Martin Prinz: Wie sind wir Männer heute?

3. November 2013, 09:33
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Was wollten wir selbst für eine Art Mann werden? Und wäre es mittlerweile, in einem Alter rund um die vierzig, nicht an der Zeit, die Wünsche mit der Wirklichkeit abzugleichen? Eine Suche

Alles, und nicht weniger, ist der bourgeoise Bohemien als Mann heute: der bessere Koch, die starke Schulter, der fortschrittliche Feminist, die neueste Zielgruppe der Kosmetikbranche, ein erotischer Vulkan und feinfühliger Mitdenker, wie selbstverständlich auch unverzichtbarer Teil von Geburtsvorgängen.

Hört man sich hingegen bei Partnervermittlungsagenturen im Internet um, wird klar, dass es klassisch männliche Rollenbilder sind, die gefragt sind. Der Mann als Beschützer und Ernährer, als starker Held. Zum Fortkommen und Überleben der Menschheit sind wir Männer im Zeitalter der ersten geglückten Klonversuche jedenfalls kaum mehr nötig. Wir sitzen zwar noch an den Schalthebeln von Wirtschaft, Politik und Medien, erhalten als Schauspieler und Sportler stets die höchsten Gagen, genauso wie wir auch in allen anderen Jobs mehr als Frauen verdienen.

Wozu aber Männer noch gut sind, welche Art von Männern es braucht, führt einen zumindest in unserer postindustriellen Gesellschaft tief hinein ins Unklare. Wäre eine derartige Frage vor hundert, ja selbst vor fünfzig Jahren, undenkbar gewesen, als körperliche Schwerarbeit noch einen Gutteil der Produktivität ausmachte, trifft sie heute oft auf Achselzucken, manchmal sogar auf etwas Ähnliches wie Melancholie und Scham.

Dabei zieht sich die Frage nach den Männern mittlerweile durch alle gesellschaftlichen Schichten, quer durch die Generationen. Sie taucht überall auf, wo als Einziges Geld noch arbeitet, wo klassische Männerarbeiten in Billiglohnländer ausgegliedert werden, wo Handwerke verschwinden oder die Landwirtschaft maschinisiert wurde. Sie ist überall dort, wo Kinder keine Väter mehr haben, Schüler keine Lehrer und der Krieger im Videospiel als Held, Platzhalter und Alter Ego dient.

Dabei sind es zum Großteil männliche Entwicklungen, die es unserer vor Information und Beschleunigung beinahe platzenden Welt ermöglichen, dass von der Freundschaft bis zum Krieg alles digitalisiert wird. Doch während in den Medien ein Männertrend dem anderen folgt, mutet die Frage nach dem Mann ungewohnt archaisch an. Sie führt in das dunkle Herz unserer Gegenwart hinein.

Alkoholismus, Spielsucht, Pornografie und Gewalt wohnen dort, und die Statistiken der Psychosozialen Dienste, der Frauenhäuser, Polizeistationen und Ambulanzen sprechen Bände, doch wir Männer sind ziemlich stumm - und bleiben das, im Unterschied zu den Frauen, meist auch, wenn wir reden. Zu leicht geht dann die Prahlerei mit uns durch.

Es bräuchte einen Trick, dachte ich mir, bis mir einer einfiel. Einer, den ich vom Schreiben bereits gut kannte. Denn nie tauchten je richtigere Sätze über mich selbst auf, wenn ich mir eigentlich sicher war, von jemand ganz anderem zu schreiben. Ganz gleich, ob es ein Räuber als Maske war, ein Voyeur oder gar eine Frau.

So begann ich vor drei Jahren, an dem Projekt "Mein bester Freund" zu arbeiten. Männer sollten darin von jeweils einem anderen erzählen, von ihrem besten Freund. Ich wollte ihnen dabei nicht bloß zuhören, sondern vor allem zusehen, wenn im Reden vom Anderen eine Geste, eine Stimmveränderung, plötzliche Hastigkeit oder eine zu lange Pause von keinem mehr als vom jeweiligen Erzähler selbst berichtete.

Es wurde ein Filmprojekt, kein literarischer Text, an dem ich seit 2011/12 mit dem Südtiroler Dokumentarfilmer Andreas Pichler arbeite. Angesiedelt in den Alpen, die uns beide nicht nur in Filmen und Büchern immer wieder beschäftigten, sondern einem ein Panorama von heutigen Männerbildern bieten, wie es kaum woanders zu finden ist.

Männer stürzen sich hier in Wingsuits von Berggipfeln, schrauben sich in Gleitschirmen in die Höhe, jagen ihre Downhill-Bikes über steile Wiesenabhänge und Waldwege bergab oder hängen an zwei, drei Fingern ungesichert in Felswänden. Sie lassen sich zwischen engen Canyoning-Felsen in eiskalte Wildbäche fallen, jagen als Skyrunner über steile, ausgesetzte Singletrails dahin und ziehen im Winter als Freerider ungeahnte Spuren über steilste Schneehänge und Felsabbrüche ins Tal.

Gleichzeitig ist dieser Spielplatz unserer postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft immer noch eine hochkultivierte Agrarlandschaft. Und so hingen tatsächlich etliche Paraglider in der Luft, während wir an einem heißen Tag im letzten Sommer in die Einfahrt des Hofes von Michael P. im Pustertal bogen.

Gerade stieg er verschwitzt vom Traktor, wusch sich noch schnell Hände und Gesicht, dann saßen wir ihm in der Stube gegenüber. Einem Mann von bald siebzig Jahren, im weißen, von der Arbeit gezeichneten Unterleibchen. Sehnig, aufrecht und vermutlich stärker als wir beide zusammen.

Wie so oft während unserer Recherche ist auch an ihm nicht zu übersehen, dass Arbeit die Menschen formt, die Hände, die Arme, die Gesichter. Sichtbare, angreifbare Arbeit macht das - machte das bislang immer. So sieht man Michael P.s Fingern und Händen genau an, mit welcher Kraft sie ihr Holz, ihr Vieh angreifen.

Er ist ein Relikt, das weiß er

Er ist ein Relikt, das weiß er. Doch ohne die Arbeit von Bauern wie ihm könnten die Wiesen und Wälder der Alpen in keiner Weise das mittlerweile beliebteste Sportgerät der Welt sein.

Was aber verkörpern nun genau jene Männer für ihn, die als Skydiver und -runner, Paraglider, Kletterer, Höhenbergsteiger, Freerider oder Mountainbiker die Restbestände ihres Mannseins hier ausleben, während sie zu Hause selbstverständlich kochen und bügeln, Geschirr und Wäsche waschen, in Karenz gehen und ihre Babys und Kleinkinder in Tragtüchern eng am Körper tragen.

Und was denkt er von uns zwei, wenn wir an diesem Sommertag, mit unserer kleinen Kamera, die all das zu Recherchezwecken aufzeichnet, in Sneakers, Jeans und T-Shirt an seinem Stubentisch sitzen? Unser Ton, unser Jargon, Kleidung wie Rasur, alles an uns erzählt, dass eine Begegnung mit ihm für uns nur etwas wie Archäologie sein kann - während uns das Eigene dabei ganz diffus wird.

Was wollten wir eigentlich selbst für eine Art Mann werden? Und wäre es mittlerweile, in einem Alter rund um die Vierzig, nicht an der Zeit, die alten Wünsche mit der Wirklichkeit abzugleichen?

Vieles wollten wir vor allem nicht sein. Nicht so wie unsere Väter, die sich immer schämten, wenn sie einmal die Kinderwägen schoben oder Geschirr abwuschen, während der ironisch abgefederte Vorwurf "Typisch Mann!" damals selbst in konservativ-bürgerlichen Familien bereits Einzug gehalten hatte. Stattdessen wollten wir unsere Frauen wirklich ernst nehmen, unseren Kindern auf Augenhöhe begegnen, und wir fühlten uns schon als Jugendliche den Vätern darin turmhoch überlegen.

Heute aber, so kommt mir manchmal vor, stehe ich buchstäblich mit leeren Händen da. Warum etwa hat mir der handwerklich so umfassend versierte Vater keine seiner Fähigkeiten gelehrt. Fehlte dafür bereits bei ihm die Wertschätzung? War es mein unbedingter Wunsch, anders zu werden? Oder nahm ich ihn einfach nur zu wenig ernst, wenn er sich dann doch die Küchenschürze verschämt umband?

Was habe ich nun weiterzugeben? Ich bin mir darüber unsicher. Mein kleiner Sohn hingegen weiß genau, was er von mir will. Er ist gerade erst fünf, er ist geschickt, ziemlich stark und ein gehöriger Angeber.

Er lebt bei seiner Mutter. Fährt er mit ihr Ski, muss er dann und wann pausieren oder aufs Klo, fährt er mit mir, muss er das nie. Genauso wie er auch nicht aus dem Schwimmbad zu kriegen ist, obwohl er es mit seinen Plastikflügeln schon in unzähligen Längen in allen möglichen Lagen durchschwommen hat.

Kannst du diesen Stein heben, will er wissen. Spring hier drüber, verlangt er. Und ich tue es. Nicht als Sport. Nein, wenn ich mit ihm bin, ist es etwas anderes. Ich kann es nicht benennen, doch ich merke, mit ihm kommt etwas zurück, das auf ganz selbstverständliche Weise zu mir gehört.

Nicht weil aus mir noch einmal ein Jäger oder Krieger werden soll. Doch offenbar taucht auf diese Weise etwas auf, das man schlicht und einfach als das spürt, was man als Teil der Menschheitsgeschichte gar nicht so schnell loswerden kann. Es hat keinen Namen, doch es fühlt sich wie ein Lächeln an.

Es darf ruhig bleiben. (Martin Prinz, Album, DER STANDARD, 2./3.11.2013)

  • "Hört man sich bei Partnervermittlungsagenturen im Internet um, dann wird klar, dass es klassisch männliche Rollenbilder sind, die gefragt sind."
    foto: reuters/mike segar

    "Hört man sich bei Partnervermittlungsagenturen im Internet um, dann wird klar, dass es klassisch männliche Rollenbilder sind, die gefragt sind."

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