeln vorsieht, ist längst überfällig.

derStandard.at: Ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis die 91-Millionen-Euro-Marke von Gareth Bale deutlich überschritten wird?

Frick: Davon ist auszugehen. Als ein deutscher Spieler erstmals eine Million Mark Ablöse gekostet hat, haben die Auguren auch den Untergang des Abendlandes an die Wand gemalt. Die Spielergehälter haben sich in gleichem Maß verändert wie die Fernsehgelder. Die Vereine geben das aus, was sie einnehmen und in manchen Fällen natürlich ein bisschen mehr.

derStandard.at: Allein die 20 britischen Erstligisten haben in diesem Sommer für 742 Millionen Euro Spieler erworben. Deutsche Bundesligisten investieren 270 Millionen, Italiens Serie A und Spaniens Primera División sogar jeweils rund 400 Millionen Euro. Spaniens Clubs sind mit 3,6 Milliarden Euro verschuldet. Eine Blase, die platzen kann?

Frick: Natürlich kann das passieren. Insbesondere wenn der spanische Fiskus damit beginnt, die ausstehenden Steuern und Sozialversicherungsbeiträge der Vereine einzutreiben. Vor allem in Spanien gibt es eine politische Protektion die ungesund ist, weil sie negative externe Effekte auf Europas Fußball hat. Stichwort: "rat race".

derStandard.at: In Frankreich protestieren Vereine und Liga gegen die Reichensteuer, die Präsident Francois Hollande einführen will. Ist das ein richtiger Schritt oder kann eine Lösung für das Thema Steuern im Fußball nur europaweit erfolgen?

Frick: Die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Reichensteuer ist aus ökonomischer Sicht schwer zu beantworten. Die zusätzlichen Steuereinnahmen dürften überschaubar sein, die Wirkung auf die Öffentlichkeit und den Wähler ebenfalls. Wenn die französischen Klubs nach der Einführung dieser Steuer international konkurrenzfähig bleiben wollen, werden sie deutlich höhere Brutto-Gehälter zahlen müssen. Wie sie finanziell nachrüsten können, ohne die Financial-Fair-Play Regeln zu verletzen, weiß ich nicht. Der Wettbewerbsvorteil des AS Monaco, dessen Spieler nicht französischem Steuerrecht unterliegen, wird auf diese Art und Weise dramatisch verstärkt. Ob Hollande und seine Regierung heimliche Fans dieses Klubs sind?

derStandard.at: Zahlt der EU-Steuerzahler indirekt über spanische Rettungspakete auch für den Fußball? Zahle ich als Österreicher über den Umweg EU für Gareth Bale?

Frick: Ohne jeden Zweifel. Die Hausbank von Real, die für diesen Kredit gerade steht, wurde vor Jahren mit europäischen Mitteln gerettet. Der spanische Steuerzahler ist über die seltsamen Grundstücksdeals von Real mit der Stadt ebenfalls in der Haftung.

derStandard.at: Aufgeschrien wird in Europa nicht. Zahlt der europäische Steuerzahler lieber für ein Fußball-Fass ohne Boden in Madrid als für Griechenland?

Frick: Griechenland hat nicht so einen hohen Unterhaltungswert wie Real Madrid.

derStandard.at: Seit der Saison 2012/13 gelten die Regeln des "Financial Fair Play" bei der UEFA. Bauunternehmer in Spanien, Politiker in Italien oder Scheichs und Oligarchen in England dürfen maximal noch 15 Millionen Euro im Jahr als "equity injection", als Finanzspritze aus ihrer Privatschatulle, dazugeben. Eine wirksame Regelung?

Frick: Abwarten. Für die UEFA-Lizenz geht es um fußballbezogene Einkommen der Vereine, da gehören auch Grundstücksdeals nicht dazu. Das Problem wird in Zukunft virulent, wenn sich russische Großklubs, die von schrecklich reichen Menschen gesponsert werden, für die Champions League qualifizieren. Diese Leute kaufen dann 60.000 Eintrittskarten, die sie an Leute vor dem Stadion verteilen um Investitionen als Ticketverkäufe verkleiden zu können.

derStandard.at: Denken Sie an einen Verein wie Machatschkala?

Frick: Dort kommt ja nicht einmal ein Bruchteil des Geldes, das in die Mannschaft gesteckt wird, aus fußballbezogenen Einkünften. St. Petersburg arbeitet dagegen für russische Verhältnisse wahrscheinlich sensationell seriös.

derStandard.at: Bisher hat es eher kleinere Vereine wie Malaga oder Hadjuk Split erwischt. Ist das Zufall oder wird es einmal einen Großen erwischen? Oder gilt dasselbe Motto wie bei den Großbanken: "Too big to fail"?

Frick: Wenn die FIFA glaubwürdig bleiben will, muss sie Paris St. Germain mit den gleichen Maßstäben messen wie Malaga. PSG kann sich nicht mit Tickets und Fernsehgeldern finanzieren, sondern nur mit Geld aus Katar. Ob die UEFA bereit ist, ihr eigenes Produkt zu beschädigen, indem sie einen Großklub ausschließt, diese Nagelprobe steht noch aus.

derStandard.at: Quer durch Europa werden Sparpakete geschnürt, Staatshaushalte sind in der Krise. Im Fußball wird so viel Geld bezahlt wie noch nie. Muss man das als Normalbürger nicht als pervers empfinden?

Frick: Da bin ich mir nicht sicher. Schauen sie sich einmal die Gehälter von Hollywood-Schauspielern an. Die bewegen sich seit Jahrzehnten auf einem Niveau, das weit weg vom Normalen ist. Das Durchschnittsgehalt in der deutschen Bundesliga liegt bei 1,5 Mio. Euro pro Jahr. Brad Pitt bekommt 20 Mio. Euro pro Film. Ich bin immer zurückhaltend, wenn es darum geht die Gehaltsentwicklung im Fußball als exzessiv zu bezeichnen. Wir wissen, dass von jedem Euro, den die Vereine zusätzlich erlösen, 80 bis 90 Prozent auf den Konten der Spieler landen.

derStandard.at: Ist es oft ein zwanghafter Weg in den Ruin?

Frick: Das glaube ich nicht. Wenn man sich aber von den Erwartungen der Fans treiben lässt, kann es Probleme geben. Wenn der FC Köln zwei Spiele hintereinander gewinnt, gehen schon die Vorbestellungen für die Champions League-Tickets ein.

derStandard.at: Es kursieren Lösungsvorschläge. Beispielweise eine weit reichende Reform nach dem Vorbild der US-Ligen: Dort existiert kein freier Markt, Vereinswechsel kommen nur als Tauschgeschäft oder ablösefrei nach Vertragsende zu Stande. Was halten sie von einem derartigen Modell?

Frick: Ich lehne das US-System ab. Salary Caps sind in Europa wohl kaum durchsetzbar, weil sie schwer einzuhalten und noch schwerer zu überwachen sind. Ein Ausrüstervertrag mit einer großen Schuhfirma ist eine Gehaltssubvention für einen Athleten, wie soll das kontrolliert werden? Die Los Angeles Lakers sind scheinbar ein preiswertes NBA-Team, weil Sponsoren den Spielern Villen in Malibu zur Verfügung stellen. Die Beschränkung der Mobilität von Spielern ist außerdem mit EU-Recht nicht vereinbar, das hat das Bosman-Urteil angeprangert. Für Fußball-Profis sollten die gleichen Rechte gelten wie für einen normalen EU-Arbeitnehmer.

derStandard.at: Die Fußball-Profis von Manchester City sacken weltweit die üppigsten Gagen im Vereinssport ein, 120.000 Euro pro Woche. Wie verkauft man das den Fans, die schließlich indirekt einen Teil der Spielergehälter zahlen?

Frick: Das scheint relativ leicht zu gehen. Wenn sie bei Man City eine Jahres-Karte kaufen wollen, kommen sie auf eine Warteliste und kriegen frühestens in 20 Jahren ein Ticket. Die Nachfrage nach Sport und Unterhaltung ist so groß, dass sich keine Kritik regt. Das kann man gut oder schlecht finden, ist aber nicht der Punkt. Als Ökonom kann ich darauf schauen, was die Leute sagen und was sie tun. Und aus dem was sie tun, schließe ich auf ihre Intention. Das zählt.

derStandard.at: Müssen aus ökonomischer Sicht die Eintrittspreise so lange angehoben werden, bis ein Platz im Stadion frei bleibt?

Frick: Als Ökonom würde ich das sofort unterschreiben. Aber für die Klubs geht es nicht nur darum, die Preiselastizität der Nachfrage auszutesten. Sie bieten laut eigener Aussage mehr als nur ein Spiel an. Wenn die Karte zu teuer ist, werden keine Merchandising-Artikel mehr gekauft. Wenn Plätze im Stadion leer bleiben, wird das Stadion unattraktiver für werbende Firmen, die Fernsehgelder sinken. Nicht nur die Nachfrage nach Tickets spielt eine Rolle.

derStandard.at: Gibt es eine Schmerzgrenze für die Menschen oder wird sich dieses Karussell noch lange weiterdrehen?

Frick: Laut Aussagen von Fanklubs sind wir ganz nahe dran an der Schmerzgrenze. Wenn wir uns aber anschauen, welche Kartenbestellung für ein Revier-Derby Schalke gegen Dortmund oder für ein WM-Spiel eingehen, dürften wir von der Schmerzgrenze noch weit entfernt sein.

derStandard.at: Wie sieht das Publikum der Zukunft aus? Wenn normale Leute, quasi der Plebs, nicht mehr ins Stadion gehen können.

Frick: Die englische Premiere League hat durch Ticketerhöhungen gezeigt, dass man eine bestimme Problem-Klientel vom Stadion weghalten kann. In Italien gibt es noch billige Tickets und einen rechtsradikalen Pöbel, der letztlich dafür sorgt, dass viele Familien nicht mehr kommen. Eine wichtige Kennzahl ist die Stadionauslastung und die liegt in England bei über 90 Prozent. Der Stadionbesuch ist dort aber doppelt so teuer wie in Deutschland und auch Pay-TV kostet doppelt so viel. Sky träumt von englischen Zahlen in Deutschland. Die Frage der Wertschätzung beantwortet sich von selbst.

derStandard.at: Wie lange wird es noch Geld regnen in der Branche?

Frick: Ich flüchte mich in ein Bonmot: Für Erklärungen ist es zu spät, für Prognosen ist es zu früh. Die größte Unbekannte sind die Erlöse aus den Fernsehgeldern. Je stärker diese steigen, desto mehr Auswirkungen werden sie auf den Fußball haben. (Florian Vetter, DER STANDARD, 11. November 2013) 

Zur Person:

Bernd Frick ist Wirtschaftsprofessor an der deutschen Universität Paderborn. Im Bereich der Sportökonomie hat der 55-Jährige vielfach zu den Besoldungsstrukturen im Profifußball publiziert.

Links:

Das UEFA Financial Fair Play kurz erklärt anhand des englischen Fußballs

Das gesamte Regelwerk

  • Wie neurreiche Fußballvereine in Zukunft ihre Abhängigkeit von Investoren verringern wollen, ist auch Sportökonom Bernd Frick ein Rätsel.
    foto: bernd frick/universität paderborn

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  • Ein kickender Kredit für alle EU-Bürger: Gareth Bale. 
    foto: reuters/vera

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