Lindner und die "Flugrichtung des Heiligen Geistes in Niederösterreich"

Ansichtssache31. Oktober 2013, 15:39
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Wien - Den ORF-Stiftungsräten wird General Alexander Wrabetz am 14. November berichten, wie Vorgängerin Monika Lindner ihrem Lebensgefährten Werbeaufträge über kolportierte zwei Millionen zuschanzte.

Wrabetz muss wohl auch erklären, wie er als (weisungsgebundener) Finanzdirektor des ORF Lindners Vergaben zusah. Er will damals nicht gewusst haben, dass Günter Lebisch ihr Lebensgefährte war. Auch der heutige ORF-Finanzdirektor kann Wissen über Lindner beisteuern: Richard Grasl wurde 1998 Chef vom Dienst und TV-Moderator im Studio Niederösterreich, als Monika Lindner dort Direktorin wurde.

Lindner über ihre ORF-Karriere im Dunstkreis der Politik

Lindner spricht in einem demnächst erscheinenden Buch offen über ihre ORF-Karriere im Dunstkreis der Politik. Wolfgang Schüssel und Willhelm Molterer hätten ihre Wiederwahl im Jahr 2006 "verbockt", die "Flugrichtung des Heiligen Geistes" in Niederösterreich bestimme Erwin Pröll, und Werner Faymann hatte "Angst" vor Gerhard Zeiler, so Lindner, die zuletzt wegen ihres umstrittenen Einzugs als wilde Abgeordnete ins Parlament und der Auftragsvergabe an Werber Günter O. Lebisch im Fokus der Öffentlichkeit stand.

foto: orf/milenko badzic

In dem im Haymon Verlag von der "Tiroler Tageszeitung", dem ORF Tirol und den Casinos Austria herausgegebenen Band "Tirol lebendig erinnert - Zeitzeugen im Gespräch" lässt Lindner jedenfalls keinen Zweifel darüber aufkommen, dass ihr berufliches Schicksal von der Politik, insbesondere der ÖVP, bestimmt war. Am Anfang ihres Aufstiegs stand der Name Erwin Pröll.

"Nicht unflott" intrigiert

Dabei hatte der niederösterreichische Landeshauptmann Lindner zunächst als Landesdirektorin abgelehnt, als diese vom damaligen ORF-Generalintendanten Gerhard Zeiler für die Position ins Spiel gebracht worden war. "Viele haben gegen mich intrigiert, das war nicht unflott", so Lindner. Und Pröll habe jedes Mal Nein gesagt, wenn Zeiler ihren Namen genannt hatte. Ein Mittagessen mit dem mächtigen Landeschef und ÖVP-Politiker drehte schließlich die Stimmung. "Der Pröll erzählt heute noch gern, dass er danach seinen engsten Mitarbeiter angerufen und ihm gesagt hat, er sei der schlimmsten Intrige aufgesessen: Rufen's den Zeiler an uns sagen Sie ihm, ich will jetzt die Lindner."

Bild: Das Landesstudio Niederösterreich empfängt Generaldirektorin Monika Lindner 2002 in St. Pölten: Chefredakteur Norbert Gollinger (li.), die Hand der Generaldirektorin hält Landeshauptmann Erwin Pröll (re.).

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foto: orf/hubert mican

Eiszeit nach Schlögl-Interview

1998 wurde die Nationalratsabgeordnete Landesdirektorin von Niederösterreich. Schon bald danach gab es den ersten Krach mit Pröll. Anlass war ein Interview mit dem damaligen Innenminister Karl Schlögl, laut Lindner ein "Intimfeind" Prölls. Nach der Geschichte "wurden wir vom Landeshauptmann und der Landesregierung geächtet", erzählt Lindner. "Wir haben einen Rüffel bekommen, was uns einfällt, den Schlögl zu interviewen und in Niederösterreich eine Geschichte über ihn zu machen. Wir sind zu keiner Pressekonferenz und keiner Veranstaltung mehr eingeladen worden. Es herrschte Eiszeit." Eines Tages sei sie dann von Pröll "zum Rapport" bestellt worden. "Wir hatten eine lange Aussprache unter vier Augen, wo ich versucht habe, dem Landeshauptmann klarzumachen, dass ich die Flugrichtung des Heiligen Geistes in Niederösterreich schon kenne, dass ich aber auch dem Rundfunkgesetz und damit der objektiven Berichterstattung verpflichtet bin. Es war ein langes Gespräch, sehr ernsthaft. Und seit damals habe ich keine Probleme mehr gehabt."

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foto: apa/herbert pfarrhofer

Über Hintertreppen ins Bundeskanzleramt

Im Herbst 2001 wartete dann der Posten des ORF-Generaldirektors auf Lindner. "Irgendwann hat mich der Erwin Pröll zu sich eingeladen und gesagt, Du, es kann sein, dass Dich der Schüssel fragt, ob Du nach Wien gehen willst." Der Anruf von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel kam laut Lindner knapp vor der Wahl im ORF-Stiftungsrat. "Ich habe ja gesagt. Und am nächsten Tag wurde ich über Hintertreppen ins Bundeskanzleramt eingeschleust. Damit mich ja niemand sieht, sonst wäre das gleich in der Zeitung gestanden."

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foto: heribert corn, corn.at

Die Amtszeit Lindners von 2001 bis 2006 war von Vorwürfen der ÖVP-Nähe und der Willfährigkeit gegenüber der schwarz-blauen Regierung begleitet. Sinnbild des Wechselspiels zwischen Politik und ORF waren damals ÖVP-Klubchef Wilhelm Molterer und das legendäre "Moltofon" sowie Fernseh-Chefredakteur Werner Mück. Lindner: "Der Molterer ist nie an mich herangetreten. Der hat ganz sicher den Mück angerufen. Und wie ich den Mück gestellt habe, hat der das bestritten. Ich bin aber überzeugt, dass es da eine ganz enge Kommunikation gab."

"Alle machen, was sie wollen"

Als Generaldirektorin sei sie aber ohnehin nicht die richtige Anlaufstelle für Interventionen gewesen. "Der politische Einfluss findet auf der mittleren Ebene statt, auf der Ebene der leitenden Redakteure, Chefredakteure und Chefs vom Dienst, dort, wo über die Inhalte entschieden wird. Die Spitze bekommt das nur selten mit. Und wenn du dann anrufst und sagst, etwas sei merkwürdig, kommt als Antwort 'Geben Sie mir eine Weisung!'. Im Schutz des Redakteursstatuts können hier letztlich alle machen, was sie wollen. Und wenn Du als Chef etwas sagst, steht es am nächsten Tag in der Zeitung."

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foto: orf/milenko badzic

"Taube Ohren"

In der Nachbetrachtung räumt Lindner ein, dass viele Vorwürfe gegen Mück, im Bild mit Kanzler Wolfgang Schüssel aus dem Jahr 2003, berechtigt gewesen seien. Die ÖVP-Führung sei aber nicht bereit gewesen, auf ihn zu verzichten. Sie und andere hätten Schüssel und Molterer auch darauf hingewiesen, dass Mück nicht zu halten sei. "Aber da waren taube Ohren." Dass ihre Wiederwahl 2006 scheiterte und ihr Kaufmännischer Direktor Alexander Wrabetz das Ruder im ORF übernahm, schreibt Lindner denn auch Mück, Schüssel und Molterer zu. "Wolfgang Schüssel und Willi Molterer haben es verbockt. Und sie haben sich selbst am meisten damit geschadet. Ich habe immer gesagt, wir bekommen die Stimmen, aber wir müssen auf den Mück verzichten. Und wie sie kapiert haben, dass es wirklich am Mück liegt, war es zu spät."

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foto: robert newald

"Für Hollywood reicht es, nur für Wien nicht"

Bei der jüngsten ORF-Wahl 2011 setzte sich Lindner für den inzwischen international äußerst erfolgreichen und ursprünglich aus der SPÖ kommenden Gerhard Zeiler ein. "Ich bin wirklich gelaufen, überall. Ich habe angeboten, dass ich die Stimmen der Schwarzen bringe, ich wollte mit den Blauen reden. Und ich war ziemlich weit." Letztlich sei Zeiler aber an seiner eigenen Partei gescheitert und habe zum Schutz der SPÖ abgesagt. "Zeiler war damals in Lans auf Kur. Er hat mich angerufen und gesagt: 'Ich weiß, dass ich sie enttäusche. Aber wenn ich antrete, zerreißt es die Partei.'" Zeiler hätte mit Stimmen von einigen SPÖ-Stiftungsräten rechnen können, Parteichef und Bundeskanzler Werner Faymann wollte damals aber unbedingt Wrabetz verlängern. "Faymann wollte Zeiler nicht. Er hat Angst gehabt, er züchtet sich da einen Nachfolger. Ich habe mir dann halt gedacht, für Hollywood reicht es, nur für Wien nicht. Der ORF hat eine große Chance versäumt."

Als Spielball der Politik hat sich Lindner in ihrer ORF-Zeit aber nicht gefühlt. "Vielleicht war ich es. Aber ich habe mich nie so empfunden, auch wenn ich mich manchmal geärgert habe." (APA, 31.10.2013/red)

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